Gedanken-Schatulle

Zählst du dich zu den Menschen, welche gerne ihre Gedanken zu Papier bringen? Unsere Rubrik «Gedanken-Schatulle» könnte genau das richtige Gefäss dafür sein und ist offen für Alle – Schreiberlinge und LeserInnen, Jung und Alt.

Illustration: Mara Ludwig

Was es braucht, damit wir die «Gedanken-Schatulle» füttern können: Texte, die entweder zum Schwerpunktthema (aktuell: «Vorgestern und übermorgen») oder sonst zum Generationenthema passen. Was kommt dir zum Schwerpunktthema sofort in den Sinn? Schwirren in deinem Kopf Themen herum, die Jung und Alt interessieren könnten? Hast du spannende Begegnungen mit anderen Generationen erlebt?

Wir freuen uns auf Texte im Umfang von höchstens 2500 Zeichen. Vergiss nicht, dem Text einen Titel zu geben. Ein zum Text passendes Foto macht dein «Schreibpaket» komplett. Es darf losgehen!

Text (mit Angabe deines Alters) und Foto an Gaby Jordi: gedanken-schatulle@generationentandem.ch

Text und Bild: Gaby Jordi (70)

Telefon mit Folge

Es gäret immer no i ihren inne! Si chas nid gloube, dass me wägere Hotelbuechigsabsaag im Zäntrum vor Schwyz sech so chautschnäuzig mues la d Chappe schroote. Derby hätt sie sech so gfröit uf di drei Tag Tapetewächsu i däm Hotel ir Innerschwyz zäme mit Fründe us dere Gägend.  Aber äbe, ds Hochwasser isch du derzwüsche cho. Auso het me e Tag vor der Aareis probiert, dä Ufenthalt wäg dere ussergwöhnleche Situation z verschiebe. Aber oha lätz – dä Versuech geit hingeruse! Mir syge mit üsere Absaag zäh Tag z spät, was o mir klar isch. «Sie machi schliesslech kener Schönwätter-Buechige», tönt d Hotelchefin schnouzig usem Hörer. Trotzdäm hätt si, d Chundin, uf es Müü meh chundefründlechers Entgägecho ghoffet. Aber nüüt da, d Madame isch bi ihrer Aasicht bblibe u het d Aarüefere la abblitze mit ihrem Aalige.

Di mitbetroffene Fründe hei ihrersyts per Mail no einisch versuecht, d Chundefründlechkeit i dere ussergwöhnleche Unwättersituation bir erboste Chefin i Vordergrund z rücke. Mit em Resultat, dass sie ihrne Fründe aaglütet het. Disi sy scho mänggisch Gescht gsy im Restaurant vom Hotel. D Stornierig vor Hotelzimmerbuechig steit plötzlech im Trochene. Ds Tupee am Schluss vor Gschicht: D Hotelchefin het sech no als Kriminalistin versuecht: Sie het nüüt angers z tüe gha, als sech ufem naheglägne Campingplatz vor abkanzlete Chundin nach em Ärnscht vor Hochwassersituation i dere ihrer Wohnregion z erchundige. U plapperet das o no früschfröhlech ihrne Fründe us. Jä nu, wes zur Stornierig bytreit het, umso besser. Aber di nöji Chundin isch ändgültig verlore. Si wird e Boge mache um das Hotel. E chly meh Chundefründlechkeit isch zuemutbar – o ir Innerschwyz.

Zum Schwerpunkt: «Vorgestern und übermorgen»

Ganz früher und in ferner Zukunft

Text und Bild: Jürg Krebs (75)

Ganz früher glaubten die Menschen noch an Geistwesen wie mich. Heute hat keiner mehr eine Ahnung von uns. Ich bin trotzdem immer noch die leichte, luftige Seite der Lebensenergie und nenne mich darum Luftgeist oder Lebensatem.

Ich spiele gerne mit den Vögeln Theater, denn die Luft ist ihr Revier. Sie freuen sich über meine Ideen, die ich ihnen einflüstere. Letzthin sagte ich zu einem Schwarm Schwalben: «Liebe Luftibusse, fliegt bitte heute den zwei Tennis-Stars, die jetzt in London spielen, ganz eng um die Ohren. Passt aber auf, dass sie euch mit ihren Schlägern nicht erwischen.» Sie erfüllten meinen Wunsch sofort und konnten nicht aufhören damit, bis das Spiel um Ansehen und Geld abgebrochen wurde. Als Schlussbild flogen meine Lieblinge in Pfeilformation über die Tribünen und pfiffen so laut sie konnten. Das Publikum hatte so ein neues Spiel kennen gelernt und begeistert applaudiert. Vielleicht werden diese Menschen künftig besser auf lebendige Wunder achten.

Ich bin aber auch ernst unterwegs. Wenn zum Beispiel die Gedanken von Kindern und Jugendlichen unkontrollierbar herumflitzen, lenke ich ihr Denken und ihren Atem in einen ruhigen Rhythmus um, was zugleich ihr Herz und ihre Gefühle besänftigt. Werden die Menschen in ferner Zukunft erkennen, dass ihre Konsumwut sie nicht glücklich macht? Werden sie sich dann wieder an uns lustigen, liebevollen und weisen Geistern erfreuen?

Zum Schwerpunkt: «Wasser»

Als Wölkchen entschweben

Text und Bild: Jürg Krebs (75)

Wasser ist ein wunderbares Element. Es spendet Leben. Leider setzt es ihm manchmal auch ein vorzeitiges Ende. «Häbet Sorg»!

Timo, mein Freund, du warst erst vor zwanzig Jährchen aus dem Fruchtwasser geflutscht, und wurdest zum besten Eiskletterer. Bei einer Erstbesteigung riss dich eine Lawine mit sich. Dein Vater fand dich als eisigen Engel. Ich weinte.

André, mein alter Weggefährte und guter Schwimmer. Ein Wirbel im Fluss verschluckte dich erbarmungslos. Du lachtest so gerne. Vielleicht lachst du in anderen Sphären weiter? Dann lache ich mit!

Ich, als Schwimmer, Fischer, Ruderer, Segler war immer ein Freund des Wassers. Gemütlich paddelte ich in meinem Kajak über den See. Plötzlich raste ein führerloses Motorboot von rechts direkt auf mich zu. Adrenalin pur! Drei kräftige Paddelschläge katapultierten mich rückwärts ins Leben. Eine Sekunde zu spät und ich wäre mit dem Seewasser eins geworden. Freudentränen kullerten über meine Wangen.

Dereinst werde ich dem Feuer als Wölkchen entschweben.
Aber jetzt sind mir noch ein paar Tage gegeben.
Welch ein Glück!

Zum Schwerpunkt: «Wasser»

Text: Andreas Steinmann (77); Bild: Jürg Krebs (75)

Erlebtes aus der Jugendzeit

Von 1957 bis 1959 hatte ich einen Wochenplatz bei der Schadau-Fähre in Thun. Es gab damals sogar noch zwei Fähren, die sich gegenseitig Konkurrenz machten. Es wurden Boote vermietet und für 20 Rappen das Publikum auf die andere Seite gerudert.

An einem Sonntag gibt es bei einer Fähre mit Bootsvermietung und Tankstelle für Motorboote natürlich immer viel mehr zu tun als unter der Woche. Oft weiss ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht: Boote zur Vermietung bereitstellen, Zeit und Datum der Vermietung in ein Heft eintragen, nebenbei noch das Geld einziehen, das eine solche Bootsfahrt kostet. Dazu gibt es noch die Tankstelle für Motorboote zu bedienen und Kundschaft will auf die andere Aareseite gerudert werden. Dabei stehen bei der Bootsvermietung die Leute schon ungeduldig Schlange. Ein Ruderboot bereit zu machen, heisst, ich muss reinspringen, die Boje hinten am Boot lösen und den Leuten beim Einsteigen helfen.

Viele sind es sich nicht gewohnt, so ohne Weiteres in diese wackelige Angelegenheit zu hüpfen, benehmen sich so unbeholfen, dass ich automatisch an die Zeit erinnert werde, als ich bei meinem allerersten Wochenplatz-Einsatz gleich sechs Boote hintereinander bei strömendem Regen auspumpen musste und keine Ahnung hatte, wie das nun gehen sollte.

Sind das Boot und seine Insassen endlich bereit zum Ablegen, stosse ich den Kahn mit Hilfe eines so genannten Stachels vom Ufer weg in die Aare. Ein Stachel besteht aus einem langen Holzstiel mit einem Hacken vorne, dass ich die Boote, die von ihrem Ausflug zurückkommen, anpacken und ans Ufer ziehen kann. Böötlimieter sind häufig Anfänger, denen ich natürlich behilflich bin. Und jetzt passiert es mir als «abgebrühtem Profi» eben mehr als einmal, dass ich in der Hitze des Gefechts beim Abstossen des Schifflis das Gleichgewicht verliere und samt den Sonntagskleidern im Wasser lande. Sehr zum Leidwesen meiner lieben Mutter.  Der Chef meint jeweils nur trocken: «Das ghört derzue, dass me es paar Mal samt de Chleider i ds Wasser gheit. Du bisch ersch e richtige Fährimaa, wett d Strättlige-Touffi hinger dir hesch!» Die Aare, besonders natürlich die bei der Schadau, zählt noch heute zu meinen Lieblingsgewässern.

Heute ist leider nicht mehr viel von dieser lebendigen Zeit übriggeblieben. Die Fähre wird, wenn überhaupt, nur noch sehr sporadisch bedient. Boote werden schon lange keine mehr vermietet. Es wird zwar daran gedacht, eine Kettenfähre zu installieren, welche die Passagiere vollautomatisch vom einen zum andern Seeufer übersetzen würde. Das ganze Schadaugebiet soll ja laufend aufgewertet werden, da würde eine solche Fähre doch sehr gut ins Konzept passen.

Text und Bild: Paul Durrer (73)

Ungleiche Solidarität

Die Wellenbewegung in der Corona-Pandemie will nicht abflachen. Schon ist die vierte in aller Munde. Nach der ersten dachten wir, das Wesentliche gelernt zu haben: Soziale Kontakte reduzieren, Masken tragen, Abstand halten, Hände waschen. Dann bröckelte die Solidarität und mit dem Übermut kamen weitere Wellen. Ein Rettungsring wurde uns zugeworfen: Wir können oder, genauer gesagt, wir könnten uns mit einer Impfung gegen Corona zertifizieren. Zu viele in unserer Gesellschaft wollen nichts davon wissen und dennoch auf nichts verzichten.

Die vergangenen Wochen haben uns noch eine andere «Pandemie» in Erinnerung gerufen. Die Klimasituation mit ihren zunehmend trägen Grosswetterlagen trifft Deutschland mit katastrophalen Unwettern, fordert zahlreiche Opfer und riesige Schäden. Viele Betroffene stehen vor dem Nichts. Da erscheint die hiesige Hochwassersituation geradezu harmlos.

Sowohl von der Corona- als auch von der aktuellen Klimasituation liessen sich Politik und Gesellschaft überraschen. Obwohl sich solch einschneidende Ereignisse nicht zum ersten Mal ereigneten. Auffallend ist, dass wir die sich gegenwärtig konkurrierenden «Pandemien» ganz unterschiedlich bekämpfen: Gegen die Unwetterschäden wird rasch und entschlossen vorgegangen. Die zivilgesellschaftliche Solidarität ist gross. Entstandene Schäden sollen rasch behoben, weitere drohende Schäden vermieden werden. Weshalb hat ein erheblicher Teil unserer Gesellschaft nach über einem Jahr immer noch nicht erkannt, dass die Corona-Pandemie nicht mit Demonstrationen gegen Freiheitsberaubung, sondern auch nur mit entschlossenem und solidarischem Handeln bekämpft werden kann?

Zum Schwerpunkt: «Vorgestern und übermorgen»

Text und Bild: Jürg Krebs (76)

Von UHR-Zeiten bis ÜBERmorgen

Mein Grossvater hatte in seinem Gilet-Täschli eine Taschenuhr, auf deren Zifferblatt auch die Minuten mit schönen Zahlen von 1 bis 60 angegeben waren. Für seine Liebsten entblösste er gar den Rücken seiner «ETERNA MAGICA», damit wir all ihre hübschen Zahnrädchen und die Unruhe (!) bewundern konnten.

Meine Eltern trugen eine «Handschelle der Zeit», auch Armbanduhr genannt. Jahrelang mussten sie diese täglich «aufziehen» – hier nicht im Sinne von «necken», «foppen»! Dann kamen die automatischen Uhren auf, welche die Armbewegungen der TrägerInnen nutzten, um Energie zu tanken. Bei Bewegungsmuffeln versagten die Automaten ihren Dienst. Die Batterie-Uhren erlösten sie.

Mich stresste, dass ich meine Handschelle zu oft ins Gesichtsfeld bekam. Sie raunte mir ständig zu: «Beeile dich!» Ich trug darum fortan Grossvaters ETERNA. Heute begleitet mich eine leichte, schöne Taschenuhr.

Die Uhr der heutigen Generation ist ein rechteckiges Kästchen. Man trägt es in einer Hand. Braucht man für etwas beide Hände, schiebt man das Kästchen in die Gesässtasche. Dort be-sitzt man es in doppeltem Sinne – was es mit einem hässlichen Knirschen des Glases beantwortet.

In Zukunft werden sich SchülerInnen und ArbeitnehmerInnen gemeinsam gegen den körperlich und seelisch krankmachenden Zeitdruck wehren.

Zum Schwerpunkt: «Vorgestern  und übermorgen»

Text und Bild: Monika Küng  (73)

Heute und gestern – ähnelt sich unser Verhalten?

 Was mir seit einiger Zeit auffällt und immer wieder begegnet – ältere Menschen machen sich klein und sabotieren damit sich selber. Ich höre sie sagen: «Och, das habe ich schon wieder vergessen, Alzheimer lässt grüssen!» Oder: «Teller fallen gelassen: Ich bin doch wirklich zu blöd, einen Teller abtrocknen zu können!» Auch interessant, auf eine vergessene Nachricht zu antworten: «Das kann wieder nur mir passieren! Datum verwechselt. Jetzt ist es aber wirklich nicht mehr gut mit mir.»

Hätten wir genau diese Aussagen nicht auch in jungen Jahren machen können? Passend zum Motto: Vorgestern wie Jetzt! Dann würden wir einfach im Alter nur Gesagtes von früher wiederholen. Oder fangen wir erst im Alter an, etwas zu sagen, was wir als junge Menschen nicht, oder nur selten getan hätten? Es ist aufschlussreich, solchen Eigenanschuldigungen einmal bewusst nachzuspüren, was für ein Gefühl das uns gibt.

Sich kleinmachen mit Eigensabotage, schadet uns und ist für unsere Mitmenschen, die sich das Gejammer anhören müssen, völlig uninteressant. Unser negatives Verhalten immer wieder zu verbessern ist wie: Auf-dem-Weg-Sein. So wie das Leben auch immerwährend weitergeht, sich nicht wiederholt und zu dem Positiven ausgerichtet sein sollte.

Zum Schwerpunkt: «Wasser»

Text und Bild: Monika Küng  (73)

 Wasserkreislauf

Wasser steigt als Wasserdampf in die Atmosphäre, bis in die Ionosphäre unserer Erde. Es kann sich dort reinigen und erneuern. In den Wolken wird das Wasser eine Zeitlang über die Lande getragen, bis es dann irgendwo aus himmlischer Höhe herabregnet, um wieder durch die Landschaft in Richtung Meer zu fliessen. Demzufolge ist es Teil der Leichtigkeit des Himmels und der Schwere der Erde.

Wasser erfährt veränderte Zustände: Es kann fliessen, stagnieren, verschmutzen, gefrieren, verdunsten, sich reinigen und wieder fliessen. Nicht jeder Wassertropfen schafft es im ewigen Kreislauf bis ins Meer. Manchmal landet er auf einer Pflanze und wird bereits von dort wieder in die Wolken hinaufgesogen. So entstehen längere und kürzere Wasserläufe, aber immer ist es ein ständiges Hinauf und Hinunter. Es zeigt uns den Kreislauf und die Lebendigkeit, die Erde zeigt die Beweglichkeit in der Stabilität. Wasser ist weich, seine Stärke liegt in der Zeit.

Während das Wasser in den grossen Sammelbecken auf den nächsten Kreislauf wartet, verharrt es nicht still. Stets ist es von unsichtbarer Hand bewegt, prallt bei Flut gegen die Küste, zieht sich wieder zurück; in seiner Tiefe fliessen gewaltige Ströme, die für uns meist unsichtbar bleiben. Es lässt sich sanft vom Wind bewegen und es fliesst den Weg, welcher ihm von der Umgebung gegeben ist. Doch es kann nie aus seinem Kreislauf fallen. Man stelle sich vor, wir trinken dasselbe Wasser, wie schon die Dinosaurier und Steinzeitmenschen es taten!

Wasser als Spiegel unserer selbst

Wasser ist der einzige Spiegel, den uns die Natur schenkte, damit wir uns erkennen können. Auch der Mensch erlebt in seiner Seelenentwicklung verschiedene Zustände; vom Lebensfluss zur Stagnation oder sogar zu einem gefrorenen Seelenzustand ist alles möglich. Vom tiefsten Punkt der Materie kann der Mensch in eine leichtere Form aufsteigen, zu den luftigen Höhen der Erkenntnisse, der Liebe und der Reinigung, Wasser als Symbol unserer Spiritualität. Auch der Regenbogen zeigt es uns: Um zu entstehen braucht er Wasser und Licht. Betrachtet in der Entwicklung, braucht es uns als Mensch und Licht, dadurch wird die wunderbare, vielfarbige Entwicklung sichtbar. So wie es Wassertropfen gibt, die mal einen kürzeren Weg nehmen, wissen auch wir um kürzere Leben. Und nicht immer können wir frei wählen, wohin wir uns entwickeln möchten, sondern müssen uns der Umgebung anpassen.

Ich wünsche: Erkenntnis-Spass!

Zum Schwerpunkt: «Vorgestern  und übermorgen»

Text und Bild: Jürg Krebs (76)

Abenteuer mit Flugzeug
von vorgestern

Mit meinem klapprigen Aufklärungsflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg habe ich den Mont Blanc umrundet und fliege jetzt das Wallis hinauf. Das Wetter ist gut, am Südhang hat es Thermik, also steigende Luft, die mir unter die Flügel greift. Nach Montana schaue ich mich um, ob noch andere Flugzeuge die Absicht haben könnten, über den 2314 Meter hohen Gemmipass zu fliegen. Weit und breit kein Flugobjekt. Vor mir bei Leuk die riesigen, weissen Parabolantennen, die Signale von vielen Satelliten empfangen. Auf gut 2800 Metern über Meer drehe ich nach links ins Tal Richtung Leukerbad ein. Plötzlich höre ich ein Brausen unter mir und schon steigt ein Tiger der Luftwaffe vor mir senkrecht in die Höhe. Kurz darauf ein zweiter und ein dritter Kampfjet. Sie waren mit grosser Geschwindigkeit unter mir hindurch geflogen und steuern jetzt die Gemmi an. Ich spüre die Luftwirbel, die sie verursachen. Ich muss grinsen. Die wollten mir sicher einen Streich spielen und mich überraschen. Das ist ihnen gelungen. Dann überlege ich aber: Hält die Luftwaffe hier eine Übung ab und ich habe nicht gelesen, dass diese Region heute gesperrt ist? Wollten sie mir das signalisieren? Ich habe kein Funkgerät an Bord, kann also nicht nachfragen. Soll ich sofort eine enge Kurve fliegen, zurück ins Wallis und über einen anderen Pass ins Bernbiet? Der Horizont der Gemmi ist sehr eng. Was, wenn sie plötzlich von der anderen Seite gegen mich fliegen? Würden sie mich rechtzeitig sehen? Mein Puls geht schneller. Ich entscheide mich, über Albinen noch Höhe zu gewinnen, um einerseits einen besseren Überblick zu erhalten und andererseits genug Spielraum für die S-Kurve zu haben, die ich über dem Pass fliegen muss. Diese S-Kurve würde mir erlauben, sofort zu wenden, wenn über dem Daubensee ein starker Abwind bliese oder Militär sichtbar wäre. Zweiter Anlauf. Ich bin wieder ruhig und fühle mich sicher. Über dem Pass spüre ich die übliche Turbulenz und einen leichten Fallwind, der aber bei meiner relativ grossen Höhe kein Problem ist. Richtung Norden schwebt hoch ein Heissluftballon. Ob die Militärpiloten auch ihn mit einem Besuch beehrt haben? Jedenfalls sehe ich Kondensstreifen von Kurvenflügen. Nach der Landung in Reichenbach studiere ich nochmals gründlich die aktuellen, militärischen Sperrgebiete. Es gibt heute nur eines in der Innerschweiz. Also war es doch ein Scherz dieser Kerle gewesen. Jedem Tierchen sein Pläsierchen!

Zum Schwerpunkt: «Vorgestern  und übermorgen»

Text und Bild: Andreas Steinmann (77)

Das Foto zeigt den Schreibenden 1969 als Schriftsetzer in einer Druckerei in Bergen, Norwegen. Ich arbeitete in der «Magasin Avdelingen» und setzte vor allem Inserate. Auf dem sogenannten «Setzschiff» liegt ein Inserat,
das ich noch fertigstellen muss.

Schriftsetzer, auch «Jünger
Gutenbergs» geheissen

Johann Gensfleisch zum Gutenberg aus Mainz begründete um das Jahr 1440 die Buchdruckerkunst. Er erfand ein Handgiessinstrument und so konnten erstmals Buchstaben in Blei gegossen werden. Eine weitere bahnbrechende Erfindung von Gutenberg war eine Druckerpresse. So wurde es möglich, Drucksa­chen in grossem Stil zu fertigen. Die 42-zeilige gedruckte Gutenberg-Bibel ist eines der Hauptwerke Gu­tenbergs. Und dank der Bibelübersetzung des Reformators Martin Luther konnten plötzlich alle die Bibel lesen. Vor Johann Gutenberg schrieben vor allem Mönche alle Texte mühsam von Hand. Gutenbergs Erfindung blieb sich trotz aller Entwicklung bis in die Neuzeit eigentlich ähnlich: Der Handsetzer stellte den Text zusammen; das Herstellen der Bilder erledigte der Lithograf. Im sogenannten «Werksatz» erfasste der Maschinensetzer grosse Textmengen.

Winkelhaken, Typometer und Pinzette

Das Typometer ist eine Art Lineal, aber anstatt in Zentimetern und Millimetern ist das Typometer in Cicero und Punkte ein­geteilt. Die Pinzette dient zum Ausbinden einer fertigen Arbeit. 1 Punkt = 0,376 mm, 1 Cicero = 12 Punkte oder 4,51 mm. Das Typometer ist 798 Punkte oder 6611/2 Cicero lang. Ein Schriftsetzer rechnet also mit Punkt und Cicero anstatt mit Millimetern und Zentimetern. Winkelhaken, Setzlinien, Setz­kasten, Bleibuchstaben, Ausschluss, Ausheben, Ausbindschnur, Ausbinden, Setzregal, Porte-page, Satz (Maschi­nensatz, Handsatz, Werksatz), Setzschiff sind nur einige Fachausdrücke aus dem Buchdru­ckergewerbe, wie sie vor dem Aufkommen von Film- und Fotosatz, von Mac und Personal Computer gebraucht wurden. Schrift­setzerinnen gab es übrigens damals noch keine. Der Schriftsetzer gestaltetete Drucksachen aller Art vom Buch über Kleindrucksachen bis hin zu anspruchs­vollem Tabellensatz.

Mit Bleibuchstaben um Bleibuchstaben zum fertigen Text

Ich stehe, mit dem Winkelhaken in der  linken Hand, vor einem imaginären Setzkasten und «setze» einen Text fürs «UND». In einem Setzkasten ist alles enthalten, was es für das Erstellen eines Textes braucht: unter anderem das Alphabet mit allen Grossbuchstaben im oberen Teil des Setz­kastens und den Kleinbuch­staben, gut ver­teilt, in der Mitte. Im sogenannten Winkelhaken setze ich nun mit Hilfe einer «Setzlinie» Buchstaben um Buchstaben, Zeile um Zeile und hebe dann den fertigen Satz auf ein Setzschiff aus. Die «Ausbindschnur» dient mir mit Hilfe eines «Vor- und Unter­schlags» dazu, den fertigen Satz sorgfältig «auszubinden», damit ja keine Buchstaben umfallen. Die fertige Arbeit schiebe ich in die Abzugpresse, färbe alles schwarz ein und erstelle einen Abzug für den Korrektor. Den «Satz» schiebe ich anschliessend auf ein so genanntes «Porte-page». Seite um Seite zum Beispiel eines dicken Buches werden so auf Porte-pages gelagert. Was früher ganze Räume mit grossen Regalen aus­füllte, hat in der Computer-Ära, in Form von Filmen, in einer Schublade Platz. Mit einem «Gott grüss die Kunst» begrüssten sich jahrhundertelang Schriftsetzer und Buchdrucker. Das Buchdruckergewerbe wurde auch «Schwarze Kunst» genannt. Heute ist es mir der «Schwarzen Kunst» nicht immer zum Besten bestellt. Es wird häufig drauflos gebastelt, ohne typographische Regeln zu beachten. Wenn es nur schnell geht.

Zum Schwerpunkt: «Risiko»

Bald Wirtschaftskrise?

Text und Bild: Jürg Krebs (76) 

Das Risiko, dass die Wirtschaft in eine Krise hineinschlittern wird, steigt. Mit möglichen Folgen wie: Arbeitslosigkeit, soziale Spannungen, Armut, Obdachlosigkeit, Lebensmittelknappheit.
Einzelne Risiken sind:

1. Die Energie wird Mangelware, zu wenig Erdgas aus Russland: Der Preis hat sich verdreifacht, der Strom aus Gaskraftwerken kann nicht sofort durch neue Energien ersetzt werden. Gas- und Strommangel behindern die ganze Wirtschaft und verteuern alles. (Konkret für mich: Ich werde frieren, wenn unsere Gasheizung ausfällt.
2. Missernten 2021 bei Kartoffeln, Früchten und Gemüsen können zu gravierenden Engpässen führen.
3. Viele Containerschiffe können nicht mehr rechtzeitig entladen werden, weil die Häfen veraltet sind. Lebensmittel verderben und die Produktionsfirmen erhalten die nötigen Stoffe und Teile nicht rechtzeitig.
4. Durch die Pandemie sind viele Wirtschaftszweige bereits geschwächt. Eine längerfristige Rettung durch Staatsmilliarden ist kaum möglich, denn die Staaten sind schon sehr hoch verschuldet.
5. Es besteht eine Immobilienblase: Die Gebäude sind viel zu hoch bewertet.
6. Die Aktienkurse haben schwindelerregende Höhen erreicht. Ein Absturz bei Aktien und Immobilien würde Unsummen vernichten. Nicht nur private Anleger, sondern auch die AHV, die Pensionskassen, die Krankenversicherer, die Banken und viele Firmen könnten zahlungsunfähig werden.
7. Die Nationalbanken sind von den Entwicklungen in der globalisierten Welt ebenso abhängig wie die ganze Wirtschaft. Sie haben nicht mehr die Macht, eine Geldentwertung abzuwenden.
8. Noch nie wurden weltweit so viele Waffen produziert und gekauft wie in den letzten Jahren. Das ist ein Zeichen der Unsicherheit. Der Kampf um Ressourcen könnte Kriege auslösen.
9. Die digitalisierte Welt funktioniert nur, wenn genug Strom vorhanden ist. Und das Internet ist immer mehr von hochqualifizierte Hackern gefährdet. 90 Prozent allen Geldes ist virtuell – also schnell zerstörbar.
10. Die Klimaveränderungen führen öfters zu verheerenden Schäden.
11. Die Pandemie schadet weiterhin. In Afrika sind erst 2 Prozent der Bewohner geimpft.
12. Der Goldpreis steigt stark, wie immer vor Krisen. Das Vertrauen in die Wirtschaft schwindet also.

Krisen gehören zur kapitalistischen Wirtschaft. Wie gross ist das Risiko, dass die nächste bald folgen wird?
Sollen wir vorher noch so viel wie möglich geniessen? Oder bereits lernen, bescheidener zu leben?
Weniger konsumieren und weniger Energie verschleudern würde die Natur entlasten

2 Responses to “Gedanken-Schatulle”

  1. Antworten

    Enge Regeln sollen dem „und“, das stark expandiert, Sicherheit und klare Grenzen geben. Verständlich. Vielfalt und Kreativität leiden natürlicherweise darunter. Danke für die Chance, die die „Gedanken-Schatulle“ unkonventionellen SchreiberInnen bietet! Schorsch Fridu Chräbs

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