Niemand weiss, was Musik ist

Der Songwriter Bernhard Skupin und der Organist Daniel Glaus über lärmende Stille, nervige Kühlschränke und alte Hörgewohnheiten. Sie bieten im Generadio-Gespräch ein Geheimrezept für weniger Lärm und mehr Musik an.

Telsche Keese (80), Angela Wagner (23)

Was ist Musik, was ist Lärm? Objektiv kann diese Frage niemand beantworten. Auch nicht die beiden Komponisten, die uns auf der Empore des Berner Münsters gegenüber sitzen. Lärm ist aggressiv, durchdringend und unserem Gehör lästig, also negativ. Darin sind sich die beiden Komponisten, der Münsterorganist Daniel Glaus (60) und der Songwriter und Interpret Bernhard Skupin (33), einig.

Bernhard Skupin und Daniel Glaus im Dialog. – Bild: Angela Wagner

Lärm muss aber nicht zwingend laut sein, es kommt nicht unbedingt auf die Dezibel an. «Auch ein Kühlschrank mit seinem leisen, aber stetigen Summen kann auf die Nerven gehen», so Bernhard Skupin. Daniel Glaus erwähnt die «lärmende Stille», die ebenso störend wirken kann. Ob etwas als Lärm empfunden wird, ist höchst subjektiv. «Junge Eltern», sagt Bernhard Skupin «sind entzückt, wenn ihr Baby schreit», «während es die Nachbarn zur Verzweiflung treibt», ergänzt Daniel Glaus. Skupin fährt fort: «Wenn man das Schreien des Babys aber aufnehmen und in eine Komposition einbetten würde, könnte es sehr wohl als Musik empfunden werden.»

Lärm, Geräusch, Klang als Stilmittel

Daniel Glaus und Bernhard Skupin experimentieren gerne mit Geräuschen und Klängen und verwenden manchmal auch Lärm als musikalisches Stilmittel. Bernhard Skupin nimmt alltägliche Geräusche aus der Umwelt auf. Er experimentiere zum Beispiel mit dem Klappern von Schrauben, dem Blubbern eines Wasserkochers oder mit Schritten auf einer Holztreppe. Er hat auch nichts dagegen, wenn er beim späteren digitalen Schnitt merke, dass die vorbeifahrende Ambulanz hineingedröhnt hat – im Gegenteil, es klingt interessant. Diese Sequenzen, die er durch Überlagern und Verlängern von Geräusche erreicht, ergeben eine rhythmische Geräuschkulisse, zu der er dann meist singt. Bernhard Skupin erklärt: «Mein Ziel ist es nicht grundsätzlich Musik zu machen, die gefällt. Ich will mit Klängen experimentieren und so Neues schaffen. Das finde ich viel interessanter.»

Der Organist Daniel Glaus. – Bild: Angela Wagner

Die neuste Komposition von Daniel Glaus, das Werk «Steinhimmel», spielt ebenso mit Geräuschen. Es gibt Lärm, einen Ausbruch von Klang, der sehr intensiv ist. Das rhythmische Rauschen von Geräuschmänteln, die sich im Kirchenraum bewegen, erzeugt ein Geräusch wie der Klang der Brandung. In verschiedenen Sprachen wird zuerst geflüstert, dann geschrien. Am Schluss hat Glaus Stille einkomponiert. Vibrierende Stille, die die einen als angenehm, andere als störend empfinden. «Lärm und Stille wechseln sich in meinen Kompositionen oft abrupt ab, was durchaus als störend empfunden werden kann. Das bezwecke ich aber geradezu», so Daniel Glaus.

Alte Musik war früher ebenso zeitgenössisch

Zeitgenössische KomponistInnen sind immer der Frage ausgesetzt, ob ihr Suchen mit neuen Ausdrucksmitteln und das Ergebnis, zu dem sie finden, Kunst sei. «Das ist doch keine Musik mehr, sondern vielmehr Lärm!», so manchmal die Reaktionen an zeitgenössischen Konzerten. «Dies liegt an unseren Hörgewohnheiten, wir bleiben gerne bei Altbekanntem und haben machmal Mühe uns auf Neues einzulassen», erzählt Daniel Glaus. Auch Gerhard Skupin macht diese Beobachtung. Er unterrichtet klassische Gitarre und nennt dazu ein Beispiel aus dem Unterricht: «Die Jugendlichen wollen meistens etwas spielen, das sie schon kennen, oder noch besser etwas, was auch bei ihren Freunden bekannt ist. Sie haben Mühe damit Neues zu entdecken, trauen sich oft nicht darauf einzulassen.» Erinnern wir uns beispielsweise an die Beatles: Unsere Eltern, oder Grosseltern raunzten: «Stell diesen Lärm ab, das hält ja keiner aus». Heute ist ihre Musik jedoch in allen Köpfen angekommen und wir verehren ihren damals neuen, nie gehörten Musikstil. «Help, I need somebody’s help….hehehelp, hehehelp…».

«Dies liegt an unseren Hörgewohnheiten, wir bleiben gerne bei Altbekanntem und haben machmal Mühe uns auf Neues einzulassen.» Daniel Glaus

Zu jeder Zeit wurde modern komponiert. Bachs Musik, die am Hofe oder in Kirchen aufgeführt wurde, war neuartig für seine HörerInnen. Als das Bürgertum aufkam, begann man Konzerte aufzuführen. Die Konzertsäle sollten gefüllt werden und Geld einbringen. KomponistInnen wollen gehört werden. Das war früher schon so und hat sich nicht geändert. «Bereits Bach, Beethoven und andere Komponisten wollten, dass man ihren Kompositionen zuhört, nicht dass ihre Musik einfach im Hintergrund läuft», so Daniel Glaus. Sie bedienten sich der Pause oder des Trugschlusses um die Aufmerksamkeit des Publikums wachzuhalten.

Daniel Glaus und Bernhard Skupin treffen sich im Berner Münster mit «und». – Bild: Angela Wagner

«An das Vivaldikonzert hat man sich gewöhnt, man weiss, was kommt. Bei zeitgenössischer Musik muss man sich eher darauf einlassen», so Skupin. Auch Glaus ist sich sicher, dass es sich um eine Gewöhnungssache handelt. Er macht die positive Erfahrung, dass sein Publikum seine neue Musik mehrheitlich respektiert und sogar Gefallen an ihr findet. «Ich denke es ist ein Vorurteil, wenn man sagt, neue Musik verstünden nur Junge. Im Gegenteil mache ich oft die Erfahrung, dass junge Menschen weniger den Zugang dazu haben als Ältere.»

Was ist Kunst? Wie hören wir Neues?

Da taucht die Frage auf: Was ist eigentlich Musik? Ist es Wohlklang, Rhythmus, Melodie, Klangabfolge, schräge Akkorde, Dissonanz? Daniel Glaus stellte diese Frage einmal seinen MusikstudentInnen. Diese antworteten ihm, dass Musik ihres Erachtens eine rhythmische Struktur oder sonst wenigstens eine leitende Melodie haben sollte.

«Ich finde es anmassend, wenn jemand sagt, eine Komposition sei keine Musik.» Bernhard Skupin

Glaus habe ihnen dann ein langsames, 20 Minuten dauerndes Stück aus den 1980er Jahren vorgespielt, in dem wenig passiert. Dies wurde von den StudentInnen nicht mehr als Musik empfunden.
«Wir sind eine Bewertungsgesellschaft, überall wird verglichen, beurteilt, gemessen, gewertet. Da kommt auch die Musik nicht drumherum», so Daniel Glaus. Die Frage, wie Musik bewertet wird, ist ein subjektives, zeitabhängiges Phänomen. «Ich finde es anmassend, wenn jemand sagt, eine Komposition sei keine Musik. Niemand weiss, was Musik ist», so Skupin.

Der amerikanische Komponist John Cage würde sagen: «Alles ist Musik.» Alles was man hört, sei es Stille oder Lärm. Man muss nur richtig hinhören, sich auf Neues einlassen. Das könnte ein Geheimrezept sein für mehr Musik und weniger Lärm. ☐


Schwerpunkt «Lärm»

Bild: Manuel Meister

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