Lärm bekämpfen – aber wie? Ein Gespräch mit der Umweltpsychologin Lisa Lauper

Mit dem Thema Lärm beschäftigte sich die Umweltpsychologin Lisa Lauper in ihrem Forschungsprojekt: «Bewusstsein und Handeln in der Lärmbekämpfung». Wir alle können etwas zur Lärmbekämpfung beitragen, zum Beispiel, indem wir lärmarme Autoreifen kaufen oder unseren Fahrstil ändern.

Vorbeirauschende Autos: Wir sind umgeben von einer ständigen Lärmkulisse.
– Bild: Walter Winkler

Im November besuchte ein Generationentandem Lisa Lauper (40) in Bern. Sie ist Umweltpsychologin und als solche beschäftigt sie sich einerseits mit Wirkungen der Umwelt auf den Menschen und andererseits mit Auswirkungen von menschlichem Verhalten auf die Umwelt.

Was verstehen Sie unter Lärm? Mit welcher Definition von Lärm arbeiten Sie?
Lisa Lauper: Lärm ist unerwünschter Schall. Der Begriff «Lärm» hängt somit immer von einer subjektiven Bewertung eines Schallereignisses ab. So kann zum Beispiel Kinderlachen auf die einen unglaublich beglückend wirken, andere aber fühlen sich gestört. Natürlich gibt es eine objektive Obergrenze, was Schallbelastung anbelangt. Von einer gewissen Lautstärke an ist Schall für das menschliche Ohr gesundheitsschädigend. (Beschallung ab 85 Dezibel kann zu Hörschäden führen – Anmerkung der Redaktion). Auch Lärm unter dieser Obergrenze kann die Gesundheit der Menschen schädigen.

Lärm ist lästig und Sie sagen, Lärm kann gesundheitsschädigend sein. Ist Lärm also ein Umweltproblem?
Natürlich ist Lärm ein Umweltproblem. Allerdings hat Lärm ein paar ganz spezielle Eigenschaften, welche manche anderen Umweltprobleme nicht haben. Lärm sammelt sich nicht an wie zum Beispiel CO2, Lärm ist «flüchtig». Ein weiteres Merkmal ist, dass Lärm «Täter» und «Opfer» kennt. Ein Verursacher von Lärm (zum Beispiel Autofahrer) leidet selber nicht unter seinem Tun. Beim CO2-Ausstoss ist der Täter zugleich Mitleidender. Zudem hat Lärm auch eine soziale Komponente: Wer es sich leisten kann, entflieht dem Lärm und muss nicht direkt neben einer Autobahn wohnen.

Lisa Lauper im Gespräch mit «und»-Autorin Tabea Reusser. – Bild: Hansruedi Käppeli

Warum entsteht Lärm?
In den meisten Fällen entsteht Lärm als Nebeneffekt einer Tätigkeit. Ein Mensch, der einen Laubbläser bedient, hat nicht die Absicht, Lärm zu produzieren. Er würde das Gerät auch einsetzen, wenn es keinen Lärm verursachte. Anders verhält es sich beim Motorradfahren: Der Lärm, welchen die eigene Maschine produziert, ist für manche Motorradfahrer Teil eines coolen Erlebnisses. Solcher Lärm wird also absichtlich verursacht.

Ein wissenschaftlicher Versuch an der Universität Paris-Nanterre mit Kanarienvögeln hat gezeigt, dass Weibchen, deren Wahrnehmung des Männchengesangs durch Lärm beeinträchtigt wurde, weniger paarungswillig waren und weniger Eier legten. Kennen Sie ähnliche Beispiele, wo Abläufe in der Natur durch Lärm beeinträchtigt werden?
Zu den Auswirkungen von Lärm auf Tiere und Pflanzen kann ich nichts sagen, weil es nicht mein Forschungsgebiet ist. Was die Wirkung von Lärm auf den Menschen angeht, gibt es eine Vielzahl von Forschungsergebnissen, die zeigen, dass die Lärmbelastung Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit von Menschen hat. Lärm führt zum Beispiel zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zudem hat man kürzlich in einer aufwändigen Studie herausgefunden, dass Kinder, die an einem lärmigen Ort die Schule besuchen, länger brauchen um lesen zu lernen als Kinder, die eine Schule an einem ruhigen Ort besuchen.

Das Thema Ihrer Forschung lautet: «Bewusstsein und Handeln in der Lärmbekämpfung». Zu welchen Erkenntnissen hat die Arbeit geführt?
Das Ziel unseres Forschungsprojektes war es, herauszufinden, wie man den Lärm noch besser an der Quelle bekämpfen kann. Ein Ansatz, um Menschen vor Lärm zu schützen, sind Schutzmassnahmen wie Lärmschutzwände oder Fenster, die den Lärm abhalten. Viel besser und wirkungsvoller sind Massnahmen, welche den Lärm beim Verursachen minimieren. Dazu gibt es ebenfalls technische Lösungen wie lärmarme Strassenbeläge. In unserem Projekt geht es jedoch darum, den Strassenlärm zu minimieren, indem AutofahrerInnen ihr Verhalten ändern. Dabei beschäftigten wir uns mit der Frage, wie man einen Menschen dazu bringt, sein Verhalten zu ändern? Jede Verhaltensänderung braucht Zeit und geschieht in mehreren Schritten. Hindernisse stellen sich in den Weg und die Erfahrung zeigt, dass die Macht der Gewohnheit stark ist. Wir haben ein Modell entwickelt, das auf psychologischen Theorien basiert. Wir gehen von einem Menschen aus, der sorglos Lärm verursacht. Unser Ziel ist es zu erreichen, dass er dies am Ende des Prozesses nicht mehr tut.

Lärmig. – Bild: Walter Winkler

Wie sieht dieser Prozess aus?
Als erstes muss sich der Mensch bewusst werden, dass er Lärm produziert. Danach muss ein Wunsch entstehen, weniger Lärm zu verursachen. Gefolgt von einer Handlung, die diesem Wunsch gerecht wird. Schliesslich muss diese Handlung ein erstes Mal und dann immer wieder durchgeführt werden.

Haben Sie dazu ein konkretes Beispiel?
Das folgende Beispiel soll diese Schritte illustrieren: Ein Autofahrer wird sich bewusst, dass er mit seinem Wagen Lärm verursacht. Das stört ihn. Er hat gehört, dass es Reifen gibt, mit denen man deutlich leiser unterwegs sein kann. Es entsteht der Wunsch, beim nächsten Pneuwechsel solche Reifen zu kaufen. Das macht er und wird es in Zukunft idealerweise immer so tun. Ein neues Verhalten ist Tatsache geworden. Was hier einfach tönt, ist in Wirklichkeit schwierig. Wir haben untersucht, bei welchem Schritt welche Faktoren unterstützend sein könnten. Bei den ersten beiden Schritten kann es beispielsweise hilfreich sein, ein soziales Verantwortungsgefühl zu wecken. Eine Möglichkeit, dieses Gefühl zu stärken, besteht darin, dass man lärmgeplagten Menschen eine Stimme gibt, dass man sie ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückt. Eine andere Möglichkeit ist, prominente Menschen für Bewusstseinskampagnen wie zum Beispiel die Eco-Drive Kampagne zu gewinnen; das hilft, neue soziale Normen zu etablieren.

Wie erleben Sie persönlich Lärm?
Ich möchte euch eine Erfahrung erzählen mit «Nichtlärm». Es ist bekannt, dass absolute Stille nicht das ist, was Menschen gut tut. Man möchte gerne umgeben sein von einer angenehmen Geräuschkulisse wie zum Beispiel von plätscherndem Wasser oder Vogelgezwitscher. Wir lieben es auch, die Anwesenheit anderer Menschen akustisch wahrzunehmen: Jemand ist da, der im Hintergrund mit Geschirr klappert oder mit einer Zeitung raschelt. Das gibt uns Geborgenheit. Ich war einmal in den USA unterwegs in einem Canyon im «Death Valley». Obwohl das Wetter prächtig war, fühlte ich mich beim Wandern immer unwohler, innerlich angespannt, bis ich realisierte, dass es die komplette Stille war, welche so beängstigend wirkte. Kein Lüftchen wehte, kein Blatt bewegte sich, kein Vogel war zu hören; es herrschte Totenstille. Das war ein sehr eindrückliches Erlebnis! ☐



Wie reagiert eigentlich der Mensch auf Lärm?

Laute, ungewohnte Geräusche waren zu Urzeiten ein Zeichen für Gefahr. Der menschliche Körper wird deshalb bei Lärm in Alarmbereitschaft versetzt und bereitet sich auf die Flucht vor. Heute sind unser Leben und die Rahmenbedingungen zwar anders, doch unser Körper reagiert immer noch gleich wie früher. Bei übermässigem Lärm kommt es zur Ausschüttung von Stresshormonen. Erhöhte Wachsamkeit sowie ein Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz sind die Folge. Unser Körper gewöhnt sich nicht an Lärm – trotz subjektiv gegenteiligem Eindruck. Sind wir oft Lärm ausgesetzt, kann das den Körper krankmachen. tar, hka

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