Im Begegnungszentrum in Steffisburg hat UND Generationentandem am 16. April 26 eine hoch engagierte Frau vorgestellt: Annette Keller, ehemalige Direktorin der Justizvollzugsanstalt Hindelbank.
Zwei schöne Dialekte aus der fernen Ostschweiz im urbernischen Gebiet: Tabea Keller von UND Generationentandem präsentierte und befragte Annette Keller – ursprünglich vom thurgauischen Bodensee-Ufer.
Einige Daten zur Biografie: Geboren 1961 in Ermatingen, aus halb bäuerlicher Familie in die Lehrerinnen-Ausbildung, die das Humanistische mit guten Berufsaussichten verband. Später ein Studium der Theologie, Pfarramt. (Annette Keller distanzierte sich vom Evangelikalen hin zur Befreiungs-Theologie.) Mit 38 Jahren neue Orientierung: erstmals in Hindelbank; Ausbildung zur Sozialarbeiterin; später auch in Management. Von 2011 bis 2024 Direktorin in Hindelbank.
Zudem ab 1994 Wahlbeobachterin in diversen Ländern. Heute Mitglied der Kommission zur Verhütung von Folter.
So viele verschiedene Tätigkeitsfelder! Annette Keller gibt eine zweideutige Erklärung: Entweder habe sie nicht gewusst, was sie wollte – oder sie hatte überall das Interesse, etwas Praktisches zu leisten, mit und für Menschen zu arbeiten, besonders für Schwächere. Für diese hat sie sich schon als Schülerin eingesetzt – ihnen Lösungen zugespielt etwa.
Auch für ihr bekanntestes Engagement war dieser Aspekt wichtig. Sie liess sich – nach dem Pfarramt – auf die Arbeit in einer Haftanstalt ein, weil sie vom Schicksal vieler Insassinnen erfahren hatte; so dem der «Mulas» (Maultiere: der Drogentransporteurinnen). Sie sollte entdecken, was für Biografien es gab, die sich radikal von der ihren unterschieden – und die sie verstehen, respektieren musste.
Ein dreiminütiger Film, der 2021 zum Jubiläum der Anstalt Hindelbank (125 Jahre) entstanden war, zeigte nun, wie’s dort aussah und funktionierte, aus der Sicht einer Insassin. Hindelbank, die einzige Einrichtung nur für Frauen in der Deutschschweiz; und heute ein anerkanntes Modell für den Strafvollzug. Positive Bilder, zu denen es häufig Reaktionen gibt wie: «zu schön – werden die verwöhnt!»
Da musste Annette Keller klarstellen: Es gibt zwei Arten Gefängnisse.
In ein Regionalgefängnis kommt jemand, solange über ihn/sie untersucht wird. Hier geht’s darum, jemanden nicht entwischen zu lassen.
«Und da [in der Justizvollzugsanstalt] sollte das Leben so gut wie möglich dem draussen entsprechen.»
Annette Keller
In einer Justizvollzugs-Anstalt hingegen bleibt man oft jahrelang. Und da sollte das Leben so gut wie möglich dem draussen entsprechen. Es geht darum, dass man seine Fähigkeiten nicht verliert, sondern gar verbessert.
Ein heute verbreitetes Prinzip stellt die «dynamische Sicherheit» dar, die nicht nur technische und organisatorische Aspekte einschliesst, sondern vor allem auch das Zwischenmenschliche. «Es kommt darauf an, wie man mit Menschen umgeht», sagt Annette Keller. Respekt ist zentral. Und das Gute sehen zu wollen. Auch bei Menschen, die einen manchmal nervten.
Hindelbank ist für Frauen angelegt. Diese haben spezifische Bedürfnisse, denen man Rechnung trägt, so im Gesundheitsbereich. Frauen sind fragiler. Und sie werden schwanger. 60 Prozent der Insassinnen sind Mütter. Aber nur wenige leben hier mit einem Kind; etliche gebären hier. Als «Herz der Anstalt» empfand Annette Keller den Mutter-Kind-Trakt, der sechs Plätze bietet. Ein Kind kann bis 3jährig da bleiben. Werktags geht es in die Kita der Gemeinde.
«Frauen sind schlauer.»
Annette Keller
Männer? Die werden ja viel häufiger kriminell. «Frauen sind schlauer», war eine ironische These dazu. Doch viele Frauen bringen leidvolle Erfahrungen mit Männern mit. Was bedeutet das in Hindelbank? In den Wohngruppen sind zumeist Frauen tätig. Aber in andern Bereichen arbeiten auch Männer. Das ist wichtig, denn verunsicherte Insassinnen sollen sehen, «dass es auch anständige Männer gibt».
Annette Keller war Direktorin. Dieser Rolle musste sie sich bewusst sein – und sie anderen klar machen. Doch das schliesst Mitgefühl nicht aus. Auch im Team nahm sie ihre Rolle wahr; aber nur im Team war es möglich, «eine Kultur zu entwickeln, wie man Probleme löste». Ein treffendes Bild fürs Gefängnis: Da herrschen Regeln; die bilden ein Gitter. Aber ein Gitter hat Zwischenräume, die genutzt werden sollen.
Zu dieser Neben-Aktivität musste Annette Keller zunächst Fakten liefern.
Seit 1989 organisierte die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) Einsätze, vorweg in den neuen Demokratien im Osten. Die Schweiz befand, dies vertrage sich mit der Neutralität. Die UNO dehnte es auf andre Kontinente aus. Annette Keller, die schon in Südafrika gelebt hatte, sollte dort die ersten freien Wahlen mitbekommen, was sie sehr berührte.
Das EDA (Aussen-Departement) verfügt über einen Pool von Mitwirkenden; dazu kommen ParlamentarierInnen. Wenn Wahlen anstehen, reist zuerst eine Kerngruppe in die Hauptstadt. Dann folgen die Langzeit-BeobachterInnen, die aufs Land verteilt werden und ca. 6 Wochen lang viele Gespräche führen, um die Situation zu dokumentieren. Am Wahltag finden sich dann Kurzzeit-BeobachterInnen in den Lokalen ein. Diese Teams können nur hinschauen und berichten. Doch zeigen ihre Empfehlungen für später hoffentlich Wirkung.
Aktuelles Beispiel Ungarn: Es ist wichtig, nicht nur den Wahltag selbst, sondern gerade die Kampagnen vorher zu beurteilen – viel Ungrades passiert dort.
Annette Keller sagt, sie habe auch hier zahlreiche interessante Leute kennengelernt. Und gesehen, «wie wertvoll ein funktionierender Rechtsstaat ist».
Ihre Mitgliedschaft in der Anti-Folter-Kommission stellt bestimmt eine Fortsetzung ihres andauernden Einsatzes dar.
In diesem lebendigen, aber auch informativen Gespräch ist eine eindrückliche Person erschienen.
Einige ihrer Grundsätze seien noch wiedergegeben.
«Ich gehöre nicht zu den Mächtigen», stellt Annette Keller fest. Aber diese beherrschten die Welt mehr denn je; sie übten das Recht des Stärkeren. Anerkannte Regeln würden missachtet.
Im Strafvollzug – im Gegenzug zu ihren Errungenschaften – werde zunehmend Strenge gefordert. Gefängnisse sollten offenbar unserem Sicherheits-Bedürfnis dienen; wir glaubten, damit Null-Risiko zu erreichen.
Dem hält Annette Keller eine jüdische (chassidische) Geschichte entgegen: Der Rabbi antwortet auf die Frage, wie man Nacht vom Tag unterscheiden könne: Tag ist, wenn du in den Augen deines Gegenübers deinen Bruder, deine Schwester erkennst.