Das Geschäft mit dem Glück – ein Besuch im Casino

Von «Jackpot» bis «Game over», von «Poker» bis «Roulette», von Hamburg bis Las Vegas: Spielcasinos sind zweifellos ein Erlebnis. Im Grand Casino Bern dreht sich alles ums Geld.

David Leuenberger (18), Annemarie Voss (72)

Gibt‘s da wirklich was zu gewinnen? Im Casino lässt es sich vor allem auch verlieren. – Bild: Grand Casino Bern

«Casino – Gebäude mit Räumen für gesellige Zusammenkünfte.»
So sagt jedenfalls der Duden.

Annemarie: David und ich haben unabhängig voneinander den auf der Homepage veröffentlichten Dresscode zur Kenntnis genommen und uns in ein gebügeltes Hemd beziehungsweise ein elegantes Top geworfen und so waren wir schon fast overdressed. Ich war etwas zu früh dort und konnte die älteren Frauen beobachten, die fast alle alleine da waren und nun ihr Nachmittagsspielchen beendet hatten. Es war kurz vor 19:00 Uhr; viele Männer, meist im mittleren Alter und mit Migrationshintergrund, waren einzeln und zu zweit bereit, ihr Glück zu versuchen. Bei denen, die ich rein- und rausgehen sah, hatte ich nicht den Eindruck, dass sie viel Geld für das Spiel erübrigen können.
Wir wurden von einer netten jungen Frau erwartet, dann im Casino herumgeführt und über verschiedene Hintergrundinformationen und spannende Zahlen informiert.

Grand Casino Bern, seriös und strikt

David: 350 Spielautomaten, 14 Spieltische und über 170 Angestellte; das Grand Casino Bern ist eines der grössten Spielcasinos der Schweiz. Jährlich finden 280‘000 BesucherInnen den Weg in diesen Spielsalon, ein Drittel davon sind Frauen. Es seien meist die Einheimischen, die hierher spielen kommen, AusländerInnen seien eher die Ausnahme. Ein ständiges Thema sind die Spielsperren. Deshalb braucht es die Personen- und Identitätskontrolle beim Eintritt ins Spielparadies. Man muss volljährig sein und darf keinen Eintrag in der Sperrliste haben. Es gebe deswegen regelmässig Auseinandersetzungen mit SpielerInnen, da das Casino diese Regeln strikt und seriös zu befolgen habe. 50‘000 Spielsperren – schweizweit gültig – sind im Moment aufgelistet; jedes Jahr kommen 3‘000 dazu. Allerdings wurden die meisten nicht vom Casino verhängt, sondern freiwillig angemeldet. Etwa ein halbes Prozent aller über 16-jährigen SchweizerInnen leidet unter Spielsucht.

Die Konsolen stehen bereit. Im Grand Casino Bern wird gezockt. – Bild: Grand Casino Bern

Probespielen als Appetit-Häppchen

Annemarie: Keine Spur von geselligem Zusammensein, nur Menschen, die mit Tunnelblick vor ihren Kästen hockten. An einem Roulettetisch immerhin eine Gruppe, die lachte und sich amüsierte. Die Menschen sassen mit fokussiertem Ernst vor den Spielautomaten und wären erstaunt gewesen, wenn ich plötzlich das Mikrofon ausgepackt und Fragen gestellt hätte. Zum Reden haben sie das Casino garantiert nicht besucht.
Wir konnten «Black Jack» und «Roulette» probespielen und wollten abschliessend noch ein paar wenige Franken verzocken. Aber es war kein Verzocken – nur ein schlichtes Verlieren. Für zehn Franken etwa zwanzig oder dreissig Mal an einem Kasten mit bunten Symbolbildchen einen Knopf drücken – Game over.

Experiment Casino: Annemarie Voss und David Leuenberger. – Bild: dle

Schweizer Casinos bringen der AHV viel Geld

David: 21 Spielbanken sind schweizweit lizenziert. Insgesamt werden rund 2‘000 Personen beschäftigt. Alle Casinos zahlen zusammen jedes Jahr über 320 Millionen Franken an die AHV und an den Standortkanton. Die Spielbanken sind vertraglich fest an den Staat, respektive an den Kanton gebunden. Casinos in der Kategorie B – beispielsweise das Casino Interlaken – müssen 60 Prozent der Spielbankenabgaben in die AHV und 40 Prozent an den Standortkanton fliessen lassen.
Im Gegensatz zu Kategorie-A-Casinos gelten für diese Spielbanken Vorschriften, was die Grösse betrifft: Maximal 250 Glücksspielautomaten und drei Tischspiele, etwa «Black Jack», «Roulette» und «Poker», sind erlaubt. Das Grand Casino Bern zahlt 100 Prozent der Abgaben direkt an die AHV. Die Spielbankenabgaben belaufen sich auf zirka 51 Prozent der Spieleinnahmen. So profitiert die AHV in gleichem Masse vom Glücksspiel wie die Spielbank selbst.

Bild: Grand Casino Bern

Als das Grand Casino noch der Kursaal war

Annemarie: Das erste Mal war ich 1965 im Spielcasino in Bern, damals ging man noch in den Kursaal. Zum Tanzen, an Konzerte oder eben auch um zu spielen. Wir waren zu viert und gerade alt genug, dass wir um Geld spielen durften. Wir waren aufgekratzt und aufgebrezelt. Viel Geld hatten wir nicht, aber ein paar Franken wollten wir riskieren. Wir hatten Glück und konnten unser Abendessen mit dem Gewinn finanzieren. Zwei von uns hätten wohl auf das Essen verzichtet und gerne weitergespielt, überzeugt, dass unsere Glückssträhne anhalten und die bescheidenen Monatslöhne erheblich aufbessern würde. Ich war eine von den beiden.
Schwer beeindruckt hat mich in den Siebzigern die Spielbank von Hamburg. Ein pompöser Bau, weiss, mit Säulen und an bester Lage an der Alster. Er vermittelte den Eindruck, dass Geld glänzt und keinesfalls stinkt. In Hamburg gibt es mehrere Spielbanken, eine davon auch auf der Reeperbahn, mit einer allerdings etwas anderen Klientel – nämlich Angehörigen des Milieus von St. Pauli und TouristInnen.

Jackpot oder Game Over

David: Im Grand Casino Bern hat man mit etwas Glück oder Ausdauer die Chance auf einen Hauptgewinn: Der Autojackpot enthält einen BMW 280i Coupé Sport Line, der «Parking Jackpot» einen Gratis-Parkplatz im Kursaal für ein Jahr inklusive Geld für Benzin; der «Swiss Jackpot» läuft parallel in allen grossen Schweizer Casinos und die Jackpots der «Jackpot Mania» werden durch Zufall ausgeschüttet; im Gegensatz zum Lotto ist der Gewinn steuerfrei.
Das zweite Standbein des Grand Casinos bilden die Spieltische, wo etwa 14 Prozent des Gesamtgewinns zusammenkommen. An jedem besetzten Tisch ist ein Croupier dafür zuständig, das Spiel zu leiten. Im Black Jack spielt er selber mit und muss wie alle SpielerInnen mit Karten möglichst 21 Punkte erreichen, wobei er wählen kann, ob er noch eine Karte nehmen will. 21 Punkte dürfen allerdings nicht überschritten werden.

Las Vegas – ganz grosses Theater

Annemarie: 1988 besuchte ich mit meinem Partner Las Vegas. Ein paar Shows, ein paar Spiele und viele Eindrücke erwarteten wir – und wurden überwältigt. Zwei Tage – und wir hatten kein Gefühl mehr für Tageszeiten, schliesslich waren wir ständig unter Kunstlicht. Im Ceasar’s Palace war ich fasziniert von Black Jack und verbrachte Stunden am gleichen Tisch und gewann sogar ein paar Dollar.
Im Nachhinein erstaunt es mich sehr, dass ich so hingerissen war von dieser Atmosphäre, wo fast alles Schein und kaum etwas Sein ist. Wo Prunk und Protz alles überragte und die grosse Show der Sinn des Lebens zu sein schien, war die Verzauberung von uns zwei Theatermachenden irgendwie nachvollziehbar. Aber mit mehr als zwei Tagen wären wir überfordert gewesen.

Der erste Spielautomat von Charles Frey erhielt den Namen Liberty Bell

David: Bereits vor dem ersten Weltkrieg erfand Charles Frey in den USA den ersten Glücksspielautomaten, heute gibt es Hunderte davon, in verschiedenen Variationen. Alle 350 Geräte des Grand Casinos werden auf ihre Funktionstüchtigkeit und Gesetzmässigkeit von der eidgenössischen Spielbankenkommission (ESBK) geprüft. Es wird grob zwischen drei Modellen unterschieden: Die simplen «Reel-Automaten» bestimmen die Gewinnhöhe durch die Symbolkombination auf der Walze. Die «Multiliner» stellen höhere Chancen durch mehrere mögliche Gewinnlinien dar. Die kompliziertesten Maschinen sind die Video-Poker-Automaten: Man spielt Poker am Bildschirm.
Im American Roulette nimmt der Croupier lediglich Ankündigungen entgegen und zahlt Gewinne aus. Auch im Poker – wo nur mit freiem Gesicht und Haupt gespielt werden darf – nimmt er nicht aktiv als Spieler teil. ☐


Annemarie Voss (72) kommentiert

Zur falschen Zeit

Annemarie Voss. Bild: Mariëlle Schlunegger

«Nervenkitzel? Besser bei uns – spielend einfach.» So lautet die aktuelle Werbung des Grand Casino Bern. Nervenkitzel wollte bei uns nicht aufkommen, vielleicht muss man dafür höhere Summen aufs Spiel setzen. Ich habe mich nicht unbedingt wohl gefühlt und wollte schnell wieder Richtung Bahnhof. Es kam mir vor, als sei ich zur falschen Zeit am falschen Ort. 19:00 Uhr ist definitiv die falsche Zeit für einen Casino-Besuch, aber ich bin nicht überzeugt, dass es mir um 22:00 Uhr besser gefallen hätte.


David Leuenberger (18) kommentiert

Doch eher trist

David Leuenberger. – Bild: Mariëlle Schlunegger

Ich kann mit 18 Jahren punkto Casinoerfahrung noch nicht aus dem Vollen schöpfen. Da ich jedoch schon vieles darüber gehört und in Filmen gesehen hatte, betrat ich das Grand Casino mit Erwartungen und Vorahnungen. Das Ambiente, die Raumgestaltung des Areals sowie die Professionalität der Angestellten faszinierten mich. Jedoch war die Bar fast leer und die meisten BesucherInnen sassen desillusioniert vor den Spielkästen. Trotz glamourösem Ambiente war die Stimmung eher trist.


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