Luzia Tschirky und Casper Selg im Generationentalk

Was ist die Aufgabe einer Korrespondentin? Warum braucht es heute noch Korrespondenten? Casper Selg und Luzia Tschirky über die journalistische Arbeit im Ausland, das verlorene Vertrauen in die Medien und die No-Billag-Initiative.

Moderation: Elias Rüegsegger (23), Technik: Samuel Müller (22)

Eine junge Nachwuchsjournalistin und ein ehemaliger Radiomann: Das ist der Generationentalk mit Luzia Tschirky (26) und Casper Selg (67).


Medienschaffende im Mittelpunkt

Russland, Deutschland und No-Billag-Initiative waren Themen an diesem Abend im Berner Generationenhaus. Ein Generationengespräch über guten Journalismus und seine Bedeutung für die Demokratie. Die beiden «ehemaligen» Auslandskorrespondenten Luzia Tschirky und Casper Selg gaben Einblick hinter die Kulissen.

Tabea Arnold (22)

Der Generationentalk wurde am Montag, 19. Juni im Berner Generationenhaus vor Publikum aufgezeichnet. Im Anschluss konnten die ZuschauerInnen die beiden Gäste befragen.

Bild: Demian Thurian
Bild: Demian Thurian

Wild und spontan reiste Luzia Tschirky (26) nach ihrer Matura nach Russland um über Proteste nach den russischen Parlamentswahlen zu berichten. Neben ihr sitzt der erfahrene, kompetente und kritische Casper Selg (67), welcher durch die Sendung Echo der Zeit bekannt wurde. Er war lange Jahre eine sachkundige und prägnante Medienpersönlichkeit beim Schweizer Radio. Seine Beiträge waren informativ, kritisch, jedoch nie einseitig. Der grosse Schweizer Journalist probt nun den Ruhestand.

Beim Generationentalk konnte Casper Selg aus Erinnerungen erzählen von den Zeiten als er noch Auslandskorrespondent in den USA und in Deutschland war. Aus dem Ausland zu berichten heisst für ihn auch die jeweilige Sprache zu beherrschen, ein Übersetzer kann immer noch falsch übersetzen oder wichtige Informationen nicht weitergeben.  Direkt und persönlich geht besser. Vor Ort werden viele Veranstaltungen besucht. Selg sei beispielsweise der Bundespräsidentin Angela Merkel nachgereist. Die Person über die berichtet wird, will er erst «gespürt haben», wissen wo sie steht. Welcher Mensch steckt hinter den Entscheidungen, den Ideen?

Bild: Demian Thurian
Bild: Demian Thurian

Im familiären Rahmen lauschten wir dem zu Beginn eher als Interview gestaltetem Gespräch welches sich später zu einer Diskussion entwickelte. Am Ende des Gespräches hatte das Publikum viele Fragen bezüglich Medienkonferenzen von Präsidenten in der USA und Russland. Wie wird bestimmt über was berichtet wird? Warum wird häufig nur über negatives berichtet? Wie sieht der Alltag als Journalist aus? Wie sieht die Zukunft aus?

Richtungswechsel zu lösungsorientiertem Journalismus?

Caspar Selg sieht die Zukunft der Medienlandschaft als düster an. Übertreiben da die Alten mal wieder? Den Teufel an die Wand malen bringt niemandem etwas, doch über Probleme muss man reden um Lösungen zu finden. Journalismus hat einen grossen Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs. Ob Krieg, Terror oder Skandale: Medienschaffende berichten und informieren möglichst umfassend über die Probleme und Missstände innerhalb unserer Gesellschaft. Auch wenn die freien Medien ihrer Pflicht nachkommen, die breite Bevölkerung aufzurütteln, hinterlassen diese Berichte bei den LeserInnen und ZuschauerInnen zumeist einen Nachgeschmack – in Form von Verunsicherung und Angst. Gerade deshalb sagt Luzia Tschirky, sei es wichtiger denn je, das Scheinwerferlicht auch auf Lösungen zu richten, denn JournalistInnen wollen mit ihrer Berichterstattung ihren Beitrag an der Gesellschaft leisten. Wenn man eine Lösung vorstellen will, muss man auch das Problem aufzeigen. Eine Zeitung in Japan mit sieben Millionen Exemplaren bemerkte, dass diese Art von Berichterstattung bei den jungen Menschen viel besser ankommt.

Bild: Demian Thurian
Bild: Demian Thurian

Bald wird über die Zukunft der SRG befunden, wenn wir über die No-Billag Initiative abstimmen. Laut Luzia Tschirky wird diese wahrscheinlich abgelehnt und Casper Selg erzählt warum das grosse Korrespondentennetz des SRF. so wichtig ist und warum wir guten Radio- und Fernsehjournalismus brauchen, der in diesem Ausmass auf dem Markt nicht finanziert werden könnte. Auch er ist nicht mit allen Sendungen zufrieden, doch eine Demokratie brauche Zugang zu qualitativ guten Informationen. Unabhängige Sendungen brauchen wir unbedingt, Sendungen die uns Zusammenhänge, geschichtliche und auch wirtschaftliche erklären. Politische Bildung ist sehr wichtig für eine direkte Demokratie.

Fremde Kulturen der Schweiz näherbringen

Für viele junge Leute ist der Beruf JournalistIn wohl ein Kindheitstraum. Immer erreichbar sein, abrufbar, sofort parat sein – das lässt nicht viel Platz für ein Privatleben. Das sind dann wohl die Schattenseiten dieses Berufes. Eine dicke Haut sei von Nutzen, erklärte Casper Selg. Dazu sollte man auch noch belastbar sein. Analytisches Denken helfe einem weiter. «Offen sein und kritisch gegenüber allem» sind laut Casper Selg wichtige Eigenschaften von Journalistinnen. Im Ausland verbringen Journalistinnen sehr viel Zeit um die Gruppierungen und Strukturen im jeweiligen Land besser kennen zu lernen. Ziel ist es ein Gefühl dafür zu bekommen was man da vor sich hat, welche Gruppierung wie relevant sein könnte. Wer gibt den Ton an? Warum passiert etwas? Was bewegt die jeweiligen Gruppen? Uns werden dann die Beobachtungen weitergegeben und wir können nur noch zurücklehnen und lesen, hören und sehen. Dabei auch neue Sachen über andere Kulturen lernen und uns vielleicht auch ein Bild von dieser Gegend aus der berichtet wird machen. Hoffentlich eines das der Realität entspricht und nicht nur unseren Vorurteilen.

Bild: Demian Thurian
Bild: Demian Thurian

Wegen Luzias Tschirkys Nachnamen wird sie häufig gefragt, ob sie denn aus Osteuropa kommt, doch sie sagt Tschirky sei ein Schweizer Nachname aus der Ostschweiz, dies hört man ihr auch ein wenig an. Oder ist es doch eher «Züri» Dialekt. Doch woher kommt wohl die Faszination nach der Matura spontan nach Russland zu reisen um von dort als Korrespondentin zu berichten? Ist es die Faszination vom rätselhaften und manchmal mysteriösen Osten? Sie sagt selber, dass es eine Hassliebe zu Russland sei. Luzia Tschirky begann schon als Kind auf Post-it Zetteln eine Familien-Zeitung zu schreiben, damals waren die interessierten Leser rar. Später schrieb sie für regionale Zeitungen in der Ostschweiz. Heute ist sie Praktikantin bei 10vor10 Sendung vom SRF. Social Media ist kein Fremdwort für sie, ihre grösste Schwäche sagt sie selber, sei Twitter. Sie klassifiziert sich selber als Social-Media-Junkie.

Auf die Frage was Luzia Tschirky in ihrem Leben bisher gelernt hat, antwortet sie zum Schluss: Mutig sein. Das sollten wir alle mitnehmen, nicht immer zu zögern, uns etwas zutrauen und es dann auch umsetzen.


Radiomann durch und durch

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Casper Selg (67) – im Innenhof des Berner Generationenhauses. – Bild: Demian Thurian

Er war als Korrespondent in den USA und Deutschland für das Schweizer Radio. Er moderierte während Jahrzehnten das «Echo der Zeit» und leitete 12 Jahre die Echo-Redaktion.

Nachwuchsjournalistin mit klarem Ziel

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Luzia Tschirky (26) – vor dem Talk in Bern. – Bild: Demian Thurian

Sie ist Stagiaire bei der SRF-Sendung 10vor10. Ihre Faszination für den postsowjetischen Raum entdeckte sie kurz nach der Matura und hat seither aus Russland, Belarus und der Ukraine berichtet. Schon als kleines Kind wollte sie Journalistin werden: Sie verfasste eine selbstgemachte Familienzeitung.


Hinweis: Ursprünglich war als Gesprächsgast neben Luzia Tschirky Arnold Hottinger vorgesehen und auch angekündigt. Wegen einer Terminpanne mussten wir nun allerdings kurzfristig umdisponieren. Die Redaktion bittet um Verständnis.


Bilder zum Talk

Bild: Demian Thurian (19)


Frühere Talks: Von Adrian Amstutz bis Tamara Funiciello

Die bisherigen Talk können  hier nachgehört werden. Der #Generationentalk kann auch bei iTunes als Podcast abonniert werden.

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