32. Ausgabe, Winter 2020 – Schwerpunkt: Ewiges Eis
Um das Klima kommen wir gegenwärtig kaum herum;
und wenn davon die Rede ist, dann so, dass es uns heisser wird.
Denke ich Jahrzehnte zurück, war Klima schon lange ein Thema – aber ein politisches oder gesellschaftliches, psychologisches vielleicht. Das Klima war oft schon schlecht, die Luft dick, die Gemüter erhitzt – oder es herrschte Eiszeit.
Grimmige Beobachter haben uns diese diagnostiziert: im Kalten Krieg, in Beziehungen zwischen Ländern oder Einzelwesen, als frostige Atmosphären in Firmen, in Familien.
Bei uns in der Schweiz – etwa weil wir so nahe den Bergriesen leben? – erfreuten sich entsprechende Metaphern besonderer Beliebtheit.
Als Dres Balmer «Eisdorf» schrieb, meinte er Grindelwald, aber beileibe nicht nur die Gletscher. In «Gebrochenes Eis» behandelte Lukas Hartmann sein schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern. «Das gefrorene Herz» von Meinrad Inglin und dem Filmer Xavier Koller handelt von einem Kältetoten, aber zeigt die Herzlosigkeit einer, unserer, Gesellschaft auf.
Kälte, Härte, Hass, Egoismus, fehlendes Mitgefühl hat man seit Urzeiten festgestellt und angeprangert. Besonders schlimm wird es, wenn solche Züge kollektiv werden; dies scheint in unseren Zeiten wieder mal zuzunehmen.
Verträge, Verhandlungen werden eingefroren, Ansichten erstarren, Rechte und Werte werden auf Eis gelegt: zwischen und in Grossmächten gewiss, aber ebenso zwischen Religionen, Bevölkerungsgruppen oder -schichten. Auch bei uns.
Es reicht nicht, bestimmte Staatshäupter dafür anzuklagen; da sind auch die, welche sie gewählt haben. Entgegen den Vorgängen in der Natur scheinen die Gletscher vorzustossen. Die nächste Eiszeit ist bereits da.
Einen humoristischen Schlenker doch noch:
In Hockeymannschaften wird beachtet, wie viel Eiszeit ein einzelner Spieler bekommt – wohl desto mehr, je stärker er ist.
Möchten wir das auf unser gesamtes Leben anwenden:
Darf ich länger als andere auf dem Eis stehen?
