Lebensübergänge können uns vor grosse Herausforderungen stellen und werden oft von Krisen begleitet. Im Begegnungszentrum von UND Generationentandem spricht Pasqualina Perrig-Chiello, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie, mit Moderatorin Heidi Bühler-Naef über Haltungen und Bedingungen, die diese Übergänge erleichtern und Krisen, die uns letztendlich stärken.
Für Pasqualina Perrig-Chiello sind kritische Lebensübergänge Chancen für persönliches Wachstum, Stärkung und gelingendes Leben.
Um die neunzig interessierte Menschen versammeln sich im Begegnungszentrum. Neben Vereinsmitgliedern sind auch viele neue Gesichter hier, Jung und Alt. Der Saal fasst nicht alle Teilnehmenden, das Gespräch wird in einem separaten Raum auf einer Leinwand übertragen. Der Anlass regt zum Nachdenken über das eigene Leben an, das Thema betrifft uns alle.
Pasqualina Perrig-Chiello verbrachte ihre ersten sieben Lebensjahre mit Mutter und Schwester bei ihrem Nonno im Friaul. Der Vater arbeitete als Saisonnier in der Schweiz und war in diesen Jahren kaum präsent. Ihre ganz grosse Bewunderung galt dem Nonno, einem Schmied und Allrounder, der ihre zentrale Bezugsperson und Vaterersatz war. Die Schmiede war ein magischer Ort: die Faszination des Feuers, der rhythmische Schlag von Hammer auf Amboss, das grossartige handwerkliche Können. Das Mädchen erhielt ein eigenes Set mit kleinen Werkzeugen, das sie noch heute in Ehren hält.
Der Nonno konnte Traktoren reparieren, Pferde beschlagen, Zähne ziehen (dank passender Zängelchen und ausreichend Grappa), Grabkreuze und Messer schmieden. Auch seine Enkelin hat er in ihrer Autonomie bestärkt. Er sagte oft: «Du kannst alles – egal, woher du kommst. Mach einfach!».
«Du kannst alles – egal, woher du kommst. Mach einfach!».
Nonno
Und sie ist Vieles geworden: Professorin für Entwicklungspsychologie, Forscherin, Familientherapeutin, Autorin, Präsidentin von «connect!», Vizepräsidentin Seniorenuniversität Bern und Expertin für die Lebensfragen Einsamkeit, Lebensübergänge, Generationen und Beziehungen.
Das Werkzeugset erinnert sie an das rhythmische Hämmern, an das zielstrebige Bearbeiten eines Rohlings im Wissen um das Produkt und hilft der Autorin beim täglichen Schreiben – es sei wie Schmieden: rhythmisch dranbleiben und das Ziel vor Augen haben, in der Zuversicht, dass es gelingt.
Im Alter von sieben Jahren zog sie mit der Familie ins Wallis zum Vater, der Nonno blieb zurück. Vielleicht habe damals ihre Faszination für Lebensübergänge und kritische Lebensereignisse begonnen.
Sie konnte die Sprache nicht, war ausgeschlossen und isoliert, das «Tschinggi» eben. Da sie im italienischen Kindergarten aber bereits lesen, schreiben und rechnen gelernt hatte, war sie den einheimischen Kindern voraus und lernte innerhalb eines Jahres die neue Sprache. Der kritische Übergang hat das Mädchen nicht gebrochen, weil sie durch Mutter und Grossvater früh Bindungskonstanz erfahren hat. Bindungskonstanz und «Vorschussvertrauen» in ein Kind sind sehr wichtig für sichere Bindungen im späteren Leben, auch in der Arbeitswelt. Pasqualina Perrig-Chiello vertraut den Menschen grundsätzlich und ging schon immer unvoreingenommen, wenn auch nicht naiv, auf Menschen zu.
«Ich vertraue den Menschen grundsätzlich und gehe unvoreingenommen, wenn auch nicht naiv, auf Menschen zu.»
Pasqualina Perrig-Chiello
Als Arbeiterkind mit italienischen Wurzeln schien die Zukunft vorgezeichnet – Schulabschluss und Lehre – wäre da nicht dieses Fräulein de Riedmatten gewesen, eine beeindruckende Lehrerin in der Sekundarschule. Sie überzeugte Pasqualina, den gymnasialen Weg einzuschlagen. Ohne sie, davon ist die emeritierte Professorin heute überzeugt, wäre ihr Leben ganz anders verlaufen. Im entscheidenden Moment habe sie die Weichen gestellt.
Pasqualina Perrig-Chiello wählte ein «schnelles» Studium – die Heilpädagogik. Während dem Jahrespraktikum in einem Briger Kindergarten musste sie reihenweise Kleinkinder abklären. Allerdings wurden die Resultate von der IV nur mit der Unterschrift eines Psychologen anerkannt.
Kurzerhand entschied sie sich, selbst Psychologie zu studieren – einmal mehr «machte sie einfach»! Sie gründete früh eine Familie, promovierte 1981 und arbeitete einige Jahre als Familientherapeutin. Forschung und Lehre fehlten ihr aber zunehmend.
Pasqualina Perrig-Chiello bezeichnet sich als unendlich neugierig, sie habe einen grossen Wissensdurst, sie suche nach Erklärungen und sie unterrichte gerne. «Forschung ist etwas vom Schönsten für mich». Deshalb war die Rückkehr an die Universität der nächste logische Schritt.
«Forschung ist etwas vom Schönsten für mich».
Pasqualina Perrig-Chiello
Dazu gehört auch die Beschaffung von Forschungsgeldern und die Bewertung von Gesuchen. Als Mitglied des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds war Pasqualina Perrig-Chiello in viele Forschungsprojekte involviert. Der Forschungsrat konnte eigentlich immer frei entscheiden und stand politisch nie unter Druck. Eher hatten gewisse «Modeströmungen» einen Einfluss: Ist reine Forschung besser als angewandte Forschung? Die Expertin befürwortet eine angewandte, inter- und intradisziplinäre Forschung, denn nur so könnten drängende gesellschaftliche Fragen beantwortet werden.
Unser Zeitalter sei altersdiskriminierend – sowohl gegenüber Alten wie gegenüber Jungen. Verständlicherweise existieren sehr viele Stereotypien, negative wie positive. In einer sehr komplexen Welt mit zu vielen Informationen möchten wir möglichst schnell sortieren und ein Urteil fällen. Dies habe aber verheerende Auswirkungen auf die Gesellschaft. Aussagen wie «alte Leute sind konservativ, langsam im Denken oder leben auf Kosten der Jungen» hätten extrem negative Folgen. So «invalidisieren» wir uns im Hinblick auf das Alter selbst und lassen ein grosses gesellschaftliches Potenzial ungenutzt. Studien zeigen, dass sich die Übernahme negativer Altersstereotypien direkt auf unsere kognitiven Fähigkeiten im Alter und unsere Leistungsfähigkeit auswirkt und die Lebenserwartung tatsächlich um 7,5 Jahre reduziert. Wenn wir mit negativen Vorurteilen und Bildern durchs Leben gehen, werden wir uns auch so verhalten.
«Die Forschung zeigt, dass wir uns so selbst «invalidisieren» und damit ein grosses gesellschaftliches Potenzial ungenutzt lassen.»
Pasqualina Perrig-Chiello
Je vertrauter wir mit Menschen sind, umso differenzierter wird unsere Sichtweise und Vorurteile lösen sich auf. Je weiter weg diese sind, desto weniger wissen wir über sie und wir greifen deshalb zu Stereotypien. Dieses Nicht-Wissen umeinander sei erschreckend, sagt die Entwicklungspsychologin und zitiert eine 27-jährige Bloggerin: «was machen Rentner:innen eigentlich 30 Jahre lang?».
Insgesamt haben alle Generationen zu wenig Austausch, zu wenig Begegnungsorte, zu wenig Wissen. Es fehlt weitgehend eine Kultur des gemeinsamen Handelns. Pasqualina Perrig-Chiello wünscht sich mehr Neugier, mehr Geduld füreinander und mehr Mut, aufeinander zuzugehen.
Pasqualina Perrig-Chiello liebt das Konzept der «Generativität»: «Ich bin für andere da, ich hinterlasse der Nachwelt etwas». Mit zunehmendem Alter steigt dieses Bedürfnis, sei es als Grosseltern, als Lehrmeister:in, als Klimaseniorin. Dabei sind es vorab Frauen, die Zeit und Geld spenden. Und dies, obwohl Armut und Alter vor allem bei dieser Personengruppe zusammen-kommen. Generativität sei nicht nur altruistisch, sondern mache glücklich und schaffe Sinn: «Ich werde gebraucht, ich kann helfen».
«Generativität macht glücklich und schafft Sinn, bis ins hohe Alter.»
Pasqualina Perrig-Chiello
In ihrem Buch «Own your age» (Beltz, 2024) beschreibt Pasqualina Perrig-Chiello, was wir für das Glück in der zweiten Lebenshälfte brauchen und wie wir unser Alter stark und selbstbestimmt gestalten können.
Forschungen zeigen, dass die Lebensqualität nur zu einem Drittel von den Genen und zu zehn bis 15 Prozent durch frühkindliche Umstände bedingt ist. Der Rest wird durch Bildung und Lebensstil bestimmt.
«Alter ist kein Schicksal. Es ist dein Alter – besitze es. Du bestimmst, was du daraus machen willst!».
Pasqualina Perrig-Chiello
Je mehr wir wissen, desto zielstrebiger können wir unser Leben gestalten und Lebensübergänge gut bewältigen, sagt die Vizepräsidentin der Seniorenuniversität.
Lebenslanges Lernen bedeutet auch, dass wir uns stetig weiter entwickeln, uns neu erfinden. Dazu brauchen wir eine «Werkzeugkiste» mit Tugenden und Charakterstärken. Die positive Psychologie beschreibt aufgrund von Langzeitstudien, welche sechs Tugenden und dazugehörigen Charakterstärken zu einem gelingenden, zufriedenen Leben beitragen:
Aktuell stehen auch Gesellschaft und Weltpolitik vor sehr kritischen Übergängen. Aus der Sicht von Pasqualina Perrig-Chiello braucht es sogar eine Portion Zynismus, für den Umgang mit aktuellen Bedrohungen.
Die Schweiz sei «Weltmeisterin im gesund alt werden», habe aber grossen Nachholbedarf bei der Stärkung von Familien. Pflegende Angehörige und familiäre Care-Arbeit werden kaum anerkannt, obwohl sie systemrelevant sind.
Lebensübergänge fordern uns heraus. Entscheidend ist, ob wir daran zerbrechen oder weitergehen. Am besten: bewusst, mit Würde, Dankbarkeit und Humor.
«Humor ist etwas, das die Gesellschaft zusammenhält, er ist sozialer Kitt und bietet Trost für das Gefühl, auf diesem seltsamen Planeten zu Hause zu sein.»
Patrick Chappatte, Karikaturist
Und so endet auch ein anregender Abend mit vielen Begegnungen, Gesprächen und Lachen beim abschliessenden Apéro im Bistro.
Ein Abend mit einer inspirierenden Persönlichkeit: zuhören, diskutieren, mitdenken. «Begegnung mit…» von UND Generationentandem lädt zum Austausch mit Menschen aus Politik, Wissenschaft oder Kultur ein. Dieses Format ist – neben Generationentalks, Politpodien, Generationenforen – ein fester Bestandteil des Programms von UND Generationentandem. «Begegnung mit …» wird unterstütz von der Raiffeisenbank Steffisburg.
