Ein Dialog über Vampire, das Gruseln und die menschliche Lust an der Angst

Warum erschaffen wir Vampirwesen, warum wollen wir uns gruseln? Ein Dialog beantwortet, warum wir gerne schwarz-weiss denken und wieso Knoblauch nicht gegen alle Vampire hilft.

Heinz Gfeller (68), Livia Thurian (22)

Woher kommt die menschliche Lust am Gruseln. – Illustration: Verena Stucker

Heinz: Hat der Mensch ein «gestörtes Verhältnis» zu gewissen Tieren, das die Fantasien erklären könnte, die er zu ihnen entwickelt – wie zu den Fledermäusen, die man reizend finden kann, aber die zumindest geheimnisvoll, vielleicht grauslich erscheinen? Auf jeden Fall erkenne ich bei mir selbst unvernünftige Reaktionen, wenn’s etwa um Frösche oder grosse Spinnen geht; bei Schlangen oder Ratten kann ich mich damit entschuldigen, dass sie gefährliche Tiere sind. So möchte ich auch nicht von einer Fledermaus gestreift werden. Wenn man deren Flügel oder die Reisszähne gesehen hat, kommen schon Fantasien in Gang.

Livia: Als «gestört» würde ich das Verhältnis zu diesen Tieren nicht beschreiben. Immerhin gibt es Spinnen, Schlangen- und Froscharten, die hochgiftig sind. Angst vor manchen Tieren zu haben, macht Sinn: Die Angst vor ihnen kann uns das Leben retten. Diese Angst und ein bisschen Fantasie dazu – schon haben wir ein Monster wie beispielsweise Dracula erschaffen.

Ich denke, gerade weil die Welt nicht so einfach zu erklären ist, haben Menschen Sehnsucht nach klaren Verhältnissen: Wer ist gut, wer ist böse?

Heinz: Die mythologischen Mischwesen bilden doch ab, dass uns die Verbindung Mensch – Tier vertraut ist; ja, dass wir das Tier im Menschen darstellen, «la Bête», «the Biest». Also vorzugsweise das Raubtier. Der Vampir ist eine Mischung aus Mensch und Fledermaus; zudem führt er noch ein anderes Doppelleben, nämlich zwischen Tag und Nacht. Wie üblich ist die Nachtseite, bei ihm die aktive, seine böse Seite – etwa wie in «Dr. Jekyll and Mr. Hyde» von Stevenson. Gut und Böse werden da gern sauber getrennt. Ist das plausibel? So, wie wir uns kennen, eher nicht; wir empfinden doch vielmehr eine – heillose? – Durchmischung von beidem. Wenn wir – in Geschichten – das Böse bekämpfen, ja besiegen, ist das ein schöner Traum. Aber wir wenden dabei Gewalt an, wir scheinen ebenso brutal sein zu müssen wie diese (inneren?) Gegner: Um sie zu töten, stossen wir ihnen einen Pfahl ins Herz oder schlagen ihnen den Kopf ab.

Livia: Ich denke, gerade weil die Welt nicht so einfach zu erklären ist, haben Menschen Sehnsucht nach klaren Verhältnissen: Wer ist gut, wer ist böse? Das erklärt für mich auch die Beliebtheit der Grimm’schen Märchen. Die Realität ist grau schattiert, was für den Menschen viel schwieriger einzuordnen ist als klares Schwarz-weiss-Denken. Besonders für Kinder ist das schwierig; sie können noch nicht so differenziert denken und empfinden es als angenehmer, wenn es die Bösen und die Guten gibt. Doch auch Erwachsene orientieren sich gerne an «Schubladen».

Ewig leben

Heinz: Nun die Idee von «Gespenstern»: die Idee, dass bestimmte Wesen nicht sterben können. Oder dürfen? Sie hätten das ewige Leben – eine zwiespältige Vorstellung, wie wir heute wohl zunehmend empfinden, wo gewisse Theoretiker es dem Menschen bereits andichten. Ewig zu leben ist in den Traditionen schon doppeldeutig: Es kann eine Gnade sein, für Götter, für Helden; ebenso aber eine Strafe wie in der Unterwelt, oder eben bei den Gespenstern. Und die nähren sich doch auch von unsern (nächtlichen!) Fantasien und Ängsten. Dracula geht um, wie eben Schreckbilder, die wir uns einmal in den Kopf gesetzt haben, das tun.

Livia: Das ewige Leben ist eine faszinierende Vorstellung, mit ihr wird immer wieder gespielt. In den meisten Religionen ist es Thema. Bisher gibt es nur wenige Lebewesen, darunter das Pantoffeltierchen, die wirklich sehr lange, theoretisch ewig, leben können. Der Mensch hat einen programmierten Zelltod, den er nicht überwinden kann; irgendwann erneuern sich die Zellen nicht mehr und der Mensch stirbt. Die Biologie auszutricksen und als menschenähnliches Wesen ewig zu leben, ist schon ein reizvoller Gedanke. Wobei Vampire wohl auch keine Zellerneuerung mehr durchlaufen, da sie ja lebende Tote sein sollen.

Von der Lust an der Angst

Heinz: Kinder haben, denke ich, ein zweideutiges Verhältnis zu Grauenhaftem – und zur Angst. Sie lassen sich immer wieder auf Spiele ein, oder sie hören und schauen sich die manchmal brutalen Märchen an, die sie ängstigen. Bleibt uns das als Erwachsenen: der Nervenkitzel, das «Spiel mit dem Feuer», eine Lust an der Angst? Warum jedenfalls floriert eine entsprechende Industrie, führen wir uns Grusel-, Horror-Geschichten und -Bilder zu Gemüte? Welchem Gemüt? Reicht es festzuhalten, dass das alles ja nicht Realität sei? Zudem: Sind gewisse Menschen gegen derartige Reize gefeit? Und sind diese Reize «pervers»?

Livia: In der Psychologie spricht man von Angstlust, einer Mischung aus Lust und Angst. Wir haben bei einem Horrorfilm zwar Angst, wissen aber, dass das Monster im Fernsehen nicht real ist und uns nichts anhaben kann. Daraus entsteht dann eine Art Lust – eben die Angstlust. Voraussetzung dafür, dass man Angstlust empfinden kann, ist, dass man als Kleinkind ein Urvertrauen aufbauen konnte. Besitzt man dieses, dann weiss man tief in sich, dass einem nichts passiert, auch wenn man gerade einem grusligen Reiz ausgesetzt ist. Ich denke nicht, dass Kinder einfach so alle angstauslösenden Reize mögen und auch ertragen. Möglicherweise aber fühlen sich diejenigen Kinder stärker zum Grusligen hingezogen, die ein starkes Urvertrauen haben und so mehr Lust an der Angst empfinden können. Die Angstlust führt in diesem Fall dazu, dass sie den Grusel-Reiz wieder und wieder erleben wollen.

Todesangst als Grundlage

Heinz: Wovor haben wir Angst? Gewiss vor konkreten Bedrohungen, hier etwa vor dem Unhold, der uns nachts auflauern kann. Oder vor Verletzungen; es muss nicht gerade ein Biss in den Hals sein, doch immerhin sind wir dort besonders empfindlich. Und vor Blut graust uns möglicherweise auch. Wie viele Ängste aber sind irrational, entspringen rein unserem Hirn? Allerdings, als Grundlage sehe ich schon die innerste aller Ängste an, die Todesangst.

Vielleicht bietet uns das einfache Leben zu wenig, um unsere gierige Seele zufriedenzustellen.

Livia: Ich denke auch, dass Todesangst die Grundlage der Ängste ist. Sie ist meiner Meinung nach mehr als berechtigt. Allerdings können sehr viele Ängste – etwa Angst vor Plastikflaschen oder harmlosen Menschenmengen – erlernt werden. Solche Ängste sind irrational und bringen uns nicht weiter, im Gegenteil: Sie schränken stark ein.

Brauchen wir den Nervenkitzel?

Heinz: Vielleicht bietet uns das einfache Leben zu wenig, um unsere gierige Seele zufriedenzustellen. Wir wollen mit dem Ungewissen und dem Tod anbändeln. Etwas Erotisches mag mitspielen, wie es sich in der Faszination der Frauen für den Vampir zeigt. Und wie in Träumen glauben wir offenbar daran, uns immer wehren zu können – auch mit so lächerlichen Mitteln wie Knoblauch.

Livia: Diese Faszination der Frauen für den Vampir – das muss ich gleich als erstes aufgreifen – ist für mich ganz die alte Leier mit den Geschlechter-Stereotypen. Das kommt gerade auch bei den Twilight-Romanen wieder sehr deutlich hervor. Die Hauptfigur, Isabella, ist hübsch, dünn, bleich und schwach und verkörpert so perfekt die klassische hilfsbedürftige Frau. Sie ist fasziniert von Edward, dem Vampir. Er – der Unheimliche, der Unnahbare, der Starke – verkörpert den typischen Mann. Viel Muskeln und ein guter Beschützer, aber unfähig, über die eigenen Gefühle zu sprechen. Warum wir immer mit dem Ungewissen und dem Tod anbändeln? Ich denke, hier kommt wieder die Angstlust ins Spiel: «Uiii, Lebensgefahr, Tod – aber ich bin jetzt gerade in Sicherheit.» Es ist diese Gratwanderung zwischen Angst und Lust, Tod und Leben, die dem Leben auch Spannung verleihen kann.

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