Die Venus begleitet den Piloten Florian Jordi durch die Nacht

Florian Jordi fliegt seit 2009 als Berufspilot. Was er auf seinen Langstreckenflügen – vor allem auch bei Nacht – zu beachten hat, aber auch beobachten kann, beschreibt er im Interview.

Interview: René Mathys

Arbeitsplatz zwischen Instrumenten und Sternenhimmel: First Officer Florian Jordi spricht im Interview über das Besondere an Nachtflügen. – Bilder: Swiss

Bestehen Unterschiede zwischen Flügen am Tag und Flügen in der Nacht?
Florian Jordi: Die Unterschiede gibt es vor allem beim Fliegen nach Sicht. Ein Alpenrundflug bei Tag unterscheidet sich zum Beispiel stark vom selben Flug bei Halbmond. Die Linienfliegerei findet jedoch praktisch ausschliesslich im Instrumentenflug statt. Wir benötigen somit im Prinzip keine Sicht nach draussen, um von A nach B zu fliegen. Aus operationellen und zum Teil technischen Gründen finden der Start und die Landung aber nach wie vor manuell statt, wobei es schon ein Unterschied ist, ob man bei Tageslicht auch die ganze Umgebung – mit dem Horizont – oder nachts eben nur die Pistenbeleuchtung sieht. Man muss sich mit verschiedenen optischen Illusionen auseinandersetzen, die tagsüber weniger ein Thema sind. Ein erfahrener Pilot wird sich aber im Zweifelsfall auf seine Instrumente verlassen, selbst wenn seine Augen und sein Gleichgewichtssinn dem Angezeigten widersprechen.


Blick ins Cockpit. – Bild: Swiss

Rund um die Welt

Florian Jordi (38) wuchs in Uttigen auf. Nach einer Banklehre war er zwei Jahre lang auf diesem Beruf tätig. 2001 und 2002 absolvierte er die Linienpiloten-Grundausbildung bei der damaligen Swissair. Das Grounding der Swissair zwang ihn dann, sich nach Alternativen umzusehen. Diese fand er bei Intersky, wo er als Copilot, während zweier Jahre Flüge ab Bern-Belp abwickelte. Es folgten vier sehr abwechslungsreiche und fliegerisch interessante Jahre als junger Captain auf Privatjets für einen österreichischen Flugbetrieb. Langfristig schien ihm aber der Job bei einer grossen Fluggesellschaft aussichtsreicher, und so fliegt er nun seit 2009 als First Officer bei SWISS. rma


Wird man als Pilot speziell für Nachtflüge ausgebildet? Gilt es dabei auch Ängste abzubauen?
Florian Jordi: Für den Sichtflug bei Nacht gibt es eine spezielle Ausbildung, weil sich dieser wie erwähnt deutlich vom Sichtflug am Tag unterscheidet. Für eine Angst vor der Nacht gibt es beim Fliegen eigentlich keinen rationalen Grund. Aber eine gesunde Portion Respekt vor der Natur ist angebracht. Sowohl am Tag wie auch in der Nacht. Dem Flugzeug ist es egal, ob die Sonne oder der Mond scheint. Ich gebe aber zu, dass ich auf meinen ersten Flügen nach Kalifornien ein etwas eigenartiges Gefühl hatte, wenn es jeweils weit nördlich von Island auf Kurs Nordwest mit Blick auf Eisberge im schäumenden Atlantik langsam dunkel wurde. Auch der Südatlantik zwischen Recife und Dakar kann einem sehr lang vorkommen, wenn die intertropische Konvergenzzone, in der Passatwinde aufeinander treffen, einen die halbe Nacht lang mit heftigen Gewittern beschäftigt.

Nordlichter sind sehr schön! Über Kanada oder Sibirien sieht man solche oft.

Gibt es besondere Erlebnisse bei einem Nachtflug?
Florian Jordi: Nordlichter sind sehr schön! Über Kanada oder Sibirien sieht man solche oft. Oftmals begleiten sie uns über Stunden und wir dimmen dann auch schon mal leicht die Cockpitbeleuchtung und staunen. Sternschnuppen sind ebenfalls recht häufig. In Erinnerung habe ich einen nächtlichen Heimflug aus Los Angeles während des Höhepunktes des Perseiden-Meteorstroms im August – Sternschnuppen am ganzen Himmel im Sekundentakt über Stunden hinweg. Während der Dämmerung sind Satelliten relativ leicht zu erkennen. Sie werden von der Sonne schon – oder noch – angestrahlt und bewegen sich schnell. Mit der entsprechenden App kann man sich auch ausrechnen lassen, wann und wo man die ISS oder einen anderen künstlichen Himmelskörper sehen wird. Sogenannte «Iridium Flashs» sind ebenfalls toll!

Bild: Swiss

Dabei handelt es sich, soweit ich weiss, um geostationäre Satelliten auf äusseren Umlaufbahnen, deren Sonnensegel für wenige Sekunden das Licht in genau der Richtung der BetrachterInnen reflektieren. Kennt man das nicht, kann man im Cockpit erschrecken, denn es ist sehr hell!
Am Boden lässt sich nachts auch allerhand Spannendes entdecken. Abfackelfeuer von Ölförderanlagen sind extrem hell. So bilden diese Feuer zum Teil riesige geometrische Formen wie im Kaspischen Meer oder in Sibirien. Der Unterschied zwischen konventioneller Strassenbeleuchtung und LED ist aus der Luft ebenfalls leicht erkennbar. Inzwischen ist vielerorts in Stadtzentren kaltes LED-Licht verbaut, während dem die Peripherie noch nicht aufgerüstet ist. Wie auch am Tag, ist mit Blick von oben ungefähr abzuschätzen, wie wohlhabend, organisiert, entwickelt die Zivilisation unter einem ist.

Sie interessieren sich auch für die Astronomie? Beobachten Sie den Himmel bei Nachtflügen auch mit Blick?
Florian Jordi: Ja, ich versuche schon, mich anhand der Konstellationen am Himmel zu orientieren. Auch ist es immer schön, im Winterhalbjahr auf dem Weg zur Südhalbkugel das Kreuz des Südens aufgehen zu sehen. Gleich neben ihm leuchtet Alpha Centauri hell – der dem Sonnensystem nächste Stern. Leider absorbieren die Cockpitfenster relativ viel Licht. Reduziert man die Cockpitbeleuchtung, vermag man das Zentrum der Andromeda-Galaxie zu sehen. Mehr jedoch nicht. Venus ist dagegen eine treue Begleiterin auf Nachtflügen.

Bild: Swiss

Wie sieht Ihr Einsatzplan in etwa aus?
Florian Jordi: Ich habe pro Monat etwa fünf Langstrecken-«Rotationen», das sind Hin- und Rückflüge. Rotationen dauern – von Ausnahmen abgesehen – zwischen drei und fünf Tagen. Aufenthalt an den Destinationen haben wir normalerweise eine Nacht, manchmal zwei Nächte. Nach einer Rotation hat man mindestens zwei Tage frei zuhause. Auf Wochenende und Feiertage wird bei der Dienstplanung keine Rücksicht genommen.


Schwerpunkt #Nacht

Zeit der Ruhe – oder doch nicht? Was wir alles in der #Nacht tun. Das ist der Schwerpunkt von «und» im Herbst 2017.

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