«Selbstoptimierung» – wohin führt das?

Das Optimum aus sich selbst herausholen. Das scheint eine Devise der Zeit, findet unsere Autorin. Sie hat das Wort «Selbstoptimierung» aufgeschnappt und geht ihm auf den Grund.

Es kann wieder losgehen, das neue Jahr ist noch immer jung und mancher hat gewiss gedacht: «Was mache ich aus dem neuen Angebot an Zeit?» Viele stehen schon wieder in den Startlöchern für den Run auf die selbstgesteckten Ziele, denn die Spatzen pfeifen es doch vom Dach: «Schneller und effizienter müsst ihr sein, liebe Leute!»

«Wo bleibt noch Platz, wenn die Arbeitstage lang sind?»

Unser Berufsleben ist durchdrungen von ökonomischem Denken; wenn man Gewinne machen will, muss das Produkt maximal stimmen und diejenigen, die es herstellen, müssen perfekt funktionieren. «Menschenskind», denkt da einer, «wie kriege ich das hin? Gibt es Defizite, bist du unter deinem Optimum geblieben?» «Also aktiviere deine Potentiale», meint der Chef, «arbeite an dir, nur du kannst das Maximum aus dir herausholen. Gib alles, der Kollege bleibt doch auch dran». Ganz beiläufig erwähnt der, dass mentales Training angesagt sei und ohne soziale Intelligenz ginge heutzutage gar nichts mehr. «Es geht um messbare Leistung, verstehst du?»

Karriere ja, aber Privatleben, FreundInnen und frei verfügbare Zeit, wo bleibt noch Platz, wenn die Arbeitstage lang sind, die Erreichbarkeit nach Arbeitsschluss oft auch dazugehört. Frauen stehen unter dem gleichen Druck und der grösste Karrierekiller für sie sind Kinder. Laut Bundesamt für Statistik («Der Bund» 28.12.17) arbeiten in der Schweiz daher vier von fünf Vätern mit Familie voll. Frauen mit Familie gehen aber zu 60 Prozent zu Teilzeitarbeit über. Sie spüren die Ansprüche des Arbeitsmarktes sehr schnell an ihren Jüngsten, denn der Leistungs- und Förderwahn beginnt schon im Kindergarten. Der Vergleichsdruck wird anschliessend in der Schule und ganz besonders beim Sport weiter aufgebaut. Stärken, Schwächen und Sozialverhalten, alles wird analysiert und beurteilt und anschliessend der Förderbedarf festgestellt. Das heisst: Man fixiert mit Vorliebe, was fehlt, weniger, was vorhanden ist. Es ist schwer, sich dem allgemeinen Trend entgegenzustellen, obwohl wir wissen, dass eine derartige Selbstoptimierung allein uns Menschen nicht ausmacht.

Früher hiess es «selbst ist der Mann».  Heute sagt es die Frau zum Glück auch, und den Kindern wird von klein auf entgegengehalten: «Das musst du selbst wissen, das musst du selbst entscheiden», als ob das einfach wäre. Ich finde, Remo Largo hat Recht, wenn er sagt: «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, man reisst es höchstens aus.»

Sie hat ein Wort aufgeschnappt: Telsche Keese. – Bild: Manuel Meister

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