Euphorie. Ernüchterung. Vergessen.

Euphorie. Ernüchterung. Vergessen.

Eine Idee aus der Ostschweiz versprach einst die grüne Revolution: Energie, Eiweiss und Baustoffe – gewonnen aus Gras. Forscher, Bauern und Politiker waren davon begeistert. Die Bioenergie Schaffhausen wurde zum Symbol für Pioniergeist und Nachhaltigkeit. Doch was als Erfolgsgeschichte begann, endete im Stillstand und Staub.

Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der Klimawandel und der hohe Energieverbrauch aus fossilen Rohstoffen drangen langsam in das gesellschaftliche Bewusstsein. Bauern klagten über den Rückgang des privaten Milchkonsums und die damit verbundenen Einbussen beim Einkommen. Zur selben Zeit geisterte in Bauernbetrieben und auch im privaten Leben das tödliche Gespenst BSE, auch Rinderwahnsinn genannt, herum. Über den Konsum von befallenem Fleisch wäre auch eine Übertragung auf den Menschen möglich. Um das zu verhindern, entwickelte ein findiger Ingenieur eine geniale Idee, wie man die oben genannten Probleme angehen könnte.

Der «industrielle» Kuhmagen

Die Kuh und andere Wiederkäuer fressen Gras. In ihrem Magen gewinnen sie Energie, die sie in Form von Milch, Dünger und Gas nutzen. In der Milch ist viel pflanzliches Protein gespeichert. Wer schon einmal auf einer Viehweide in einen getrockneten Kuhfladen getreten ist, weiss, wie viele Fasern vom gefressenen Gras übrigbleiben. Diese bleiben über lange Zeit stabil auf der Weide erhalten. Das Fermentieren von Gras ist eine seit langem bekannte Methode, um Biogas zu gewinnen.

Dem Team um den oben genannten Ingenieur war es jedoch gelungen, die Grasfasern mechanisch aufzuspalten und das pflanzliche Protein ohne den Einsatz von Chemikalien zu separieren. Erst danach wurde die Grassuppe fermentiert. Aus dem entstandenen Biogas wurden Strom und Trocknungswärme für das gewonnene Protein und die Fasern erzeugt. Ein in sich geschlossener Kreislauf, der zudem ohne Abfälle funktioniert.

«Ein bekannter Wirtschaftsanwalt kommentierte das Ganze als ‹sehr raffinierten Konkurs›.»

Peter Bühlmann

Nach der Testphase in einer stillgelegten Fabrik in der Ostschweiz wurde zusammen mit der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Schaffhausen die Bioenergie AG Schaffhausen gegründet. Bei Maximalbetrieb haben mehr als 50 Landwirtschaftsbetriebe aus der Umgebung circa 20’000 Tonnen reines Wiesengras und Siloballen an die Raffinerie geliefert. Dies war eine absolute Weltneuheit und ein Vorzeigeprojekt.

Protein als Schweinefutter

In Schweinemästereien wurde das wachstumsfördernde Protein damals hauptsächlich aus Schlachtereiabfällen der Rindermast gewonnen. Aufgrund der Angst vor BSE geriet dies zunehmend in Misskredit. Die Anlage in Schaffhausen produzierte dann aus einer Tonne Gras 190 Kilogramm hochreines pflanzliches Protein. Ein wegweisender Ansatz, um tierische Schlachtabfälle zu ersetzen.

Rohstoffträume: Aus Gras sollte Zukunft werden; geblieben ist Material.
Bild: Pixabay

Elektrische Energie

Die Anlage gewann mit dem Fermentiertank Biogas, das durch eine Wärme-Kraft-Kopplungsanlage in 615 Kilowattstunden Strom pro Tonne Gras umgewandelt wurde. Dieser Strom wurde ins Netz des Kantons Schaffhausen eingespeist. Bei Volllast der Anlage hat die Strommenge ausgereicht, um die gesamte Strassenbeleuchtung der Region Schaffhausen zu speisen.

Prozesswärme

Die Wärme-Kraft-Kopplungsanlage pro-duzierte neben elektrischer Energie auch 900 Kilowattstunden Prozesswärme. Diese wurde zum Trocknen der zurückgebliebenen Fasern und des Proteins genutzt.

Cellulosefasern

Die übrig gebliebenen Grasfasern (Kuhfladen) sind äusserst reine Zellulosefasern mit grossem Nutzungspotenzial. In einer Papierfabrik wurden damit Spezialpapiere für künstlerische Anwendungen entwickelt. Als Ersatz für Glasfasern wurden Grasfasern mit Polypropylen vernetzt. Versuchsweise sind Werkzeugkoffer (Hilti) oder rostsichere Auto-Unterböden (VW Polo) entstanden. Die wirtschaftlichste Anwendung war jedoch die Herstellung von Dämmstoffen für die Bauindustrie. So ist der Einblasdämmstoff «Gratec» entwickelt worden.

Gratec

Ähnlich wie bei bekannten Einblasdämmstoffen aus Altpapier oder Holzfasern wurde Gratec mit Einblasmaschinen in vorgefertigte Hohlräume von Leichtbaukonstruktionen in der Holzbauindustrie eingeblasen. Das Produkt zeichnete sich durch hervorragende Dämmwerte, hohe Feuerfestigkeit und sehr flexible Anwendungsgebiete aus. Pro Tonne Gras konnten 380 kg Dämmstoff produziert werden, mit denen sich etwa ein durchschnittliches Einfamilienhaus dämmen liess. Um den Dämmstoff noch effizienter zu machen, wurden Versuche mit anderen Zerfaserungsmaschinen und Verpackungsanlagen durchgeführt.

Der Hype

Überall wurde über die Bioenergie Schaffhausen berichtet. Die Sendung «MTW – Menschen Technik Wissenschaft» des SRF widmete dem Projekt eine ganze Folge. Auch ähnliche Formate in Deutschland, den Niederlanden und den USA berichteten voller Enthusiasmus darüber. Das Entwicklerteam wurde überall zu Talks eingeladen.

Es blieben offene Rechnungen, grosse Ausstände – und grosses Unverständnis zurück.

Peter Bühlmann

Die Ernüchterung

Mitten in diesen Hype kam die Meldung, dass die Mitarbeiter bereits seit zwei Monaten keinen Lohn mehr erhalten hatten. Danach ging es plötzlich sehr schnell. Es gab eine Mitarbeiterversammlung und dann hiess es: «Wir schliessen.» Es folgten kurze Pressemitteilungen und dann Funkstille. Es blieben offene Honorarrechnungen, grosse Ausstände bei Projektzulieferern und grosses Unverständnis zurück. Die Verantwortlichen erschienen nicht einmal zu Nachlassverhandlungen beim Friedensrichter. Ein bekannter Wirtschaftsanwalt kommentierte das Ganze als «sehr raffinierten Konkurs». Jeder investierte Rappen wäre verlorenes Geld.

Was einst Zukunft versprach, steht nun still – zurückgelassen wie eine Idee, die zu früh kam.
Bild: Pixabay

Vergessen

Jahre später bot mir ein Hamburger Anwaltsbüro das Patent eines kleinen Teilprojektes zum Kauf an. Als Konkursgeschädigter wusste ich nicht einmal, dass dieser Teil patentiert worden war. Es lag also der Verdacht nahe, dass mächtige Lobbys gar kein Interesse an einer Weiterführung hatten. Vielleicht war die Idee einfach zu früh – und die Erinnerung daran verblasst, wie der Traum einer grünen Revolution. ☐

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