Bezahlbarer Wohnraum mit Seeblick?  Ein Modellprojekt in Horgen zeigt, wie das geht.

Bezahlbarer Wohnraum mit Seeblick?  Ein Modellprojekt in Horgen zeigt, wie das geht.

Ein privates Grundstück, eine visionäre Idee und ein ungewöhnliches Rechtsmodell: Das Projekt «Allmendholz» in Horgen beweist, dass sich bezahlbares Wohnen an bester Lage nicht ausschliessen muss. Durch die Gründung einer eigenen Wohngenossenschaft und einen tiefen Baurechtszins entstehen Mietpreise, die weit unter dem Marktniveau liegen.

Was als persönliches Erbe begann, hat sich zu einem Modellprojekt für nachhaltiges Wohnen entwickelt. Das 1350 Quadratmeter grosse Grundstück in Horgen war ursprünglich der Standort des Einfamilienhauses, in dem Kathrin mit ihrem Mann Fredi zwanzig Jahre als Mieterin gelebt hatte. Das Haus war im Eigentum ihrer Eltern. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 2009 stand für sie fest: Dieses Grundstück soll ‹für immer› der Spekulation entzogen werden und mehreren Menschen bezahlbaren Wohnraum anbieten – in Horgen, an bester Lage, wo die Grundstückspreise schon damals gegen Fr. 4000.- pro Quadratmeter betrugen. Doch wie macht man das? Gemeinsam mit ihrem Partner Fredi entwickelte Kathrin die Vision eines gemeinschaftlich organisierten Wohnprojekts.

Der Weg dorthin erforderte sorgfältige juristische Abwägungen. Nach der Prüfung verschiedener Modelle wie Stiftung, Stockwerkeigentum und klassische Mietwohnungen fiel die Entscheidung zur Gründung einer eigenen Wohnbaugenossenschaft. Diese sollte das Grundstück für 70 Jahre im Baurecht von Kathrin pachten und ihr dafür einen Baurechtszins entrichten. Während Kathrin also bis zu ihrem Lebensende Eigentümerin des Grundstücks bleibt, wurde die Wohnbaugenossenschaft zur Eigentümerin des neu errichteten Wohnhauses – aber erst nach dessen Fertigstellung. Wie Kathrin heute erklärt, hatte diese Vorgehensweise den Vorteil, dass sie während der gesamten Bauphase bei ihr wichtigen Entscheiden die Kontrolle  über das Projekt behielt, wodurch langwierige Diskussionen, die bei genossenschaftlichen Bauprojekten oft zu grossen Verzögerungen führen, vermieden wurden.

Das Resultat ist ein architektonisch schlichter, aber ästhetisch ansprechender Bau mit zwei 4.5-Zimmer- und zwei 3.5-Zimmer-Wohnungen, in denen insgesamt acht Erwachsene und zwei Kinder leben – an äusserst attraktiver Hanglage mit freiem Blick auf den Zürichsee.

Teilen gehört auch zum Konzept: Fredi zeigt die gemeinsam genutzte Werkstatt.
Bild: Elisabeth Zellweger

Charakteristisch für das Projekt sind nebst der funktionalen Architektur gezielte gemeinschaftlich genutzte Räume wie eine Werkstatt, eine Waschküche, ein Naturkeller und ein grosser Garten mit gemeinsam und individuell nutzbaren Bereichen. Nachhaltige Elemente wie Wandheizungen, Solarpanels und eine allgemein ökologische Bauweise ergänzen das Konzept.

Finanzielle Aspekte und Gründe für die günstigen Mietpreise

Während der Bauphase, die im Wesentlichen durch einen privaten Baukredit finanziert wurde, blieb Kathrin die Eigentümerin über das entstehende Haus. Erst nach seiner Fertigstellung wurde das neue Wohnhaus 2018 an die inzwischen neu gegründete Genossenschaft verkauft, die den Kauf zu einem Viertel über eingebrachtes Genossenschaftskapital und zu drei Vierteln über einen Hypothekarkredit finanzierte.

Ein entscheidender Hebel für die tiefen Mietpreise liegt im Baurechtszins: Die Genossenschaft bezahlt an Kathrin einen Baurechtszins, der deutlich unter dem vom BWO empfohlenen Referenzzins liegt. In Kombination mit den seit Jahren historisch tiefen Hypothekarzinsen kann im «Allmendholz» eine 4.5-Zimmer-Wohnung für knapp  2200 Franken pro Monat gemietet werden – an einer Lage, wo gut das Doppelte ‘marktüblich’ ist. Ebenfalls zu den tiefen Wohnkosten tragen dank ökologischer Bauweise und technischen Einrichtungen wie Solarpanels die sehr tiefen Nebenkosten bei, die aktuell bei rund  90 Franken pro Monat liegen. Einen Grossteil der Verwaltungs- und Unterhaltsarbeiten – Buchhaltung, Haustechnik, Umgebungspflege – leisten die Genossenschafterinnen und Genossenschafter selbst, was die Kosten zusätzlich tief hält.

Nachhaltigkeit und langfristige Bodenpolitik

Die Nachhaltigkeit des Projekts reicht weit über die aktuelle Generation hinaus. Indem der Genossenschaft nur das Gebäude gehört, nicht aber das Grundstück, auf dem es steht, wird zunächst verhindert, dass sich die Genossenschaft durch einen Mehrheitsentscheid zum Verkauf der Immobilie an den Meistbietenden entschliessen könnte.

Und wenn Kathrin und ihr Partner Fredi einmal nicht mehr da sind? Für diesen Fall wurde bereits ein Legat eingerichtet. Nach dem Tod von Kathrin und Fredi wird das Grundstück an die Edith-Marion-Stiftung übergehen, die unter anderem das Ziel der «Boden-Entschuldung» verfolgt und sich für eine langfristige Entkoppelung von Boden und spekulativen Marktmechanismen einsetzt.

Unschlagbare Aussicht: Kathrin und Fredi zeigen, dass auch auf teurem Boden bezahlbarer Wohnraum entstehen kann.
Bild: Elisabeth Zellweger

Im Projekt «Allmendholz» wurde also eine eigentumsrechtliche Lösung geschaffen, die der Grundstück-Eigentümerin bis zu ihrem Lebensende eine Zusatzrente in Form des Baurechtszinses verschafft, Haus und Boden danach aber dauerhaft einer gemeinwohlorientierten Nutzung zuführt. Insgesamt verbindet das Projekt Allmendholz so soziale, wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit auf überzeugende Weise – und zeigt, wie durch kluge Kombination von Eigentumsmodellen, gemeinschaftlicher Organisation und bewusster Bodenpolitik auch an attraktiven Lagen bezahlbarer Wohnraum entstehen kann.

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