Wie patriotisch wollen wir sein? Antworten von Jung und Alt

Darf, soll oder muss man heute patriotisch sein? Wir stellen passend zum 1. Augsut drei Fragen zum Thema Patriotismus. Die Antworten sind (un)patriotisch.

Der 1. August ist der Tag des Nationalstolzes. Oder doch einfach ein Tag, an dem es um den grösseren Böller geht? Dürfen wir überhaupt patriotisch sein? Und wieviel Patriotismus ist ok? Die «und»-Redaktion hat drei Fragen zum Thema Patriotismus und beantwortet sie gleich selbst. Julian Seidl (16), Corina Gall (24) haben sich mit dem Thema auseindander gesetzt. Jürg Krebs (72) auch – aber auf eine gänzlich andere Art und Weise. Aber lesen Sie selbst.

1. Frage

Illustration: Elias Rüegsegger

Julian Seidl (16)

Angesichts der Situationen, wie die Flüchtlingskrise, denen wir uns gegenwärtig in der Schweiz und allgemein in Europa stellen müssen, ist der Patriotismus ein wichtiges und interessantes Thema. Es kommt schwer darauf an in welchen Kreisen man sich bewegt, zu welchen Leuten man den Kontakt sucht und vor allem auch wie man selbst den Patriotismus von zu Hause aus mitbekommen hat. Der Patriotismus bringt in einer gewissen Weise Demut mit sich: Die Dankbarkeit in einem schönen Land wie der Schweiz leben zu dürfen. Doch der Patriotismus kann auch falsch verstanden werden: Secondos oder Links-Extremen interpretieren ihn oft falsch. Denn die Liebe zum Vaterland, Heimatliebe oder Nationalgefühl rufen oft falsche Gefühle oder Erinnerungen auf. Beispielsweise habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit Migrationshintergrund den Eindruck haben, patriotische Schweizer akzeptieren sie und ihre Kultur hier nicht. Sofort wird man als verbissener Rechter oder sogar als Nationalist angesehen. Ich gehe deshalb eher vorsichtig mit dem Patriotisch-Sein um. Aber patriotisch zu sein ist sicher nicht verboten. Im Gegenteil, wer eine gewisse Heimatliebe zeigt, der zeigt auch Stolz, der, gerade in der Schweiz, durchaus gerechtfertigt ist.

Corina Gall (24)

Ich war nie eine, die am Nationalfeiertag mit einem Schweizerkreuz auf dem T-Shirt herumlief. Ich malte mir auch keines auf die Wange, noch kann ich die Nationalhymne auswendig. Bin ich deshalb eine schlechte Schweizerin? Gibt es das überhaupt: Gute und schlechte SchweizerInnen? Lange hatte ich mit Patriotismus so meine liebe Mühe. Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon: ich verwechselte Patriotismus lange Zeit mit Nationalismus. Und ich bin überzeugt, ich bin nicht die einzige. Warum finde ich Nationalismus schlecht und Patrotismus in Ordnung? Weil das Konstrukt des Nationalstaates völlig unnatürlich ist und Grenzen den Menschen nur geschadet haben. Sie sind reine Willkür. Dass ich in der Schweiz geboren bin ebenso. Der Gründung der Nationalstaaten obliegt die Idee einer einheitlichen Sprache, Religion und Rasse. Das Gefühl, Schweizerin zu sein, ist künstlich kreiert und nicht biologisch gegeben. Das hat nichts mit Natur, sondern mit der Konstruktion der Identität zu tun.

PatriotIn zu sein hingegen bedeutet, Stolz auf die Heimat, das Land indem man lebt, zu sein. Muss man patriotisch sein? Nein, denn Heimat bedeutet für jeden Bewohner eines Landes etwas anderes.  Es ist ok, in der Schweiz zu leben, aber kein Patriot zu sein. In einem Land zu leben verpflichtet ja niemanden, eine Liebe dieses Landes gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Irgendwo muss man ja leben, was mich ja nicht dazu verpflichtet, diesen Ort auch zu lieben und als Heimat zu bezeichnen.

Willibald Vaterlaus alias Jürg Krebs (72)

Natürlich muss man patriotisch sein, sonst ist man kein rechter Mann. Ich zeige das zum Beispiel, indem ich mit meinem zwei Tonnen schweren SUV durch die Quartiere donnere und damit die blöden Grünen ärgere, die uns Patrioten alles Schöne verbieten wollen. Ich habe auch eine Jagdflinte und schiesse auf jeden Wolf und jeden streunenden Wolfshund – man kann sie ja wirklich nicht unterscheiden diese doofen Viecher!

George von Kues alias Jürg Krebs (72)

Wer die Welt einigermassen versteht, vom Wasserstoffatom über die Biosphäre bis zum Weltraum, vom Minigeist im Menschen und der unendlichen geistigen Energie im Weltganzen, kann keinen Staat lieben, höchstens einen vertrauten Flecken Erde mitsamt den Lebewesen und seinen FreundInnen darauf.

2. Frage

Illustration: Elias Rüegsegger
    • Illustration: Elias Rüegsegger

Corina Gall (24)

Als Kind freute ich mich auf den 1. August wegen des ausgiebigen Bauernfrühstücks. Feuerwerk konnte ich als Kind nicht ausstehen, ich verkroch mich unter der Bettdecke. Heute feiere ich den 1. August eigentlich nie als Nationalfeiertag, sondern nutze ihn als Gelegenheit, mit Freundinnen und Familie zu frühsticken oder zu grillieren. Und ich finde, genau so sollte man die Heimat auch feiern können. Ohne Staatsakt, ohne grosses Feuerwerk und ohne Schminke im Gesicht, die man kaum mehr rauskriegt und am nächsten Tag am Kissenbezug klebt.

Julian Seidl (16)

Normalerweise zelebriere ich dann den Nationalfeiertag der Schweiz. Eine Kultur die sich seit meiner Geburt wiederholt und trotzdem geht es wohl vor allem darum, einen Tag lang möglichst viele Raketen und Frauenfürze in die Luft zu jagen. In meiner Generation ist der patriotische Gedanke, der eigentlich den 1. August einmal ausmachte und ausmachen sollte, nicht mehr gross präsent. Im Gegenteil, manchmal hatte ich den Eindruck, es sind vielmehr die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, welche sich auf den erste August freuen. Man kann quasi legal randalieren, möglichst laut sein und wenn es eindunkelt überall eine möglichst grosse Sauerei veranstalten. Es ist deshalb umso wichtiger, gerade als Schweizer, die Werte eines solchen Feiertages aufrecht zu erhalten.

Willibald Vaterlaus

Ich esse ein riesiges Grillsteak vom Büffel, gehe zu einem Höhenfeuer und werfe meine grössten Kracher hinein. Das gibt jeweils einen Riesenspektakel. Dann singe ich die Landeshymne mit einer Zusatzstrophe, einem Loblied auf die RUAG. Ich solo!

George von Kues

Ich verziehe mich in ein abgelegenes Bergdorf und betrachte den Sternenhimmel. Diese Weite öffnet mir alle Sinne und den Geist und lässt mich staunen.

3. Frage

Illustration: Elias Rüegsegger
Illustration: Elias Rüegsegger

Corina Gall (24)

Der eher unbewusste Patriotismus holt mich immer wieder ein. Stolz ist das falsche Wort. Ich bin froh und dankbar, in der Schweiz geboren zu sein. Ich glaube, ein grösseres Privileg gibt es nicht. Das wird mir immer dann bewusst, wenn ich aus einem längeren Auslandaufenthalt zurückkomme und in Zürich Kloten lande. Wenn die Züge wieder pünktlich fahren, wenn die Leute vor dem Zug warten, bis ich ausgestiegen bin. Oder, wenn ich am Berner Hautbahnhof im grössten Feierabendgetümmel an Bundesrat Ueli Maurer vorbeilaufe. Wo kann man denn so etwas sonst wo in der Welt? Das alleine macht mich schon glücklich. Vielleicht beweist das eben auch, dass ich doch patriotisch bin. Es sind Momente im Alltag, in denen man sich als Patriot outet. Wer kennt das nicht, wenn man beim Reisen auf Menschen aus anderen Ländern trifft und sich auf einmal dabei erwischt, wie man das eigene Land lobpreist und verteidigt, wenn es kritisiert wird? Zum Beispiel fühlen wir uns Deutschen in fernen Ländern kulturell und gefühlsmässig eher nah. Geht’s dann bei Diskussionen mit Einheimischen oder anderen Nationalitäten um Geschichte und Politik, wachsen wir Schweizer um ein paar Zentimeter und sind auf einmal «ganz anders» und «viel besser». Kriege? Hach, da haben wir uns rausgehalten. Der grösste patriotische Moment in den letzten Wochen hatte ich, als ich von einem Halbjährigen Auslandsaufenthalt aus Israel nach Hause kam und in den Coop lief. Ja! Diese Auswahl, diese perfektionistische Einsortierung des Essens, ich konnte es kaum erwarten, wieder zu Hause einkaufen zu gehen.

Julian Seidl (16)

Nein, ich bin kein Patriot. Dankbarkeit ist für mich sehr wichtig und ich bin immer wieder dankbar, dass ich eine tolle Ausbildung machen kann, dass unsere Strassen sauber sind, dass wir in Frieden miteinander leben können. Und obwohl ich als Nationaltrainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft, meine Jungs auffordern würde, bei der Hymne mitzusingen, ist meine emotionale Beziehung, die ich zur Schweiz spüre, trotzdem keine, die man als patriotisch bezeichnen könnte. Ein Patriot zu sein, würde für mich bedeuten, eine tiefe emotionale Verbindung zur Schweiz zu haben und dies durch mein Auftreten, in gewisser Weise auch durch mein politische Einstellung, meine Überzeugungen und nicht zu vergessen der Schweizer Flagge an der Hausfassade auszudrücken.

Willibald Vaterlaus

Ich bin ein glühender Patriot. Kaum einer verträgt so viel Bier wie ich. Ich kann sogar besoffen Fahnen schwingen! Der Christof hätte seine Freude an mir. Der würde mir glatt eine Million vermachen, denn ich jage gratis und ohne Befehl alle Ausländer zurück übers Mittelmeer oder exportiere sie nach Sibirien. Nur wenige Fussballer könnten bleiben, müssten aber den Namen ändern auf Müller oder Tell oder so.

George von Kues

Nein, ich bin kein Patriot. Wenn wir Menschen überleben wollen, müssen wir bald einmal vom Staats- und Gärtchendenken wegkommen und die weltweiten Probleme gemeinsam lösen. Die Finanzwelt, die Wirtschaft (inklusive Waffenhandel) sowie die Wissenschaften operieren schon längst weltweit. Das Internet fördert diese Entwicklung enorm. Kriege könnten schnell eskalieren und zur Weltzerstörung führen. Ich hoffe auf Einsicht und «dass si Hemmige hei» (Matter).


Und wie halten Sie es mit dem Patriotismus?

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