Susanne und Klaus Bonanomi kämpfen für eine bessere Welt

«Wir können nicht anders!» Marc und Susanne Bonanomi, beide über 85 Jahre alt, kämpfen für ihre Anliegen. Ein eindrückliches Porträt über ein engagiertes Paar.

Dieser Beitrag ist im Magazin «Grosseltern» in der November-Ausgabe erschienen.
Autor und Fotograf: Klaus Petrus


Bahnhof Bern, ein Dienstag am frühen Abend, Rushhour. Tausende Menschen hasten nach Hause, das Handy am Ohr, die Einkaufstasche in der Hand, viele sind müde, manche aufgedreht, und mitten drin die Bonanomis: Die beiden sind über fünfundachtzig, sie tragen grüne T-Shirts und verteilen Flugblätter für eine bessere Welt. Eine Stunde geht das so oder manchmal auch länger, seit Jahren kommen sie mehrmals die Woche hierher und sind doch kein bisschen müde. «Wir können nicht anders, es geht schliesslich um die Zukunft: Um die Zukunft unserer Grosskinder und die aller anderen», werden sie später bei sich daheim in Zollikofen sagen, wo sie wieder Energie tanken.

Susanne und Klaus Bonanomi. – Bild: Klaus Petrus

Begonnen hat ihre gemeinsame Geschichte 1953 am Vierwaldstättersee während einer «Sing Spiel und Tanz»-Woche. Marc Bonanomi, damals 21 Jahre alt und Student der Kulturtechnik und Vermessung an der ETH, lernte die Kindergärtnerin Susanne Moser kennen, ein Jahr älter und ebenfalls aus dem Kanton Bern. Die beiden verliebten sich, sie heirateten, das erste Kind kam 1959 zur Welt, das vierte 1966, alles lief wie am Schnürchen. Bis sich Marc besann. Der Job war ihm zu technisch, er fühlte sich zunehmend unwohl und entschied sich stattdessen für ein Theologiestudium an der Universität Bern – Marc wollte Pfarrer werden. «Damals lebten wir zu sechst in einer Dreizimmer-Wohnung, wir mussten sehr sparsam sein», erinnert sich Susanne. Für Marcs Entscheid gab es keinen plötzlichen Auslöser, die Beziehung zu Gott sei ihm schon immer wichtig gewesen, sagt er rückblickend. Bereits sein Vater war Geistlicher, ein typischer «Arbeiterpfarrer», der sich auch um die Verarmten und Verstossenen kümmerte. Was den jungen Bonanomi nachhaltig beeindruckte: Auch er wird später bei sich im Pfarrhaus immer wieder Menschen aufnehmen, die nicht wissen, wohin.

Durch Sohn politisiert

Es war die Zeit der neuen Protestbewegungen, als Marc in den 1970er Jahren das Pfarramt in Zollikofen übernahm. Vor allem der Umweltschutz wurde zum grossen Thema, auch für die Bonanomis. «Wir wurden durch unseren ältesten Sohn politisiert, der sich stark in der Anti-Atomkraft-Bewegung engagierte», erzählt Marc. Tatsächlich gab es landesweite Proteste, als zwischen 1969 und 1979 die Atomkraftwerke Beznau-1 und -2, Mühleberg und Gösgen in Betrieb genommen wurden.

«So vieles läuft verkehrt auf dieser Welt, dagegen muss man doch etwas machen!»  Marc Bonanomi

Ebenfalls in der ersten Hälfte der 1970er Jahre veröffentlichte der Club of Rome den Bericht «Grenzen des Wachstums». Darin  wurde das eiserne Prinzip des Neoliberalismus – «Immer mehr, immer schneller» – angeprangert, und die negativen wirtschaftlichen Folgen für die sogenannte Dritte Welt wurden aufgezeigt. Zu dieser Zeit begann sich Susanne mit einer kleinen Gruppe von Frauen für fairen Handel einzusetzen, sie organisierten in der Gemeinde Zollikofen Infostände, führten Veranstaltungen durch und verteilten Flugblätter.

Mit Querflöte und Transparent

Inzwischen kümmerte sich Pfarrer Bonanomi um seine Gottesdienste, Taufen, Begräbnisse und den Konfirmationsunterricht. «Die pfarramtlichen Verpflichtungen streng einzuhalten, das war mir immer sehr wichtig.» Marc wurde zu einem engagierten, unkonventionellen und beliebten Pfarrer. Dass er am Grab der Verstorbenen stets auf seiner Querflöte das Lied «Näher mein Gott zu dir» spielte, daran erinnern sich die Leute aus Zollikofen noch heute. Natürlich habe er aufpassen müssen, dass ihm nicht das Etikett eines rot-grünen Pfarrers angehängt wurde, sagt Marc schmunzelnd. Vielleicht hat sich auch deswegen das politische Engagement der Bonanomis seit Marcs Pensionierung noch verstärkt. In erster Linie sei das aber eine Herzensangelegenheit gewesen. «So vieles läuft verkehrt auf dieser Welt, dagegen muss man doch etwas machen! Wir haben jetzt einfach mehr gewagt», sagt Marc. Wie zum Beispiel damals, als im Bundesrat wieder einmal über ein Waffenembargo debattiert wurde. Da stellte sich Susanne kurzerhand mit einem Transparent «Wer Waffen exportiert, importiert Flüchtlinge» auf den Bundeshausplatz. Die Politiker sollen das ruhig sehen, wenn sie aus dem Bundeshaus kommen, sagte sie sich. Als die Polizei anrückte, wusste diese nicht recht, was sie mit dieser freundlichen, warmherzigen, aber entschlossenen Frau anstellen sollte: «Ich hatte ja keine Bewilligung. Aber einsperren wollten sie mich dann doch nicht.»

Die logische Konsequenz

Ein anderes Ereignis sollte für Susanne schwerwiegende Konsequenzen haben. Sie erinnert sich noch genau daran, es war 2012. Damals hatte sie einen Film über Kühe gesehen, denen ihre Kälber sofort nach der Geburt weggenommen wurden – und das nur, damit wir Menschen ihre Milch bekommen. Gerade als Mutter sei sie darüber sehr schockiert gewesen. Wie schon oft in ihrem Leben zogen die Bonanomis die Konsequenzen. Nach fünfzig Jahren vegetarischer Ernährung mieden sie fortan sämtliche tierischen Produkte und leben bis heute vegan. Für Susanne und Marc war dieser Schritt eine logische Konsequenz ihres bisherigen Engagements. Auf einmal kam alles zusammen, wogegen sie fast ihr Leben lang gekämpft hatten: die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft in Richtung Massentierhaltung, die negativen Auswirkungen der Nutztierhaltung auf das Klima – für den Anbau von Futtermittel wie Soja muss Regenwald gerodet werden. Der unheilvolle Zusammenhang zwischen dem hohen Fleischkonsum in westlichen Ländern auf der einen und dem weltweiten Hunger auf der anderen Seite. Und natürlich das Tierleid, das auch im vermeintlichen «Heidiland » Schweiz unermesslich sei, wie Marc sagt. So würden hierzulande pro Sekunde zwei Tiere geschlachtet. Und obschon die Schweiz angeblich über eines der besten Tierschutzgesetze der Welt verfügt, sei es erlaubt, zehn Schweine auf der Fläche eines Parkfeldes, 18’000 Hühner in einer einzigen Mastanlage oder Kühe während 275 Tagen im Jahr im Stall zu halten.

«Die Gleichgültigkeit gibt mir zu denken und macht mich manchmal traurig.»  Susanne Bonanomi

Man könnte versuchen, die Situation der Tiere auf politischem Weg zu verbessern oder Druck auf die Tierindustrie auszuüben. Marc und Susanne Bonanomi dagegen glauben fest daran, dass sich nur dann etwas ändern wird, wenn sich die Menschen selbst verändern. Deshalb ziehen sie inzwischen sechsmal die Woche ihr T-Shirt mit der Aufschrift «Vegan» über und verteilen am Berner Bahnhof Flugblätter. Sie appellieren an die Vorübergehenden, sich doch zu informieren und dann, soweit es ihnen möglich ist, ihr Verhalten zu ändern. Die Reaktionen der Passanten seien gemischt, doch am Ende würden die positiven Erlebnisse überwiegen, erzählt Marc. Manchmal werde man sogar beschimpft, sagt Susanne. Doch nicht die Abwehr bereitet ihr am meisten Mühe, es ist eher die Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen, den Tieren, dem Planeten. «Das gibt mir zu denken und macht mich manchmal traurig.»

Engagement kennt kein Alter

Doch aufgeben, den Mund halten und sich zur Ruhe setzen, das ist keine Option für die Bonanomis, die selber zehn Enkel und zwei Urenkel haben. Sie möchten, dass diese Welt weiter existiert und dass auch die künftigen Generationen ein gutes Leben haben können. Und sie wünschen sich, dass sich viele ältere Menschen so engagieren wie sie. Das sei nicht nur wichtig, meint Marc, sondern auch gesund. «Der sicherste Weg in eine Altersdepression ist zu sagen: Ab jetzt schaue ich nur für mich selbst und mache bloss noch, was mir Spass macht! Wenn du hingegen das Gefühl hast, dass andere dich brauchen und du etwas zum Besseren bewirken kannst, dann macht dich das zufrieden und hält dich zudem frisch.» Denn politisches Engagement, davon sind die Bonanomis fest überzeugt, kennt kein Alter.


Magazin «Grosseltern»

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der November-Ausgabe des Magazins «Grosseltern».

Bild: Screenshot Webseite Magazin «Grosseltern»

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