Heute bitte keine Marschmusik

Wer in einem kleinen Dorf in der Schweiz aufgewachsen ist, kennt sie: die Ruhe. Wer dagegen in Beirut lebt, dem begegnet sie höchstens im Traum. Der Ruf der Muezzine, hupende Taxis und summende Klimaanlagen – so richtig ruhig wird es in der Hauptstadt Libanons nie.

Es ist sieben Uhr morgens. Viel zu früh für eine Langschläferin wie mich. Mein Wecker klingelt erst um acht. Das Geschrei hunderter Schulkinder dringt durch das offene Fenster in mein Zimmer herein. «Allahu Akbar!» – «Gott ist gross» dröhnt der Ruf des Muezzins im Kanon aus den zahlreichen Moscheen; ich wohne in Mar Elias, einem vorwiegend schiitischen Viertel. Ich stehe genervt auf, schliesse das Fenster und lege mich wieder hin. Mir bleiben noch 15 Minuten, bis der Wecker klingelt. Ich höre ihn kaum, denn nebst dem nun verschlossenen Fenster sollten mich auch Ohrstöpsel vor der lärmigen Aussenwelt beschützen. Mittlerweile ist es 8 Uhr – also Ohrstöpsel raus und auf in den städtischen Dschungel.

«Hier rufst du dir kein Taxi, die Taxis rufen nach dir.»

Rufende Muezzine in einem Quartier in Libanin – das sorgt schon frühmorgens für einen hohen Geräuschepegel. – Bild: Corina Gall

Taxis, Busse, Sammeltaxis und Scooter. Alle versuchen, sich im hektischen Verkehr von Beirut Gehör zu verschaffen. Kaum setze ich einen Fuss aus dem Haus, beginnt der tägliche Hindernislauf durch die Strassen dieser chaotischen Stadt. Hier rufst du dir kein Taxi, die Taxis rufen nach dir. Sie bremsen ab, hupen, um dir eine Fahrt anzubieten. Da hilft es auch nichts, offensichtlich vor dem Fussgängerstreifen zu stehen. Entnervt winke ich ab. Als Fussgängerin gehöre ich zu einer bedrohten Art. Dass ich noch nicht angefahren wurde, verwundert mich jeden Tag von Neuem. Männer hupen, weil ich eine Frau bin, Taxis hupen, weil sie KundInnen suchen, Sammelbusse hupen, weil ihre Fahrer es wohl nicht glauben können, dass ich freiwillig laufen möchte, und der Rest hupt, weil… ja warum eigentlich? Alles hupt. Sodass es nicht lange dauert, bis es auch in meinem Kopf hupt.

Hupende Autos soweit das Auge reicht. – Bild: Corina Gall

«Das Geratter des Fahrstuhls wird, wenn ich Pech habe, für ein paar Sekunden abrupt unterbrochen.»

Während der Muezzin ein weiteres Mal zum Gebet ruft, fahre ich mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock meiner Sprachschule: Drei Stunden Arabischkurs stehen an. Das Geratter des Fahrstuhls wird, wenn ich Pech habe, für ein paar Sekunden abrupt unterbrochen. Der Lift bleibt stecken. Täglich fällt in Beirut für drei Stunden der Strom aus. Dank des Generators geht die Fahrt, und damit das Geratter, weiter. Im Zimmer ertönt der Ventilator im Kanon mit der Klimaanlage. «Sabach el-Nour» – «Guten Morgen» begrüsst uns die Lehrerin. Das Summen des Ventilators wirkt beruhigend im Vergleich zum Hupkonzert draussen. Drei Stunden durchatmen, ehe der Spiessrutenlauf durch den Beiruter Verkehr erneut losgeht.

Beirut schläft nie. – Bild: Corina Gall

«Mir bleiben noch sechs Stunden, bis mich das Geschrei der Kinder wieder aufwecken wird.»

Richtig ruhig wird es im «Paris des Mittleren Ostens» nie. Ununterbrochen summen draussen die Klimaanlagen, Nachbarn klopfen ihre Teppiche aus oder in der Kirche nebenan beklatschen Menschen ein Bläserkonzert. Und wenn ich um elf Uhr langsam zu Bett gehen will, entscheidet sich mein Nachbar, Löcher in die Wände zu bohren. Ist es nicht die Bohrmaschine, dann ist es die Klingel unserer Wohnungstür, die mich vom Schlafen abhält. Denn mein libanesischer Mitbewohner empfängt Freundinnen regelmässig um Mitternacht. Mir bleiben noch sechs Stunden, bis mich das Geschrei der Kinder wieder aufwecken wird. An diesem Morgen sollte es die Marschmusik der Schülerband sein, die in den frühen Morgenstunden bereits für den nächsten Auftritt übt. ☐

In Beirut unterwegs: Corina Gall. – Selfie: Corina Gall

Schwerpunkt «Lärm»

Bild: Manuel Meister

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