Als Athlet gewann er viele Titel, im Team sammelte er wertvolle Erfahrungen und als Referent teilt er gerne die Geschichten seiner Abenteuerrennen. Der Berner Oberländer Chrigel Maurer ist einer der besten Gleitschirmpiloten weltweit.
Sonntag, 20.04.2025
Gleitschirmfliegen ist deine Leidenschaft, was fühlst du vor dem Start?
Chrigel Maurer: Losgehen zum Fliegen löst bereits ein befreiendes Gefühl aus. Je nach Ziel ist auch Anspannung mit dabei. Vor dem Start ist meist noch viel unklar, aber genau das hält mich wach und aufmerksam.
Der Fokus liegt dann auf dem Flugziel: wo ist der erste Aufwind, wo fliege ich weiter und was lauern wohl für Gefahren. Das Grossartige ist jedoch, dass es kaum noch Platz für anderes im Kopf hat. Probleme gibt es in diesem Moment keine mehr. Psychohygiene nenne ich das.
Das Fliegen birgt Risiken. Nach welchen Kriterien entscheidest du, ob du fliegst oder nicht?
Wir haben viele Hilfen, wie Wetterprognosen, Vorgaben und Empfehlungen, die man schon in der Ausbildung lernt. Dann kommt meine Erfahrung und die der anderen Pilot:innen dazu. Am Ende höre ich meistens auf mein Bauchgefühl. Die Freude, die Zuversicht und eine gewisse Naivität, dass es gut kommt, sind grösser als die Angst. Vor allem in jungen Jahren.
Falls ein Gleitschirmflug nicht so verläuft wie du geplant hast, wie gehst du damit um?
Grundsätzlich suche ich positive Erlebnisse, indem ich mich Schritt für Schritt an die Grenzen herantaste. Wie überall gibt es ein Restrisiko. Wenn dies zuschlägt, versuche ich davon zu lernen oder die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist.
Bei einer Landung hast du nach über 16 Jahren Flugerfahrung den Fuss gebrochen und bist im Spital gelandet. Was bewegt dich nach solchen Momenten zum Weitermachen?
Ich wäge ab und stelle Angst und Freude einander gegenüber. Die Freude überwiegt. Mit dem Älterwerden mache ich mir jedoch mehr Gedanken und sehe die Gefahren. Dies stört mich manchmal, aber gleichzeitig hilft es mir, bewusster und vorausschauender zu
handeln.
Du bist Europameister und dreifacher Weltmeister. Um was geht es dir bei deinen Erfolgen?
Ziele fordern und motivieren mich. Dabei kann und muss ich mich weiterentwickeln und lerne Neues. Es ist die Mischung von sportlichen und mentalen Zielen, an denen ich wachsen kann. Auch die Wettkämpfe als Team finde ich spannend. Die Erfahrungen teile ich gerne in Vorträgen, Workshops mit Teams oder Motivationsseminaren. Dabei geht es um die Geschichte eines Projektes: Wie haben wir es im Team geschafft, was war entscheidend, welche Gedanken stecken dahinter?
Das Fliegen ist zeitintensiv. Wie bringst du Training, Job und Familie unter einen Hut?
Das Zeitmanagement ist in der Tat nicht immer einfach und führt immer wieder zu Spannungen. Heute gelingt es mir besser als früher. Mein Umfeld bringt viel Geduld, Flexibilität und Verständnis auf. Da ich beim Fliegen vom Wetter abhängig bin, entscheide ich kurzfristig. Anderseits gibt es fixe Termine wie Wettkämpfe oder Vorträge. Zu Beginn gab es Diskussionen. Inzwischen ist es selbstverständlich geworden. Dafür bin ich dankbar und wertschätze es.
Nimmst du deine Familie zu den Wettkämpfen mit?
Wir haben es auch schon ausprobiert. Der Spagat zwischen Wettkampf und Familie ist zu gross. Beides hat nicht Platz. Deshalb machen wir lieber Flugferien oder wandern gemeinsam.
Im April 2019 führten wir bereits ein Gespräch mit dir zum Thema Freiheit und Fliegen. Wenn du heute zurückschaust, was hat sich für dich seither verändert?
Seitdem konnte ich wieder schöne Erfolge feiern und auch das Projekt xPeaks realisieren. Ich bestieg zusammen mit Peter von Känel in 51 Tagen alle 4000er Gipfel der Alpen. Die Pandemie hat mich dazu bewogen, weniger zu reisen und mehr online zu erledigen. Das verschafft mir mehr Zeit. Aber im Grundsatz ist alles noch gleich.
Corona hat viele Sportarten eingeschränkt, vor allem Teamsportarten. Wie sehr hatte dies Einfluss auf das Gleitschirmfliegen?
Zu Beginn war es mühsam. Es gab Einschränkung bei den Wettkämpfen. Sponsoren zogen sich zurück. Die Angst war da, dass es nicht mehr weitergeht. Ich blieb positiv und zuversichtlich. Das Homeschooling mit meinen Kindern war eine wertvolle Erfahrung. Ich konnte mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen. Die Familie war von Corona nicht betroffen und blieb gesund. Im Sommer haben punktuell Wettkämpfe stattgefunden.
Mit meiner Partnerin habe ich dann eine Corona-Challenge aufgestellt: alle Gipfel besteigen, die wir von unserer Terrasse in Frutigen sehen. Wir haben es fast geschafft. Das Balmhorn fehlt noch, da dies eher eine schwierige Route ist.
Als selbständig erwerbender Sportler lebst du deine Leidenschaft, gibt es eine Alterslimite?
Hmm, anstellen lassen möchte ich mich nicht mehr – es gibt zu viel Möglichkeiten, was ich mit meiner Erfahrung und meinem Namen machen könnte. Erfahrung als Coach, Trainer, Speaker oder Tandempilot weiterzugeben, sehe ich als grossartige Arbeit.
Kannst du dir vorstellen das Fliegen durch etwas Anderes zu ersetzen?
Zurzeit nicht, zum Glück gibt es keinen Grund dazu.
Wenn du nur noch eine Flugstrecke fliegen könntest, welche würdest du wählen?
Vom Matterhorn an den Thunersee. Der Flug ist nicht sehr weit, bietet aber fast alle schönen Facetten! Die Niesenkette, Homberg, Blueme und das Wallis bilden eine gute «Autobahn», also eine gute Thermik. Über dem See gibt es zu viel Rücken- oder Gegenwind.
Was sind deine Wünsche und Träume für die Zukunft?
Nachdem ich sieben Monate wegen eines Zeckenbisses an Borreliose gelitten habe, ist der Wunsch nach Gesundheit noch grösser geworden. Ich schätze es sehr, täglich an meinem Körper zu arbeiten. Sportlich möchte ich mein Level halten und meine Titel verteidigen. Bis ans Limit zu gehen, ohne den Körper zu überlasten, ist ein Balanceakt. Jetzt freue mich schon sehr auf das nächste Abenteuerrennen. Das Redbull X-Alps ist ein internationaler Wettkampf für Gleitschirmteams im Biwakfliegen über die Alpen. Am 15. Juni 2025 geht es los!