Yvonne Lambrigger: Die Stimme aus dem Radio

Hören Sie manchmal Radio SRF? Wenn ja, dann sind Sie dieser Frau, dieser Stimme schon begegnet. Yvonne Lambrigger gehört zur SRF-Nachrichtenredaktion in Bern. Im Generadio-Gespräch erzählt sie, wie sie als Walliserin ein geschliffenes Hochdeutsch gelernt hat.

Heinz Gfeller (67)

Welche Wege führen zum Radio? Yvonne Lambrigger (34) kennt einen – sie ist Nachrichtenredaktorin beim Schweizer Radio. Sie ist im Wallis aufgewachsen. An der Uni Fribourg hat sie Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Journalismus studiert; dabei sollte sie sich auch um Praktika bewerben – und das hat beim Radio geklappt. Zuerst beim welschen Radio Chablais, wo sie dafür gerühmt wurde, es gleich mit einer Fremdsprache aufzunehmen. Spätere Stationen waren Radio Rottu im Oberwallis; das Ausbildungsradio Kanal K in Aarau; SRF 3 in Zürich, wo sie als Reporterin arbeitete; schliesslich, seit vier Jahren, die Nachrichtenredaktion bei Radio  SRF in Bern.

Radio zu machen, hat sich für Yvonne als Virus erwiesen: Sie sah sich hinaus zu den Leuten gehen, welche sich ungefiltert äussern; Emotionen gingen hoch. Und auf der andern Seite die tägliche Herausforderung: Trockene Themen in  Geschichten zu verpacken, so dass ganz unterschiedliche HörerInnen sie verstehen

Im Gespräch mit "und"-Redaktor Heinz Gfeller: Yvonne Lambrigger. - Bild: Elias Rüegsegger
Im Gespräch mit „und“-Redaktor Heinz Gfeller: Yvonne Lambrigger. – Bild: Elias Rüegsegger

Ein wichtiges Thema war und ist die Sprache. Yvonne Lambrigger mit ihrem schönen, aber dunkeln Dialekt musste stark an ihrem Hochdeutsch arbeiten, Sprechausbildung absolvieren, bis sie eine Mikrophon-Lizenz erhielt. Angestrebt ist ein schweizerisches Hochdeutsch, das bei allen Sprechern gleich klingen soll, aber auch einen nationalen Charakter bewahrt. Hiesige HörerInnen sagen: «Wow, dieses reine Hochdeutsch.» Aber die Freundin aus Deutschland «Süss – ich mag das, wenn du so deinen Dialekt sprichst.»

Die Nachrichtenredaktorin

Bei Radio SRF in Bern lesen 32 Personen Nachrichten – und bereiten sie vor: ein grosses Team, und Teamarbeit ist gefragt, ja entscheidend. Ein Nachrichtendienst-Leiter steht jeweils der Arbeit vor; doch diese Rolle wird wechselnd besetzt. Es ist ein 24-Stunden-Betrieb, auch auf Pikett muss die Sprecherin gelegentlich sein. Hinter den Kulissen herrscht eher aufgeregter Betrieb – so unaufgeregt souverän das Dargebotene bei Radio SRF auch wirken muss. Das Team besänftigt das Klima immer wieder. Man fragt untereinander nach, korrigiert einander. Die Fachredaktionen und die KorrespondentInnen unterstützen einen zum Inhalt der Berichte.

Beim Sprechen am Mikrophon stelle ich mir einen einzelnen Hörer vor, zu dem ich rede.

Radio SRF will Schnellschüsse vermeiden. Eine Meldung muss von indestens zwei glaubwürdigen Quellen gestützt sein. Gibt es mal nur eine Quelle, so prüft man zumindest deren Zuverlässigkeit – und gibt sie auch an. Darum schätzt Yvonne Lambrigger Radio SRF besonders: Sie will zu ihrem Produkt stehen können.

Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Im Fall Jürg Jegge wurde, im Gegensatz zu andern Medien, in den ersten Tagen nichts publiziert, sondern die Stellungnahme des Betroffenen abgewartet. Ist die Nachrichtenredaktorin mit Beschwerden konfrontiert? Ja, das sei schon passiert; freilich wurden die Klagen abgewiesen. Eigentlich sei’s ein gutes Zeichen, meint sie, dass Hörer aufpassen. Es werden durchaus schon Aussprache- oder grammatische Fehler bemängelt. Die RedaktorInnen bemühen sich aber um alle Details. Sie verfügen zum Beispiel über eine Aussprache-Datenbank. All die seltsamen Namen…

Allein vor dem Riesen-Publikum

Da steht Yvonne Lambrigger denn allein im Studio vorm Mikrophon – denkt sie an die grosse Öffentlichkeit, an die sie sich gerade wendet? «Beim Sprechen am Mikrophon stelle ich mir einen einzelnen Hörer vor, zu dem ich rede.» Besucher im Studio können den Puls in die Höhe treiben, obschon man an sie gewöhnt ist. Auch bei schwierigen Namen, die man zum ersten Mal liest, steigt die Nervosität.

Bild: Elias Rüegsegger
„Radio ein spannendes Medium“, findet die Nachrichtenredaktorin Yvonne Lambrigger. – Bild: Elias Rüegsegger

Wie steht’s mit der Routine? Die gibt’s natürlich. «Für mich versuche ich jedesmal, die Perspektive eines neugierigen Kindes herzustellen.» Immer tiefere Einsichten bringen einen vorwärts, die vielen negativen Themen hingegen können belasten.

Das Radio und die andern Medien

Yvonne Lambrigger findet Radio «ein spannendes Medium: Es stellt Kino im Kopf her, es lässt im Kopf der HörerInnen Geschichten entstehen.» Dem gegenüber legt Fernsehen fixe Bilder vor. Und ist aufgeregter, zum Beispiel bei «10 vor 10». RadiosprecherInnen befinden sich in einer gelösteren Situation als solche beim Fernsehen. Radio ist schnelllebiger als Print. Es operiert unter Zeitdruck; dafür war es bisher vergänglich – dies allerdings hat sich verloren: Alles wird aufgezeichnet. Mit Streaming lassen sich Sendungen nachhören. Yvonne liest gerne noch Zeitung. Doch dass sich andere, nicht nur jüngere Leute, auch online informieren, ist selbstverständlich. So ist’s natürlich mit dem Radio ebenfalls: Über kleine Geräte hat jeder heute ständig Zugang zu Nachrichten. Das Smartphone wird zum Radio… Was die Zukunft bringen wird, bleibt offen. Radio-Journalismus verschmilzt wohl mit Online, mit Video. Dass Yvonne in fünf Jahren nicht mehr dieselbe Arbeit machen wird, dürfte feststehen. Gelegentlich wünscht sie sich auch «etwas Handfestes, etwas zum Anfassen zu machen. Gegenwärtig ist es ein Büro-Job.»

 

Unser Staats-Radio?

SRF ist eben kein Staatsradio (wie etwa in autoritären Staaten); es ist auch nicht im Besitz eines Medienmoguls (wie zum Teil in den USA). Radio SRF ist politisch unabhängig; es berücksichtigt die vier Landesteile. Wirtschaftlich steht es dank Gebühren selbständig da. SRF sei wichtig für eine funktionierende Demokratie. (Aufgabe ist, auch den Staat, die Regierung kritisch unter die Lupe zu nehmen, wie es unter anderem die Bundeshaus-Redaktion tut.)

Plädiert weiter für ein gebührenfinanziertes System: Yvonne Lambrigger. Bild: Elias Rüegsegger
Plädiert weiter für ein gebührenfinanziertes System: Yvonne Lambrigger. Bild: Elias Rüegsegger

Yvonne setzt sich immer wieder gegenüber Skeptikern für SRF ein; plädiert für das gebührenfinanzierte System, damit Radiosender wie SRF Musikwelle oder SRF Virus weitersenden können, damit Fernsehen SRF weiterhin Skirennen übertragen oder Sendungen wie den «Kassensturz» produzieren kann. Sie weiss, dass ungewiss bleibt, was das Stimmvolk beschliessen mag – und ob sie ihren Job verlieren könnte. Die «Medien als vierte Gewalt» findet Yvonne Lambrigger eine vernünftige Vorstellung – heute, da sich alle Interessierten einbringen können.

 

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