Die Nacht des Vergessens

Was mache ich in zerschlissenen Wollsocken und ohne Schuhe in einer mir total fremden Stadt? Keine Ahnung. Bin ich jetzt plötzlich dement? Eine Geschichte von Jürg Krebs.

Was mache ich in zerschlissenen Wollsocken und ohne Schuhe in einer mir total fremden Stadt? Keine Ahnung. Bin ich jetzt plötzlich dement? Das kann doch nicht sein! Es ist kühl, keine Sonnenstrahlen in Sicht, wenig Verkehr – ist es früh am Morgen? Ich taste meine Taschen ab und finde weder Uhr noch Handy, also auch da keine Orientierungshilfe. So muss es Adam ergangen sein, als er zum ersten Mal im Paradies erwachte. Vermutlich fragte auch er sich: «Was soll das?»
Eine verschleierte Frau hastet hinter einem arabischen Mann her. Ich frage sie, wo ich sei. Sie beachten mich nicht. Adam hatte wenigstens Gott und Eva, die mit ihm redeten.

Eine fremde Stadt, verschwommene Erinnerungen. – Bild: Walter Winkler

Ich taste mich weiter ab. Kein Geldbeutel und kein Ausweis, nirgendwo. Wie soll ich jetzt herausfinden, wer ich bin? Aha, hier im Taschentuch steckt ein Fetzchen Papier. Was steht darauf? Ohne Brille entziffere ich mühsam: «…ich – Dubai.» Wer ist hier «…ich?» Oder heisst das, ich kam aus … und ich bin nun in Dubai? Wo wäre dann «…ich?» Gab es da nicht einmal ein «Zür-ich»?

So muss es Adam ergangen sein, als er zum ersten Mal im Paradies erwachte.

Ich taste meinen Kopf ab. Keine Beule, aber auch keine Mütze obenauf, nur Glatze. Habe ich Hunger oder ist mir übel oder beides? Falls ich in Dubai bin, müssten doch Datteln zu finden sein. Aber wo?

Verhaftung

Vorerst sitze ich auf einen Denkmalsockel und massiere meine eiskalten Füsse. Denkmal? Ich denk’ mal oder versuche es wenigstens. Der bronzene Kerl, der da über mir erstarrt thront, sieht sehr fremd aus. Ebenso die Schrift auf der Tafel. Daneben hat jemand «fuck» gesprayt. Der Geehrte da oben scheint also nicht bei allen beliebt zu sein. Ich offenbar auch nicht, denn als ich mich zurückdrehe, schaue ich in einen Pistolenlauf. Wo kam der Uniformierte so schnell her? Er verlangt «papers». Ich gebe ihm das Fetzchen Flugticket mit «…ich» und Dubai drauf. Er schüttelt den Kopf, tastet mich ab und bugsiert mich in sein Auto. Nach einem längeren Telefonat macht er mit mir eine Stadtbesichtigung und liefert mich in einem Gefängnis ab. So ist das meistens: die Polizei erwischt die Opfer leichter als die Täter.

Alles verschwommen, nichts ist klar. – Bild: Walter Winkler

Später will ein Beamter wissen, ob ich gesprayt, Alkohol getrunken, mit Drogen gehandelt oder einen Anschlag geplant habe. Ich sage vorsichtshalber immer «no», obschon ich keine Ahnung habe, was ich in letzter Zeit tat. Plötzlich taucht aus meinem Unbewussten ein Wort auf und ich höre mich sagen: «Killerdroge». Dabei deute ich auf meinen Mund. Der Verhörtiger zuckt mit den Schultern und lässt mir Blut abzapfen. «Blutgruppe Null», fällt mir ein, sage es aber nicht, denn sie könnten die «Null» ja falsch verstehen. Sie wollen unbedingt meinen Namen wissen, aber der fällt mir beim besten Willen nicht ein. Dann darf ich wieder in die Zelle, wo mich die vier Mitgefangenen ignorieren. Vermutlich werden wir überwacht und sie wissen ja nicht, ob ich ein Mörder bin.

Nobody is me!

Am folgenden Tag werde ich ins Spital verfrachtet – barfuss. Haben meine Socken gestunken? Jedenfalls darf ich duschen und werde dann ärztlich untersucht. Danach drückt ein Beamter mir eine Passagierliste der Lufthansa in die Hand und fordert mich auf zu schauen, ob ich da meinen Namen finde. Über zweihundert Namen. So eine grosse Auswahl an neuen Namen hatte ich noch nie. Bin ich da wirklich drauf? Leider gibt es keine Fotos dazu. Soll ich einfach den schönsten Namen angeben, damit ich hier herauskomme? Nein, das ist zu riskant. Also sage ich: «Nobody is me!» Der freche Beamte lacht mich aus und fragt dann: «Are you a tourist or a businessman?» Ah, das tönt schon anständiger als «Terrorist». Ich weiche aus: «I am a patient.» Er runzelt seine junge Stirne und weiss offensichtlich nicht mehr weiter.

Also sage ich: «Nobody is me!»

Ich helfe ihm und sage, ich sei an den Flughäfen Zürich und Dubai gefilmt worden. Er meint zuerst, ich sei Schauspieler und begreift dann, dass ich die Überwachungskameras meine. Er sagt, auf den Filmen seien keine Namen drauf. Vielleicht habe mich jemand begleitet, der mich jetzt suche, denke ich laut weiter. Der oder dem könnte man ein Foto von mir zeigen. Das Denken verursacht mir Kopfschmerzen. «Okay», murmelt er und verschwindet.

Wann kehrt die Erinnerung endlich zurück? – Bild: Walter Winkler

Ich erhole mich langsam und muss am darauffolgenden Tag die Schweizerische Botschaft besuchen, damit sie eine Garantie geben für die Finanzierung meines Spitalaufenthaltes. Weil ich Mundart spreche, lenken sie nach einer Weile ein. Gerade, als ich das Büro verlasse, fällt mir mein Vorname ein. Ich stürme zurück und gebe das zu Protokoll. Leider gibt es in der Schweiz sehr viele Männer mit dem Namen Rolf. Ich nehme die Liste mit all den Namensbrüdern mit, um sie in Ruhe studieren zu können. Einige versuche ich mit Kuli zu schreiben. Rolf Marthaler geht mir am leichtesten von der Hand. Das könnte ich also sein. Ich telefoniere meine unsichere Erkenntnis der Botschaft.

Die Erlöserin

Nach drei Tagen besucht mich eine Frau, die mich anstrahlt. Das europäische Gesicht gibt mir ein gutes Gefühl. Als sie Rolf zu mir sagt, und ich ihren Namen nicht kenne, wird es mir peinlich. Sie umarmt mich, sagt, ich bin doch deine Esther, und fliegt bald darauf mit mir nach Hause. Meine angetraute Geliebte erlöst und befreit mich endlich. Wunderschön.

Nach und nach kommen meine Erinnerungen zurück, aber wie ich zu dieser diabolischen Droge kam, weiss ich auch nach drei Monaten noch nicht. Sicher störten mächtige Männer meine fundierten Kenntnisse der Vorgänge im verborgenen Internet, dem sogenannten «Darknet». Darum wollten sie mich auslöschen oder zumindest mein Wissen.

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