Im Bari der Zwischenkriegszeit führt sie als Grande Dame ein grossbürgerliches Haus, im Herzen aber ist sie Kommunistin. Wie geht das zusammen? Welche Rolle spielt es, ob ihr Name mit einem Gross- oder Kleinbuchstaben beginnt? Antworten darauf gibt’s im Roman von Zora del Buono über ihre Grossmutter.

Geboren wird sie als Zora Ostan in einem slowenischen Dorf am Isonzo. Als Zora Del Buono stirbt sie 1980 in Nova Gorica in einem Seniorenheim. Dazwischen liegen 84 wechsel-, kummer- und glanzvolle Lebensjahre. Die Marschallin, wie sie familienintern genannt wird, ist eine harte Frau, die aber weiche Kerne hat und sich oft in ihren Prinzipien verstrickt. Eine Frau, die mühelos zwischen flammender Kommunistin und szepterschwingender grossbürgerlicher Hausherrin lavieren und gleichzeitig wie ein junges Mädchen fürs Partisanenleben und Marschall Tito schwärmen kann. Sie ist die Grossmutter der (fast) gleichnamigen Schweizer Autorin Zora del Buono.
Heidi: Immerhin sterben durfte Zora Del Buono im gleichen Jahr wie und in der Nähe von Marschall Tito. Beide waren sie Kommunisten, Partisanen, Herrscher. Die Marschallin herrschte jedoch eher im Familienimperium in Bari als auf der öffentlichen Bühne. Aus der Ehe der feurigen Slowenin mit dem angesehenen baresischen Radiologen gingen drei Söhne hervor, deren Schicksale die energische Mutter bestimmen wollte. Schicksalsschläge, zuerst in Form von unliebsamen Schwiegertöchtern, dann von Todesfällen, machten ihr manchen Strich durch ihre Rechnung. Der Kommunismus, oszillierend zwischen echtem und Salonkommunismus, und die Verehrung Titos blieben konstante Lebensthemen. Entsprechend musste sie auch auf dem grossgeschriebenen D in ihrem Namen beharren – welche Kommunistin will denn schon von adeliger Herkunft sein? Menschen wie Gramsci, Mussolini oder Tito und Orte wie Nowa Gorica, Bari, Ustica oder
El Shatt bestimmen diese spannende Familiengeschichte. Literarischer Höhepunkt des Romans ist der furiose Monolog der rebellischen alten Dame zu den vergangenen Jahren, zu Geheimnissen, Verbrechen und Intrigen.
«Die Marschallin, wie sie familienintern genannt wird, ist eine harte Frau, die aber weiche Kerne hat und sich oft in ihren Prinzipien verstrickt.»
Marlene: Ich war mässig begeistert, als Heidi «Die Marschallin» vorschlug, behandelten meine letzten Lektüren doch schon das Thema Krieg und waren belastend. Nichtsdestotrotz: ein interessantes, vielschichtiges Buch mit einer beeindruckenden Hauptfigur, die jeglichen weiblichen Klischees widerspricht. Sie wird weder als hübsch noch lieblich beschrieben, sondern als selbstbewusst und schlagfertig. Wichtige Eigenschaften, denn in einer Welt mit vier Brüdern, drei Schwiegersöhnen, Schwiegervater und Ehemann muss und will sich Zora behaupten können. Am Schluss der Geschichte meldet sie sich nochmals zu Wort. Da reflektiert sie, äussert sich selbstkritisch, was sie sehr menschlich macht. Es war für mich kein Buch, mit welchem man sich unter der Bettdecke zusammenrollen kann. Es gibt ein Personenverzeichnis für den Überblick über die vielen Personen, welche plötzlich auftauchen und genau so schnell wieder verschwinden. Auch wenn die Geschichte linear erzählt wird, weist sie immer wieder grosse Lücken auf, was ich teilweise etwas verwirrend fand. Kein leichter Stoff für die «30 Seiten vor dem Schlafengehen». Die Lesenden sollten ein Interesse an historischen und politischen Themen mitbringen – dann werden sie mit einem packenden Familienroman um eine mutige, willensstarke Frau belohnt.