Die kleine Hexe und der liebe Gott

Im 16. Jahrhundert verbrannte der protestantische König Jakob alle Frauen, die er beim Kräutersammeln erwischte, oder von denen man im Dorf tratschte, sie seien Hexen. Eine aber unter ihnen war zu klein, um erwischt zu werden: die nervige kleine Hexe.

Es gibt kleine Hexen und grosse Hexen. Was grosse Hexen sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Wahrscheinlich wurden die ganz Grossen in König Jakobs Buch mit dem Titel: «Dämonologie» beschrieben. König Jakob verbrannte während seiner Herrschaft mehrere tausend Frauen. Alle, welche Kräuter sammelten, Menschen heilten oder unverheiratet schwanger wurden, bezeichnete man als Hexe. So viele Hexen, das kann ja gar nicht gelogen sein.

Das müssen ganz böse Hexen gewesen sein. Begleitet von dicken, fetten Kröten. Mit grossen, krummen, warzenbesetzten Nasen. Da er diese Frauen alle auf den Scheiterhaufen brachte, wird Schottland wohl jetzt vom Bösen gereinigt sein. Da dies auch in den andern Ländern Europas geschah, ist Europa jetzt endlich gut. Europa ist so oder so der Kontinent mit der besten Währung. Und darum bleibt Schottland in der EU.

Mit dem Teufel im Bunde?

Denn die Hexen, so sagte man, seien mit dem Teufel im Bunde gewesen. Aha. Wenn jetzt also alle Hexen ausgerottet sind, gibt es folglich auch keinen Teufel mehr. Und Kröten nicht und Warzen auf der Nase. Falls doch, könnte man ja zum Schönheitschirurg gehen. Und da Hexen häufig alleinstehende und arme Frauen waren, sind jetzt folglich alle alleinstehenden Frauen (ist ja logisch, denn diese durften ja keine Kinder haben, konnten sich also nicht fortpflanzen) und arme Frauen in Schottland sowieso ausgerottet.

Wenn jetzt also alle Hexen ausgerottet sind, gibt es folglich auch keinen Teufel mehr

In der Schweiz aber gibt es sehr viele arme Frauen. Blöd nur, dass die damals aufkommende Wissenschaft die Absurdität von den in England praktizierten magischen Ritualen aufzeigte. Blöd nur, dass es in England heute noch HeilerInnen gibt, die total wissenschaftsfern agieren. Sie reden sogar manchmal mit Engeln. Werden in Spitäler gerufen, um zu heilen, und können vielen Menschen helfen.

Die nervige Fliege

König Jakobs Jägern entgingen jedoch einige Hexen. Diese waren zu klein, um bemerkt zu werden. Auf ihrem Minibesen kurvten sie wie ein Torpedo mit Fliegengesumme in der Luft herum. Eine davon war die kleine Hexe. Stiess sie mit jemandem zusammen, zuckte dieser zusammen, murmelte: «Scheissfliege», und versuchte sie abzuklatschen. Sie war viel zu schnell mit mindestens Lichtgeschwindigkeit unterwegs. Und sie nervte. Bis sie mit dem lieben Gott zusammenstiess. Der liebe Gott schweigt ja meistens, ist unendlich gütig und in irgendeinen schwammigen Nebel verhüllt. Dank des Nebels kann man sein Alter nicht bestimmen und durch diese geniale Methode erspart er sich jedes Facelifting.

Sie war viel zu schnell mit mindestens Lichtgeschwindigkeit unterwegs.

Der liebe Gott zuckte zusammen und klatschte nach der Fliege. Der liebe Gott ist ja nie genervt, aber eine Fliege im Himmel? Das war doch unmöglich! Da er alles sieht, sah er auch, dass es die kleine Hexe war. Er grinste: «Dich gibt es noch, es ist also tatsächlich eines von diesen Hexenviechern übriggeblieben? Was ist denn das für ein Porschebesen?» Die kleine Hexe strahlte:«Vier Zylinder, 700 PS, Turbo, hybrid; echt besenrein.» Zusammen bewunderten sie den Besen, der noch kehrte wie neu.  Die kleine Hexe fragte: «Sag, warum hast du alle grossen Hexen während der Inquisition an den Scheiterhaufen gestellt, an einem Abend hundertfünfzig Frauen?» Der liebe Gott stöhnte. Mal wieder sollte er an allem schuld sein.

Bild: Wikimedia Commons

«Das war nicht ich, das war König Jakob mit seinem Buch namens «Dämonologie». Und ehrlich, unter uns gesagt, ist mir die objektive Wissenschaft tausendmal lieber als solches Teufelsgeschwafel.»

Fristenlösung und Frauenstimmrecht

Sie quasselte ihn an: «Also, wenn du meinen Besen schon so toll findest, darf ich doch sicher ein bisschen hierbleiben. Ich habe nämlich Angst auf der Erde, weil alle sagen, im Mittelalter wäre ich schon lange als Hexe verbrannt worden.» Der liebe Gott meinte: «Ach kleine Hexe, du darfst hier im Himmel deinen Turbobesen in den Reparaturservice geben. Aber dann musst du auf die Erde zurück. Ich schicke dich der katholischen Kirche.» «Aber», wimmerte die kleine Hexe, «die werden mich an den Scheiterhaufen stellen.»

«Keine Angst», sagte der liebe Gott, «Denn du hast eine besondere Fähigkeit, nämlich jene, andere zu nerven. Und deshalb werden sie dich nicht ernst nehmen. Ausser zwei oder drei… und die schick ich dir zur Unterstützung.» «Hexen?», fragte die kleine Hexe. «Nein, die sind gerade nicht online. Aber den heiligen Nikolaus, dessen Schlitten so schnell ist wie dein Besen, und den heiligen Josef sowie die drei Könige aus dem Morgenland.»

Gott: «Zusammen werdet ihr das Frauenstimmrecht und die Fristenlösung einführen.»

Die kleine Hexe jammerte:«Aber das sind doch alles Männer!» «Wenn du eifrig betest, werde ich dir eine Frau zur Seite stellen. Eine ganz Grosse, die alles weiss. Wie wär’s mit Maria? Zusammen werdet ihr das Frauenstimmrecht und die Fristenlösung einführen. Das Frauenstimmrecht? Dies, so meinte Maria nämlich, sei schon lange überfällig gewesen. Denn sie könne ja nicht dauernd vor Grotten oder so erscheinen. Darum steht sie heute an den Abstimmungsurnen.»

Und sie kurvt weiter…

Der liebe Gott rief den Schlittenmechaniker vom heiligen Nikolaus. «Hey, bring den Turbobesen auf Vordermann und gib der kleinen Hexe was zu essen. Denn andere zu nerven braucht ganz schön viel Kalorien.» Er gab der kleinen Hexe einen Klaps. «Und vergiss ja nicht auf der Erde genug zu essen. Denn solche Gehirne wie deines brauchen viele Kohlehydrate. Und wenn du dann wieder einmal total ausgepowert bist und nahe an einem Burnout, dann darfst du wieder zu mir kommen und mich nerven. Denn ohne dich ist es hier im Himmel manchmal etwas öd. Und jetzt schieb ab, ich habe noch Wichtigeres zu tun.»

«Danke, lieber Gott mit all deinen Heiligen.» Sie strahlte über beide Backen. «Jetzt darf ich endlich in deinem Auftrag nerven. Ich mag dich! Und unter uns gesagt: du könntest ruhig etwas mehr mit mir sprechen! Dann würde ich dich auch nie mehr nerven! Denn dann wüsste ich, wo es sich lohnt und wo nicht.»

Gott: «Und wenn du dann wieder einmal total ausgepowert bist und nahe an einem Burnout, dann darfst du wieder zu mir kommen und mich nerven.»

Sprach‘ s, schwang sich auf den Porschebesen mit dem Hybridmotor und kurvte in Highspeed auf die Erde. Und wenn sie nicht gestorben ist, so nervt sie uns noch heute. Damit wir wach und sensibel bleiben.

PS: die kleine Hexe kurvt nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern das ganze Jahr. Und wenn ihr es summen hört, dann denkt an diese kleine Geschichte. Vielleicht müsst ihr ja dann ein bisschen schmunzeln!


 Rubrik

In der Rubrik «Isabels Geschichtenraum» erzählt eine Psychologin  Geschichten zu Kirche, Religion und Kinder. Manchmal mit Ironie und Satire – und immer echt.

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