Freitag, 4.04.2025
Die Sozialanthropologin Andrea Abraham hat mit mehreren Mitautorinnen ein Buch zur Schweizer Sozialgeschichte geschrieben. Das Buch «Mutter unbekannt» greift das Problem der internationalen Adoptionen auf.
In «Mutter unbekannt – Adoptionen aus Indien in den Kantonen Zürich und Thurgau» nehmen die Forscherinnen Andrea Abraham, Sabine Bitter und Rita Kesselring die Schweizer Adoptionspraxis von Kindern aus Indien in den Kantonen Zürich und Thurgau zwischen 1973 und 2002 unter die Lupe. Auf der Grundlage von Archivrecherchen sowie zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen und Fachpersonen in der Schweiz und in Indien gelingt ein vielseitiges Werk, das folgenschwere Mängel, Verstösse und Missbräuche in der früheren Schweizer Adoptionspraxis nachweist und zu weiterer Aufarbeitung anregt.
Während dreier Jahrzehnte (1973–2002) adoptierten Schweizer Ehepaare über 2000 Babys und Kleinkinder aus Indien. Die Adoptivkinder wurden hier meist mit Liebe empfangen und wuchsen in gesicherten Verhältnissen auf. Das bevölkerungsreiche Indien war in diesem Zeitraum das häufigste Herkunftsland für Adoptionen in die Schweiz. Im Spannungsfeld zwischen dem Kinderwunsch von Schweizer Ehepaaren und der Not indischer Mütter, die sich vielfach aus sozioökonomischen Gründen genötigt fühlten, ihre Kinder freizugeben, entstand ein Schweizer Geschäftsmodell für internationale Adoptionen.
Wie die Recherche aufgedeckt hat, kam es dabei zu Machtmissbrauch und Rechtsverstössen, teilweise mit Folgen für die Betroffenen bis zum heutigen Tag.
Die Schweizer Adoptiveltern wussten nichts von diesen Rechtsbrüchen. Fragen nach möglichen Nachwirkungen auf die adoptierten Personen kamen erst viel später auf, als Betroffene begannen, sich nach dem Herkunftsland zu erkundigen oder nach den Umständen zu fragen, die die leibliche Mutter bewogen haben, ihr Kind freizugeben. Während in der Schweiz die Adoptiveltern als sozial engagiert galten und sich einer gesellschaftlichen Zustimmung sicher sein konnten, litten die leiblichen Mütter in Indien, die vielfach ledig und mittellos waren, unter grossem sozialem Druck. Viele fühlten sich sozial genötigt, ihr Kind freizugeben.
Der Film erzählt die wahre Geschichte von Saroo Brierley, der als Fünfjähriger in Indien verloren ging, adoptiert wurde und sich als Erwachsener auf die Suche nach seiner leiblichen Familie machte. Mit Hilfe von Google Earth versucht er, den Ort seiner Kindheit wiederzufinden – eine emotionale Reise zwischen zwei Welten. Auch wenn dieser Film kein Beispiel aus der Schweiz ist, zeigt er eindrücklich die Identitätssuche und die Herausforderungen adoptierter Kinder.