Mit zwölf fand Toby seinen ersten alten Rechner auf dem Heimweg von der Schule – heute rettet er vergessene Geräte vor dem Schrott, archiviert sie für die Zukunft und erreicht mit seinem YouTube-Kanal eine internationale Community. Ein Gespräch mit einem, der Technik nicht hortet, sondern bewahrt.
Priska Troxler: Ab welchem Alter hast du angefangen, dich für alte Computer zu interessieren?
Toby Mittermeier: Die Technik und Elektronik haben mich schon immer fasziniert. Mit zwölf Jahren habe ich auf dem Heimweg von der Schule einen alten Computer gefunden und mit nach Hause genommen. Zu diesem Zeitpunkt interessierten mich vor allem Videospiele. 2020 hat es mich dann wirklich gepackt. Ich habe auf YouTube den Soundtracker von Commodore Amiga entdeckt, des Heimcomputers von 1995. Da ich selbst gerne Musik mache, habe ich mir einen Commodore Amiga für 700 Franken online gekauft.
Woher beziehst du die alten Computer?
Von verschiedenen Online-Plattformen (Ricardo, Tutti, eBay). Wegen meiner Videos auf YouTube werde ich immer wieder von anderen YouTubern kontaktiert, bei denen ich unentgeltlich alte Computer abholen kann. Auch erhalte ich welche aus alten Lagern (Museen). Diese Geräte würden sonst auf dem Elektroschrott landen. Oft sind sie im Lager noch in einem guten Zustand, doch durch den Transport mit dem Gabelstapler sind teilweise Gehäuse oder gewisse Teile beschädigt, so dass sie Pflege und Reparatur erfordern.
Wieviel zahlst du dafür und zu welchen Preisen werden alte Computer gehandelt?
Mein Hobbybudget beläuft sich auf 80 Franken pro Monat. Damit komme ich gut zurecht.
Es gibt jedoch Auktionsseiten, auf denen bestimmte alte Grosscomputer (zum Beispiel von IBM) zu hohen Summen versteigert werden (7’000 bis 30’000 Franken). So war es auch bei der Schliessung des «Living Computers: Museum + Labs» in Seattle (USA) von Paul G. Allen (Mitbegründer von Microsoft) im Jahr 2024.
Wie gross ist inzwischen deine Sammlung und wo lagerst du diese?
Im Nebenhaus meiner Wohnung in Heimberg im 5. Stock (ohne Lift) miete ich eine 120 Quadratmeter grosse Fläche, auf der ich bereits einige Computer eingelagert habe. Da es sich um eine Zwischennutzung handelt, bin ich auf der Suche nach einer Lagerhalle in Münsingen. Weil die alten Computer schwer und gross sind, helfen mir meine Freunde beim Hochtragen. Da ich die erhaltenen Computer auch an andere Interessierte weitergebe oder die Abholung der geschenkten Computer organisiere, ist der Transport ziemlich aufwendig. Meine gute Freundin Misaki aus Basel fährt mich dann jeweils in der ganzen Schweiz herum. Das schätze ich sehr.
«Wenn diese Geräte verschrottet werden, sind sie für immer weg.»
Toby Mittermeier
Weshalb sammelst du?
Meine Überlegung ist folgende: Wenn diese Geräte verschrottet werden, sind sie für immer weg. Ich sammle also, um meine Faszination zu stillen, und nicht, um damit zu prahlen.
Du bist auf YouTube unter @curiouscomputer zu finden. Was ist das Ziel deiner Beiträge?
Mir geht es um die Archivierung und Demonstration alter Computer und deren Funktionsweise. Ich habe mir vieles selbst beigebracht (autodidaktisch). Die Videos erstelle ich allein. Mein Englisch hat sich in den letzten Jahren durch das Schauen von YouTube-Videos und den Austausch mit der Community laufend verbessert. In der Schule waren Sprachen nicht meine Stärke. Inzwischen kann ich meine Beiträge gut kommentieren und bin sicherer geworden.
Deine Videos werden mehrfach abgerufen. Hattest du auch schon Jobangebote oder andere Reaktionen, die auf deine YouTube-Videos zurückzuführen sind?
Ein Jobangebot habe ich bisher noch nicht erhalten. Ich habe jedoch einen Sponsor aus der Leiterplattenproduktion, der mich unterstützt.
Was machst du mit den Geräten, nachdem du sie repariert hast? Verkaufst du sie? (zum Beispiel an Revendo, Filiale Bern)
Finanzielle Aspekte sind für mich nicht relevant. Für mich zählt die Faszination. Deshalb habe ich nicht die Absicht, meine Sammlung loszuwerden. Ich möchte sie archivieren. Businesscomputer wie HP250 (1978), ein relativ kompakter, benutzerfreundlicher und leistungsstarker Business-Computer, sind gefährdet. Sie sind bei Sammlern nicht sehr begehrt. Oft werden sie entsorgt, da kein Interesse vorhanden ist. Nostalgiker und Gamer fokussieren sich auf Spiele (Retrohobby), aber nicht auf diese teils waschmaschinengrossen und schweren Rechner.
Im Refurbishing wird das Produkt überholt und repariert, um einen wirtschaftlichen und ökologischen Nutzen zu erzielen (Kreislaufwirtschaft). Was ist dein Beitrag zum Refurbishing, zum Beispiel das Repair Café im Höchhus?
Zu Beginn war ich im Repair Café im Höchhus aktiv. Durch einen IT-Kollegen habe ich dort auch UND Generationentandem kennengelernt.
Die rasante technologische Entwicklung lässt unsere Computer schnell altern. In kürzester Zeit sind sie Schnee von gestern. Wie stehst du dazu?
Das sehe ich anders. Computer haben eine längere Lebensdauer als je zuvor. In den 90er Jahren war die technologische Entwicklung rasant. Bereits nach einem Jahr war alles veraltet. Heute kann ein Computer auch zehn Jahre lang eingesetzt werden.
Was hat sich deiner Ansicht nach massgeblich zwischen alten und neuen Computern verändert?
Die Computer sind zwar schneller geworden, dafür aber weniger reparierbar. Alte Computer mussten weniger können. Mit dem bezahlbaren Zusatzequipment «debug tools» können sie wieder zum Laufen gebracht werden und «debuggt» werden. Das ist bei den heutigen Modellen nicht mehr möglich.
Der globale PC-Markt setzte im dritten Quartal 2025 sein Wachstum fort. Laut Zahlen des Analystenhauses Gartner kletterten die Auslieferungen im Vergleich zum Vorjahr um 9,4 Prozent auf 75,8 Millionen Einheiten. Was löst dies bei dir aus?
Hier sind Konsumismus und Kapitalismus das Thema. Die Lebensdauer der Geräte ist künstlich vorprogrammiert, sodass Microsoft- und Apple-PCs/Laptops nach ein paar Jahren aussteigen, obwohl sie noch funktionstüchtig wären. Auch die Verkaufstaktik, dass man immer das Neueste haben sollte, sowie Abo-Angebote (beispielsweise der Austausch von Laptops bei Unternehmen oder Handys sowie Angebote von Streamingdiensten wie Netflix oder Spotify) tragen zu dieser hohen Produktion bei. Ich bekomme alte Laptops geschenkt und kann diese jeweils noch mehrere Jahre nutzen.
Im Gegenzug gibt es zum Beispiel das Vintage Computer Festival in Solothurn. Bist du auch vor Ort gewesen?
Ja, dieses Jahr half ich am Stand meiner Kollegin mit. In den letzten Jahren habe ich im VCF in Zürich auch aktiv meine alten Computer ausgestellt.
Mit welcher Community bist du im Austausch? Ist sie englischsprachig?
Meine Community nutzt einen Discord-Server mit Voicechat (Hivemind), in dem wir uns mehrheitlich auf Englisch über Problemlösungen austauschen und gegenseitig helfen.
Du hast technisches Flair. Was machst du beruflich?
Ich habe eine Lehre als Elektroniker EFZ begonnen. Grundsätzlich hat es mir gefallen. Jedoch habe ich die Lehre nach dem ersten Lehrjahr aus gesundheitlichen Gründen beendet. Anschliessend habe ich ein halbjähriges Praktikum am Arbeitsplatz eines guten Kollegen im Museum gemacht. Dort befassten wir uns unter anderem mit alten Computern.
Inzwischen absolviere ich ein Online-Musikstudium im Bereich Elektronische Tanzmusik in Berlin und bin regelmässig im Austausch mit den anderen Studierenden sowie mit bekannten Persönlichkeiten der Szene, die Interviews geben. Unter dem Namen Logicode produziere ich auch eigene Songs, die auf youtube.com (Electric Hope) abrufbar sind. Neben Musikprogrammen setze ich auch Keyboard, Drum Machines oder andere Instrumente ein.