Röcke bis zu den Knien, Strümpfe und Schürzen. Dieses Modediktat kennen Annemarie Voss und Erika Kestenholz aus eigener Erfahrung. Wie gingen sie damit um? Und wie hat sich die Mode seither verändert?
Die beiden Autorinnen können sich an Zeiten erinnern, als Fast Fashion noch kein Thema war. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten Menschen froh, wenn sie genug zu essen und passende Kleider für jedes Wetter hatten. In den folgenden Jahren richteten sich alle nach dem allgemein gültigen Modediktat. Farben, Schnitte und Rocklängen waren bestimmt. Das änderte sich in den 60er Jahren. Und heute – ist quasi alles erlaubt.
Annemarie: In den 1950ern gab es zwar bereits Konfektionsmode, also Kleider «von der Stange», aber in der Nachkriegszeit war es üblich, Kleidung selbst herzustellen – genäht, gestrickt oder gehäkelt. Dabei wurde gespart, Kleidung geflickt und Kinder trugen oft aus den abgetragenen Kleidern der Erwachsenen gefertigte Stücke. Recycling fand direkt im eigenen Haushalt statt.
Erika: Meine Mutter schneiderte die meisten unserer Kleider selbst, allerdings mit Hilfe einer befreundeten gelernten Schneiderin. Da hiess es jeweils Mass nehmen und später Anproben durchstehen.
Annemarie: Besonders unangenehm waren die selbstgestrickten Strümpfe, die vor allem halbwüchsige Mädchen tragen mussten. Erst gegen Ende der Schulzeit waren Helanca- und später Nylonstrümpfe erlaubt oder vorgeschrieben. Diese wurden mithilfe von «Gstältlis», wenig ansehnlichen Miedern, befestigt. Bei kräftigeren Beinen schnürten sie ein und beulten an den Knien schnell aus. Der obere Teil des Oberschenkels blieb oft unbedeckt. Bei den Nylonstrümpfen hatten wir oft mit Laufmaschen zu kämpfen. Der Verschleiss war hoch und die Sache entsprechend teuer. In den 1950er Jahren war es den Mädchen untersagt, in der Schule Hosen zu tragen; stattdessen trugen alle Schürzen.
Erika: Die wollenen Strumpfhosen waren schrecklich! Ich wurde 1964 konfirmiert. Alle Mädchen trugen damals schwarze Röcke oder Zweiteiler, die unters Knie reichten.
«Mit den 1960er Jahren kam Schwung in die Mode: Mary Quant, der Minirock und Twiggy sorgten für Aufsehen – und bei manchen für Ablehnung.»
Annemarie Voss
Annemarie: Mit den 1960er Jahren kam aber Schwung in die Mode. Mary Quant, der Minirock und Twiggy sorgten für Aufsehen – und bei manchen für Ablehnung. Mary Quant verwendete als Erste PVC (Kunststoff) für Regenmäntel und Stiefel und machte bunte, gemusterte Strumpfhosen populär. Für ihre Verdienste wurde Mary Quant 1966 von Königin Elizabeth mit dem «Order of the British Empire» ausgezeichnet.
Erika: Ja, und der Rockabilly-Trend schwappte allmählich von Amerika zu uns nach Europa hinüber. Ich besuchte in den späten 60ern das städtische Lehrerinnenseminar Marzili. Hier spürte man den Umbruch deutlich. Die Handarbeitslehrerin wollte uns noch auf das Tragen einer Schürze einschwören, was ihr nicht gelang. Und im letzten Seminarjahr setzten sich die Hosen unaufhaltsam durch. Ich richtete mich sehr nach der Mode. Ich nähte mir in jungen Jahren auch selbst Kleider nach Schnittmustern, so im Stil von Jacky Kennedy. Diese Deux Pieces gaben elend viel zu tun, aber getragen habe ich sie fast nie. Einmal habe ich mir einen Jupe gekauft, der bis an die Knöchel reichte. Darin fühlte ich mich sehr wohl. Trotzdem verkürzte ich ihn auf Mitte des Knies. Hinterher habe ich das oft bereut.
«Die Jugendmode wurde zum Zeichen des Widerstands gegen das bürgerliche, angepasste Leben der Eltern.»
Annemarie Voss
Annemarie: Der neue Stil beeinflusste nicht nur die Kleidung, sondern auch Frisuren und Make-up.
Erika: Die Frisuren waren auch ein brisantes Thema. Als 12-Jährige wollte ich unbedingt einen Bubikopf wie «alle» andern. Meine Mutter gab erst nach monatelangen Wortgefechten ihr Einverständnis und weinte meinen Zöpfen nach. Die Kurzhaarfrisur wurde für die meisten ein aufwändiges Unterfangen. Jedes Haar bekam seinen Platz. Es wurde toupiert und mit viel Lack gebändigt – und Windstösse waren der Horror. Meine Schwester, die sich über ihre natürlichen Locken nicht freuen mochte, befestigte ihre Haare über Nacht mit Klebestreifen, um sie zu strecken. Das Ziel war ein Bob, um die ich sie dann auch tüchtig beneidete.
«Jetzt trage ich wieder einen Zopf und ziehe Röcke den Hosen vor. Meine Mutter würde sich freuen.»
Erika Kestenholz
Annemarie: Das aufsehenerregendste Kleidungstück der 1960er Jahre war der Bikini, der zwar schon länger existierte, sich jedoch erst in diesem Jahrzehnt wirklich durchsetzen konnte. In den 1970er Jahren bestimmten Schlaghosen, Hippie-Kleidung und lange Haare das Bild bei den Jungen. Der Stil reichte von Mini bis Maxi, jede Person kleidete sich nach eigenen Vorstellungen. Farbenfroh, auffällig und extravagant waren die wichtigsten Merkmale. Alternativ lebende jüngere Menschen gestalteten viel selbst: Aus Gardinen und Vorhängen entstanden neue Blusen, lange Kleider oder Hosen. Abgelegte Kleidungsstücke und Stoffe konnten günstig in Sammelstellen oder beim Roten Kreuz gekauft werden.
Der Punk brachte eine neue Dimension: Wer glaubte, es könne nicht schriller werden, wurde eines Besseren belehrt. Ketten, Nieten und Sicherheitsnadeln definierten die Mode, dazu wilde Frisuren und bunte Irokesenschnitte. Vivienne Westwood avancierte zur Ikone des Punk-Designs. Die Jugendmode wurde zum Zeichen des Widerstands gegen das bürgerliche, angepasste Leben der Eltern. Mode bedeutete mehr als Kleidung, Frisur und Make-up – auch Musik und Literatur gehörten zum Ausdruck einer neuen Generation. Allerdings war das alles nicht ganz neu. Das war schon in den wilden 20er Jahren zum Ausdruck gekommen.
Erika: Jahrzehntelang war es mir eher egal, was ich trug. Die Kleidung musste möglichst bequem und pflegeleicht sein. Jetzt aber trage ich wieder einen Zopf und ziehe Röcke den Hosen vor. Meine Mutter würde sich freuen.