Ein tiefer Blick

«Von gleich zu gleich» hätte man früher gesagt oder geschrieben. Aber eine neue Redewendung hat sich durchgesetzt, eine anschauliche, die der Kolumnist seinerseits genauer anschauen möchte.

Kolumnist Heinz Gfeller. – Bild: Manuel Meister

Wenn zwei einander begegnen… Wenn zwei verhandeln… Wenn zwei sich aufeinander einlassen, in Beziehung treten wollen…, dann kommt es heute unfehlbar: «auf Augenhöhe». Als Feststellung: eine gute Voraussetzung. Oder als Wunsch: hoffentlich. Oder als Frage: Sind sie es?

Gewiss eine wichtige Frage. Sind sich die zwei ebenbürtig? Ist einer dem andern gewachsen – wörtlich: gross genug? Wird einer ungerechtfertigte Vorteile haben? Doch fassen wir den Ausdruck näher ins Auge.

Obwohl es aufs Gleiche hinauslaufen würde, heisst es nicht: auf Nasen-, Mund- oder Stirnhöhe. Das erhellt sich leicht: Wir sind Augenmenschen; wir glauben, was wir sehen. Auf weitere denkbare Begegnungen, zum Beispiel auf Bauchhöhe, wollen wir uns mal nicht einlassen.

Eine Ungewissheit sodann: Heisst es nicht eigentlich «auf gleicher Augenhöhe»? So, dass die beiden geradeaus schauen können, den Kopf weder zu beugen noch in den Nacken zu legen brauchen? Wären die zwei nämlich ungleich gross, doch jeder würde auf seiner Augenhöhe, also waagrecht vor sich hin blicken, so sähe der eine vielleicht auf einen Hals, der andere aber in die Luft. Und sie würden wohl ins Leere reden.

Doch auf die «gleiche» Höhe scheint man unterdessen verzichten zu dürfen. Es versteht sich, dass nicht einer, bewundernd, zu jenem aufschaut, noch ein anderer auf diesen herabschaut, verächtlich. Sie verharren Aug’ in Auge, fixieren einander, wenn sie nicht gar hypnotisieren. Das könnte allerdings ins Auge gehen; am Ende landen wir bei «Auge um Auge», und das ist weit schlimmer als etwa «Zahn um Zahn».

«Schau mir in die Augen, Kleines», traute sich Humphrey Bogart seinerzeit im Film «Casablanca» zu Ingrid Bergman zu sagen – die Frauen waren, und sind meist noch, etwas kleiner als die Männer. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

«Schau mir…»: Ich will erkennen, was du darstellst – und womöglich, was du denkst, was in dir vorgeht. Die Augen als Fenster zur Seele. Das mag im Liebesleben der einzelnen Menschen zentral sein; im intensiven Blick gehen wohl Herzen auf. Doch «auf Augenhöhe» begegnen sich heutzutage, oder sollen sich begegnen, nicht Individuen allein. Sondern auch Gruppen, Vereine, Firmen, Parteien, Staaten, Weltmächte. Sofern dies Gleichgewicht, Stabilität bedeutet, gut so. Häufig bleibt es Wunschdenken.

Wie weit kann ich Einzelner es treiben, wem Aug’ in Auge gegenüberstehen? Einer Aufgabe, einer Krise, einem Unheil? Schön, wenn ich mir so etwas zutraue. Dem Schicksal? Dem Tod? Da gilt es doch einzusehen: gegenüber ja, unvermeidlich – aber nicht auf Augenhöhe.


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Die Kolumnen von Jung und Alt. Hier berichten abwechslungsweise verschiedene «und»-AutorInnen über Themen aller Art – in ihrem je eigenen Stil.

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