Kommunikation beeinflusst uns

Kommunikation beeinflusst uns

Die modernen, ständig erneuerten Kommunikationsmittel sind ein Dauerthema, auf das auch eine UND-Gesprächsrunde eingetreten ist. Mit der These, dass diese Mittel uns verändern, sowohl unser Bewusstsein wie unser Verhalten.

Die – lebendig, real – Teilnehmenden:
Annemarie Voss (80) hat auch als Pensionierte zunächst Medien wie Mail und WhatsApp ausgiebig gebraucht, etwa in Vereinen; das hat sie später stark reduziert.
Anita Bucher (62) hat in der Berufsarbeit im Spital die stete Zunahme der Medien erlebt; später bei Freiwilligen-Aktivitäten deutlich weniger.
Jonas Friedrich (43), sich schon in der Ausbildung intensiv mit Informatik befassend, erlebt jetzt die Allgegenwart elektronischer Kommunikation im Berufsleben.
Barbara Friedrich (41) geht es im Büro, aber auch daheim ebenso. Mit 18 Jahren, mit dem ersten Handy ist das losgegangen.
Viktoria Vitanova (32) stieg da mit 12 Jahren ein. Heute steht sie im universitären Umfeld in einem permanenten Mail-Verkehr.

Gute alte Formen

Die Briefe, die Postkarten! Nostalgie kommt auf. Seinerzeit hatte man Brieffreundschaften, berichten nicht nur die Älteren – wogegen aktuell nicht mehr viel läuft. Annemarie vergleicht aber: «WhatsApp hat keine Handschrift». Viktoria, die zur Forschung oft historische Briefe liest, weiss, wie viel diese über Personen und Zeitgeschehen verraten. Barbara zu den Postkarten: Elektronische Botschaften, deren Flüchtigkeit sie bemängelt, «kann man nicht an den Kühlschrank hängen».

Werner Kaiser (87)

Ich bin beim Onkel zu Besuch. Als Inhaber einer «Handlung» (so hiessen damals Allerweltsläden) hatte er – einer der ganz wenigen – ein Telefon. Das faszinierte mich kleinen Bub. Er nahm den Hörer von der Gabel, drehte ein paarmal an einer Kurbel, die Frau in der Zentrale meldete sich: Wen wünschen Sie sich? – Die Nummer 7. – Danke, ich verbinde Sie.

Die schnellste Möglichkeit, sich mit jemandem zu verbinden, war das Telegramm. Auch das geschah durch Kontakt mit dem Mittelsmann, der es im Morse-System weiterleitete. Das Morse-Alphabet, heute kaum mehr bekannt, lernte ich dann selber, um es auf Briefen an unsere Verwandten anzuwenden.

Als ich 16 wurde, nahm mich Papa gelegentlich ins Büro. Da stand eine grosse Maschine, doppelt so hoch wie die Schreibmaschine. Ich durfte damit 25 x 25 ausrechnen. Ich tippte 25 ein und drehte 25-mal eine Kurbel, bis am Schluss das Resultat dastand: 625.

Am Sonntag gingen wir oft Verwandte besuchen. Völlig unangemeldet – das Telefon hatten ja nur ganz wenige – klopften wir an und waren wie selbstverständlich willkommen. Wer sonst noch dort war, war dem Zufall überlassen. Ich finde schön, dass wir uns heute anmelden können, aber die ältere Willkommenskultur hatte auch ihren Zauber.

Doch diese Formen sind klar auf dem Rückzug. Das hat auch mit der Verschiebung unserer Information von Texten zu Bildern zu tun.

Das Telefon, früher in Form des Festnetzes! Immerhin geht es darum, jemanden zu hören. Annemarie schätzt es besonders, Stimmen zu erkennen, durch sie zu merken, wie es einem – vielleicht fernen – Gegenüber geht – oder dessen veraltete Sprache zu entdecken. Viktorias Familie lebt in Bulgarien; während sie ihre Eltern täglich per WhatsApp kontaktiert, ruft sie ihre Oma an.

Vom schweren Wandtelefon über das erste Nokia bis zum Smartphone: Jedes Gerät steht für eine Epoche – und für eine neue Art, wie Menschen miteinander in Kontakt treten.
Bild: Unsplash

Handy und Computer

Nun befinden wir uns in der heutigen Welt. Wo noch gelesen wird, teils lang oder oberflächlich im Mail, teils minimal im SMS. Nicht mehr in der Zeitung, sondern auf Bildschirmchen. Viktoria erinnert sich an eine bildliche Gegenüberstellung: Mehrere Personen nebeneinander, jede hinter ihrer Zeitung – mehrere je auf ihrem Handy. Ist das eine schlimmer als das andere? Natürlich wäre über die Qualität des Gelesenen (oder Gehörten) zu diskutieren!

Wir leben alle mit Handys, und die haben viele Vorteile. In Notfällen besonders. Distanzen werden bedeutungslos, Familien finden zusammen. Gab es noch 1999 in USA erst kürzeste Mitteilungen, so ist heute schlicht alles verfügbar. Schwierigkeiten werden überwunden: Annemarie berichtet von einem Analphabeten, der sich dennoch mitteilen kann, dank Sprachnachricht; und dem KI ermöglicht, etwas auf deutsch zu schreiben. Aber man erlebt auch Stress, betont Anita; wie häufig muss ich nachschauen, wie schnell antworten? Es geht so leicht, etwas zu verbreiten!

Bräuche etablieren sich. Die SMS, noch angereichert durch Emojis, sind kurz – und oft schwer verständlich. Es ist da, wie in jeder Generation, ein «Slang» entstanden, findet Jonas. Chats spielen zunehmend eine Rolle. Da bekommt man sehr viel Uninteressantes vorgelegt. Beteiligt man sich selber daran und vergrössert die Flut der «Informationen», häufig mit Bildern? Eine Steigerung noch: Kurz-Videos. Die entsprechen indessen der verminderten Aufnahmefähigkeit, die heute oft beobachtet wird: 30 Sekunden Aufmerksamkeit liegen noch drin.

Anita Bucher (62)

Der Hirnforschung gelingt es zu beweisen, dass längerer Gebrauch von Smartphones die Aufmerksamkeits-Spanne bei Menschen, vor allem bei Jugendlichen und Kindern deutlich verkürzt. Zudem ist die Menschheit durch die dauernde Erreichbarkeit und die ständige Berieselung mit Nachrichten aus aller Welt zunehmend überfordert und gestresst.

Deshalb werden die Smartphones weltweit verboten und durch Handys ersetzt, die nur über rudimentäre Funktionen verfügen. Damit kann man telefonieren und Kurznachrichten schreiben. Punkt, Schluss! Viele negative Erscheinungen unserer Zeit würden dadurch wegfallen, wie zum Beispiel jemanden anonym anzugreifen, indem man Unwahrheiten über die betreffende Person verbreitet und ihr dadurch schadet. (Dies geschieht heute schon unter Schulkindern.) In der Folge finden wieder mehr reale Begegnungen und Gespräche statt, was ein Grundbedürfnis von uns Menschen ist.

Mein Wunsch ist utopisch, ich weiss. Wünschen und hoffen darf ich ja.

Grundbedürfnisse und Blasen

Anita erinnert sich, wie ihr Vorgesetzter im oberen Stock ihr nahelegte, mit Fragen nicht mehr vorbeizukommen, sondern ihm zu schreiben – elektronisch natürlich. Barbara schildert, wie sechs (junge) Leute auf einem Sofa sitzen und nicht miteinander reden, sondern … Es ist offensichtlich, dass die direkte Kommunikation, von Angesicht zu Angesicht, gelitten hat. Menschen hinter ihren Natels, auch in Gesellschaft, Menschen mit Kopfhörern – in einer Blase – hintertreiben sie. Dabei zählen doch Nähe und Kontakt zu den menschlichen Grundbedürfnissen.

Früher hing die Postkarte am Kühlschrank, heute im digitalen Strom.
Bild: Unsplash

Annemarie Voss (80)

Damals, 1964, verschickte die PTT noch viele Briefe, handgeschriebene, nicht immer leicht zu entziffernde. Ich habe damals viele Briefe geschrieben, und ebenfalls eine Menge erhalten. Ein Brief wurde schon im Treppenhaus aufgerissen; aber ich habe immer aufgepasst, dass die Marke unversehrt blieb, weil mein Cousin Marken sammelte.

Mein Bruder hatte sehr lange kein Telefon, konnte also nur per Briefpost erreicht werden. Als ich ihm einmal dringend eine Mitteilung übermitteln musste, blieb nur eine Möglichkeit: ein Telegramm. Das hiess zur Post gehen, am Schalter ein Formular verlangen und den Text kürzestmöglich aufschreiben. Ich kann mich daran erinnern, dass man in der Post immer lange warten musste, auch wegen der Einzahlungen. Besonders am Monatsende habe ich den Postbesuch zu vermeiden versucht.

Im Keller habe ich heute noch viele Ordner mit Briefen, die ich erhalten habe. Aus den 1970er Jahren, als ich in Hamburg wohnte, habe ich sogar viele Briefe in Kopie, die ich selber geschrieben habe. Ich arbeitete als «Kontoristin» und war nicht immer ausgelastet. Ich konnte private Briefe schreiben – mit Durchschlag.

Viele Jahre später, längst wieder in der Schweiz, habe ich nach dem Tod meiner Freundin bei ihr Ordner gefunden mit all den Briefen, die ich ihr geschrieben hatte. Wenn ich meine und ihre Briefe lese, ist das fast wie ein Tagebuch; viele Erinnerungen werden wach.

Nun erkennt man jedoch ein anderes Grundbedürfnis: online zu sein. Barbara beobachtet es bei Hotelgästen: Erste Frage älterer Besucher: Gibt es WLAN, WIFI? Annemarie im Zug: Touristen schauen nicht hinaus; bei BnB-Gästen: sie richten ihr Programm nach ihren Followern.

«Wenn etwas nichts kostet, bist du das Produkt.»

Jonas Friedrich

Ein weiteres Bedürfnis offenbar: sich darzustellen. Dazu dienen etliche der «sozialen Medien». Selber zu posten dürfte da attraktiver sein, als sich all das anzusehen. Man lässt sich gern bestätigen. Gewisse Plattformen führen den aufwärts, aber keinen abwärts gerichteten Daumen. Das fördert die Blasenbildung! Ein wichtiges Argument mitzumachen liegt beim Preis. Doch: «Wenn etwas nichts kostet, bist du das Produkt», sagt Jonas, der auf Facebook, Linkedin usw. verzichtet. Anbieter wollen etwas von dir, «sie sind keine Gutmenschen», meint Barbara.

Was tun?

Verzichten? Viktoria findet, man habe alles Neue stets mitgemacht – und die Angebote werden immer attraktiver. Weniger wäre wohl besser. Das gilt ebenso in der Arbeitswelt. Abschalten können, sich dem Stress, dem Zwang zur ständigen (digitalen) Präsenz verweigern. Ferien machen – «digitale Detox» (Entgiftung), sagt Jonas. Er besitzt zwei Handys: ein privates, eins für den Beruf. Was wäre nötig? Blasen aufzubrechen – und eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Medien.

Wer jetzt Kinder hat, ist selber schon mit den modernen Mitteln aufgewachsen. Barbara und Jonas haben zwei Töchter, zehn und neun Jahre alt, deren Verhalten sie beobachten, denen sie aber auch helfen wollen. Das eine Mädchen will mit einer Freundin abmachen – muss es per Handy sein, wenn es sie morgen in der Schule trifft? Vieles geht über Vorbilder. Die Schule verlangt, Tagebuch zu schreiben. Die Eltern schreiben und lesen, auch Bücher. Plötzlich reizt das die Mädchen auch. Postkarten? Die zwei sind enttäuscht, wenn sie keine (reale) Post bekommen.

Viktoria Vitanova-Kerber (32)

Heutzutage sind wir nie wirklich alleine. Im Zug, auf dem Sofa, im Supermarkt, in der Mittagspause – in unserer Hand liegt die ganze Welt, wenn wir das Natel rausholen. Wir sind vernetzt, informiert, erreichbar und mobil. Können für Sekunden die meisten Fragen, die uns in den Sinn kommen, mit Google oder ChatGPT beantworten, unserer Familie Urlaubsbilder in Echtzeit schicken, kostenlos mit den Freunden Videogespräche führen und eine dringende Mail von der Seilbahn-Kabine aus beantworten. Wir können mühelos Zeit – ob wir sie haben oder nicht – durch Unterhaltung totschlagen, indem wir, fast voyeuristisch, das Leben von Unbekannten live verfolgen. Langeweile existiert nur, wenn das Ladekabel gerade nicht dabei ist.

Wir sind nie allein; dabei würde uns vielleicht gerade das Alleinsein guttun. Uns zu langweilen und mal wieder einfach durchs Fenster zu schauen und den (eigenen!) Gedanken freien Lauf zu lassen. Den konstanten Informations- und Reizfluss auf TikTok und Instagram zu unterbrechen und das Hier und Jetzt vollständig zu erleben. Uns nicht tagtäglich um die Erstellung eines perfekten digitalen Ichs zu kümmern, uns nicht ständig an den Anderen zu messen und unseren Selbstwert nicht von ihrer Bestätigung mittels «Likes» abhängig zu machen.

Das moderne Sozial- und Berufsleben erwartet von uns Multitasking, Hypermobilität und uneingeschränkte Erreichbarkeit, doch was erwarten wir von unserem Leben? Wir sind nie ganz allein; aber solange wir versuchen, in zwei Welten gleichzeitig zu leben – der realen und der virtuellen –, werden wir auch nie wirklich Gemeinschaft erleben.

Gute Ratschläge haben wir, stellt die Gruppe fest. Uns selber zu kontrollieren, darum bemühen wir uns. Kritisch zu sein. Ob wir uns unsererseits in einer Art Blase befinden?

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