Mittwoch, 12.08.2026
Er gilt als einer der einflussreichsten Pädagogen der Schweiz: Roland Reichenbach. Ein Mann, der Zitate am Laufmeter produziert und bei der Frage nach dem Sinn von Schule und Erziehung gerne auch mal kantig antwortet. Eine Begegnung über das «wackere Herz», die Macht der Wandtafel und warum wir heute alle ein bisschen «Blabla» sind.
Roland Reichenbach macht es einem nicht leicht. Einfache Rezepte für das Bildungssystem suchte man bei ihm vergebens. Er bezeichnet sich selbst als «fröhlichen Pessimisten» und als «linkskonservativ», was ihn im heutigen Diskurs zur Reibungsfläche macht. Im Gespräch mit Moderator Elias Rüegsegger wurde schnell klar: Roland Reichenbachs Denken ist kein sanftes Begleiten, sondern eine Aufforderung, die Welt als ärgerliche, aber notwendige Tatsache anzuerkennen.
Dass in ihm eine seelsorgerliche Ader steckt, zeigte sich, als er eine Begegnung im Bahnhof von Fribourg schilderte. Er unterstützte dort eine Studentin bei ihrer Arbeit, als ihn ein älterer Mann am Nebentisch ansprach: «Sind Sie Pfarrer?» «Da dachte ich: Vielleicht bin ich Pfarrer. Verkappt.» Und tatsächlich: In seinem Eintreten für die unersetzbare Präsenz der Lehrperson steckt viel von diesem verkappten Pfarrer, der überzeugt ist, dass ein Mensch – mit all seinen Ecken und Kanten – für andere ein Vorbild sein muss.
Ein zentraler Punkt des Gesprächs war Roland Reichenbachs Kritik an der modernen Pädagogik, die oft versucht, Bildung in eine harmonische Wohlfühlatmosphäre zu betten. Für ihn ist das ein Irrtum. Er plädiert dafür, dass Bildung auch stören darf. Er spricht von der «Eindrucksfähigkeit» des Kindes und der Notwendigkeit, aus den «Sümpfen» herausgezogen zu werden – sei es der Sumpf der Trägheit, der Schüchternheit oder des Egozentrismus.
Dabei spielt die «Einbildung» eine zentrale Rolle, auf die er sich in Anlehnung an den Mystiker Meister Eckhart bezieht: Für ihn ist das der Prozess, in dem man die Welt aufnimmt und sie sich zu eigen macht – eine notwendige Voraussetzung für jede Formung. Besonders deutlich wurde das auch, als er die Rolle der Eltern thematisierte. Er stellt die These auf, dass heutige Eltern zu sehr von ihren Kindern geliebt werden wollen. Sein pädagogisches Gegenmodell: «Ich glaube, es ist besser, wenn man die Welt liebt.» Erziehung bedeutet für ihn deshalb nicht, das Kind zu fragen: «Was möchtest du?», sondern dem Kind die Schönheit der Welt zu zeigen – die Bäume, die Kunst, die Disziplin. «Es geht in der Erziehung darum, dass das Kind ein wackeres Herz [nach Immanuel Kant] bekommt», so sein Appell.
Wenn Roland Reichenbach über die Schule spricht, wird er fast schon nostalgisch – aber nicht, weil er die «alte Zeit» zurück will, sondern weil er den Verlust der menschlichen Resonanz beklagt. Die schwarze Wandtafel ist für ihn mehr als ein Lehrmittel; sie ist ein Symbol für die «Sinnlichkeit» des Unterrichts.
«Das Lehrmittel zeigt, wie wir unser Leben gestalten. Wenn ich als Lehrperson mir Mühe gebe […] und eine schöne Wandtafelzeichnung gemacht habe, dann merken die Kinder: Der Lehrer oder die Lehrerin hat das für uns gemacht. Sie hat Zeit investiert.»
Dieses Investieren von Zeit ist für ihn das Gegenteil von der heute grassierenden Bürokratisierung. Er warnt davor, die Lehrperson durch Regelsysteme und digitale Oberflächen zu ersetzen, denn: «Die Person ist die lästige Grösse. Sie riecht zum Teil. Sie hat eine schlechte Laune. Sie ist ein echter Mensch. Aber ohne diesen Bezug, diese Menschlichkeit, geht es gar nicht.»
Ausgehend von eigenen, früheren Autoritätsproblemen, die er einst im Kampfsport kanalisierte, schlug Roland Reichenbach im Gespräch auch einen Bogen zum Zustand unserer heutigen Gesellschaft. Er beobachtet mit Sorge, dass der Autoritarismus weltweit zurückkehrt – und sieht darin ein Symptom. Seine kritische Diagnose: Dass der Autoritarismus weltweit Zulauf erhält, ist für ihn «ein Zeichen dafür, dass die Erwachsenen offenbar mit ihrer Freiheit nicht zurechtkommen und eine starke Hand brauchen».
Passend dazu sieht er auch die Demokratie nicht als gemütlichen Ort der Einigkeit, sondern als Antwort auf die unvermeidliche Uneinigkeit. Wer den Diskurs immer als Krieg begreife («Schiess los mit deinen Argumenten!»), habe das Wesen der Interessenkoordination nicht verstanden.
Er erinnerte zudem daran, dass Gemeinschaft und Gesellschaft nicht dasselbe sind: Eine Gemeinschaft basiert auf Zugehörigkeit und Nähe, während eine moderne Gesellschaft eine plurale, bisweilen ärgerliche Tatsache ist, die man nicht «lieben» kann, sondern aushalten muss. Auf die Frage, wie wir stattdessen Gemeinsinn stärken können, verwies er erneut auf Immanuel Kant: Der Gemeinsinn sei die Fähigkeit, über das Eigene hinauszusehen, ohne sich zu verlieren. Er erhofft sich eine Schweiz, die ihre Pluralität wieder stärker aushält – auch im Umgang mit jenen, die man nicht mag.
In diese Skepsis gegenüber einer allzu harmonischen Kuscheldemokratie passt auch sein Angriff auf John Dewey und dessen Idee der «Demokratie als Lebensform». Roland Reichenbach hält solche Ansätze für weitgehend unpolitisch, weil sie Demokratie zu einem pädagogischen Ganzheitserlebnis oder einem «Gottesdienstteil» verklärten, anstatt sie als das zu begreifen, was sie für ihn im Kern ist: ein nüchternes, institutionelles Verfahren zur Regelung von Macht und Dissens.
Am Ende des Abends, als die Frage nach einem persönlichen Fazit aufkam, blieb Roland Reichenbach seinem Stil treu. Er lieferte kein grosses Glaubensbekenntnis, sondern zitierte Walter Vogt: «Die drei Lebensalter des Menschen? Dada. Blabla. Gaga.»
Roland Reichenbachs Auftritt in Thun war eine Einladung, das «Blabla» des pädagogischen Zeitgeistes zu verlassen und sich wieder auf die «wackeren» Tugenden des Selberdenkens und der menschlichen Präsenz zu besinnen. Seine Botschaft blieb, ganz in der Art eines «Pfarrers» in der Aula des Gymnasiums Thun klar: Die Welt ist nicht perfekt, und Erziehung ist keine Dienstleistung – sie ist die tägliche, schwierige Arbeit an uns selbst und an der Welt, die wir gemeinsam bewohnen.