Sterbehilfe – wem gehört (m)ein Leben? Ein Podium zum Stück GOTT

Sterbehilfe – wem gehört (m)ein Leben? Ein Podium zum Stück GOTT

Im Rahmen des «endlich menschlich»-Festivals brachte das «Theater in Thun» am 29. und 30. Oktober im KKThun «GOTT» – ein Theaterstück von Ferdinand von Schirach zur Aufführung. Das Stück und das Podium im Anschluss, welches UND Generationentandem organisierte, warfen tiefgründige Fragen zu selbstbestimmtem Lebensende, Menschenwürde und ethischer Verantwortung auf.

Für einmal gab es keine erhöhte Bühne im Schadausaal des KKThun, kein prächtiger Vorhang gab den Blick auf die Szenerie frei. Als um 19.30 Uhr die Lichter erloschen, betraten die Schauspieler:innen von rechts und links den als Gerichtssaal inszenierten Bühnenraum. Einige wenige Tische, ausgestattet mit Namensschildern, bildeten das Zentrum des Geschehens. Das Publikum sass rundherum und war im vorderen Drittel nicht wie gewohnt in Reihen angeordnet, sondern unmittelbar in die Szenerie eingebunden.

Die Bühnenatmosphäre wirkte kühl, beinahe steril. Doch die nächsten zwei Stunden versprachen das Gegenteil: nämlich hitzige Diskussionen. Zwar nicht unbedingt Diskussionen zu Klamauk, Liebe, Verrat oder Intrigen, die man an einem ausgelassenen Theaterabend erwartet, sondern Diskussionen rund um die Frage, wem unser Leben und unser Sterben gehören.

Sterile Atmosphäre und hitzige Diskussionen. (Probeaufnahme)
Bild: Bild: Hans-Peter Rub

Sie will sterben so wie sie gelebt hat

Elisabeth Gärtner, gespielt von Heidi Maria Glössner, ist die Hauptfigur im Drama «GOTT» von Ferdinand von Schirach. Frau Gärtner ist 78 Jahre alt, weder unheilbar krank noch leidet sie an Schmerzen. Vor drei Jahren verlor sie ihren Mann, mit dem sie 42 Jahre lang verheiratet war. «Er ist weg und ich bin noch da.» Er fehlt ihr bei allem, was sie tut, und sie sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Sie will nicht warten, bis sie irgendeinmal krank wird und leiden muss, wie es bei ihrem Mann der Fall war. Sie will nicht im Krankenhaus landen, angeschlossen an medizinischen Geräten. Sie will sterben, so wie sie gelebt hatte. Und zwar jetzt. Mit diesem Wunsch wendete sich Elisabeth Gärnter an ihre Augenärztin und bat sie um Beihilfe beim assistieren Suizid.

Basierend auf dieser Grundlage versammelt sich in Ferdinand von Schirachs Theaterstück der fiktive Ethikrat. Nicht nur die Schauspieler:innen, sondern auch das Publikum ist Teil des Gremiums und soll über das Schicksal von Elisabeth Gärtner entscheiden.

«Er ist weg und ich bin noch da», Elisabeth Gärtner will nicht mehr leben. (Probeaufnahme)
Bild: Hans-Peter Rub

Die rechtlichen Fragen zur ärztlichen Assistenz beim Suizid sind seit einem Grundsatzentscheid des Schweizerischen Bundesgerichts 2006 geregelt. Ärzt:innen dürfen Suizidhilfe leisten, wenn die Person die nötigen Bedingungen erfüllt. Die Ärzteorganisation FMH hat 2022 ihre Richtlinien angepasst und befindet die Suizidhilfe nur dann als zulässig, wenn jemand unerträglich leidet. Frau Gärtner würde es demnach in der Schweiz schwer haben, ihren Sterbewunsch mit ärztlicher Unterstützung umzusetzen.

Dammbruch oder Freiheit?

Das Schweizerische Strafgesetzbuch erlaubt allen Personen – also auch Ärzt:innen – unter festgelegten Bedingungen Beihilfe zum Suizid zu leisten. Aber sollen sie es auch tun? Bei einer kerngesunden Elisabeth Gärtner, die keinen Lebenssinn mehr sieht? Oder bei einer 30-jährigen Frau, die sich nach einem selbst verschuldeten Verkehrsunfall nicht vergeben und diese Last nicht mehr tragen kann?

Ferdinand von Schirach beleuchtet in «GOTT» die Konsequenzen, die ein potentielles Nein auf diese Fragen nach sich ziehen würde. Wird die Person, die nicht mehr leben will, dann auf den klassischen Suizid zurückgreifen und das Risiko eingehen, dass der Versuch missglückt und sie dann ein noch weniger erträglicheres Leben leben muss? Wäre es in solchen Fällen nicht würdevoller, mit einem Medikament friedlich zu sterben, wann und wo die Person es wünscht?

Die Sachverständigen im Gerichtssaal sind sich nicht einig darüber, ob Elisabeth Gärtner sterben darf. Rechtlich gesehen ist Suizid keine Straftat, aber ist er es aus ethischer Perspektive? Führen assistierte Suizide zu einem Dammbruch in der Gesellschaft? Wird Freiheit zu Zwang und fühlen sich alte und kranke Menschen bald als Belastung der Gesellschaft? Wird man ihnen bald die Frage stellen, wofür sie noch leben bleiben, wenn sie doch sterben könnten?

Der Anwalt von Elisabeth Gärtner in der Diskussion. (Probeaufnahme)
Bild: Hans-Peter Rub

Diese Befürchtungen kommen im Theaterstück von Seiten der Ärzt:innen auf. Sie sehen die Beihilfe zum Suizid nicht vereinbar mit der ärztlichen Pflicht, Leben zu erhalten. Verlieren Patient:innen das Vertrauen zu ihrem Arzt, wenn er bereit ist, die tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital zu verschreiben? Oder gewinnen die Patient:innen mehr Vertrauen, weil sie wissen, dass die Ärztin auch im Falle eines Sterbewunsches für sie da ist?

Das Thuner Publikum sagte Ja

Es sind schwierige Fragen, auf die es keine leichten Antworten gibt –  die wichtigste Frage, die stellte sich erst ganz zum Schluss: Soll es Frau Gärtner erlaubt sein, die tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital zu erhalten? Das Publikum hatte eine Minute Zeit, um abzustimmen. Das Resultat im Schadausaal fiel mit 64% Ja-Stimmen doch relativ klar aus.

Die Mehrheit an Ja-Stimmen bei der Abstimmung sei laut Heidi Maria Glössner die Regel, wie sie im anschliessenden Podiumsgespräch erzählte. In den fünf Jahren, in denen sie als Frau Gärnter auf der Bühne steht, gab es noch nie ein Nein.
Nebst Heidi-Maria Glössner waren der Thuner Hausarzt Guy Pauchard und Veronika Michel, Pfarrerin der Reformierten Kirchgemeinde Steffisburg, Gäste auf dem Podium.

Heidi Maria Glössner, Guy Pauchard, Veronika Michel und Elias Rüegsegger: Das Podium von UND Generationentandem im Anschluss an das Stück.
Bild: Hans-Peter Rub

Würde als höchstes Gut

Guy Pauchard hat langjährige Erfahrung als Hausarzt. In 22 Jahren seien lediglich fünf seiner Patienten mit EXIT aus dem Leben geschieden. «Für mich ist die Würde der Patienten das höchste Gut.» Und da gehöre, laut Guy Pauchard, auch ein selbstbestimmtes Ende dazu. Deshalb habe er in der Publikumsabstimmung ein Ja eingelegt. Er widerspricht damit dem ärztlichen Standpunkt im Theaterstück.

Hat eine liberale Ansicht: Hausarzt Guy Pauchard.
Bild: Hans-Peter Rub


Die liberale Meinung Guy Pauchards begrüsst Heidi Maria Glössner sehr. Nicht nur als Elisabeth Gärtner beschäftigt sie sich mit dem selbstbestimmten Sterben. Auch als Privatperson liegt ihr das Thema am Herzen: «Wenn ich irgendeinmal keine Lebensfreude mehr empfinde und ich das Leben nicht mehr ertragen kann, möchte ich sterben können», sagt die Schauspielerin.
Eine andere Haltung vertritt Pfarrerin Veronika Michel. Sie habe Mühe damit, wenn gesunde Menschen aus dem Leben scheiden möchten. «Mit dieser Entscheidung signalisieren sie, dass sie die Hoffnung auf Besserung aufgegeben haben», sagt sie.

Pfarrerin der Reformierten Kirchgemeinde Steffisburg, Veronika Michel, beim Podium.
Bild: Hans-Peter Rub

Richtet sich eine solch hoffnungslose Person an ihren Hausarzt oder ihre Hausärztin, dann liegt eine grosse Verantwortung bei einer Einzelperson. Können und wollen Ärzt:innen über Leben und Tod entscheiden? Guy Pauchard kennt diese Situation und betont, dass diese «Macht», wie er die Entscheidung über Leben und Tod nennt, nicht immer einfach anzunehmen ist.

Wem gehört unser Leben? Und wem unser Sterben? Mit diesen Fragen betrat das Publikum den Saal. Mit einigen Antworten, vielleicht aber auch mit noch mehr offenen Fragen, verliess es ihn wieder. Denn die Frage nach einem selbstbestimmten Leben und Sterben beschäftigt alle weit über einen einzigen Abend hinaus.

Die Fragen bleiben – auch nach dem Stück und der Podiumsdiskussion im Schadausaal.
Bild: Hans-Peter Rub

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