«Das Leben ist schön»

Wir stellen drei Fragen an die 92-jährige Trudi Huber.

Bild: Walter Winkler

Liebe Trudi, woher kommst du?

Ich bin in Zürich aufgewachsen. In den Kindergarten und in die Schule ging ich gerne. Schwimmen im See war meine Leidenschaft. Schon in der 3. Klasse schwamm ich über den See. Als ich zwölf war, starb unerwartet mein Vater. Der Verlust war gewaltig, ich liebte ihn sehr, war ich doch sein Lieblingskind gewesen. Gerne hätte ich Medizin studiert. Doch die finanzielle Situation erlaubte das nicht. So begann ich eine Lehre als Drogistin. Der Lehrmeister war ein liebenswerter Mann, er wurde für mich zu einem zweiten Vater. So konnte ich den Verlust des Vaters besser ertragen. Es folgte ein Welchschlandjahr. Angeregt von einer Kollegin, meldete ich mich in der Schule für Krankenpflege an. Für andere da zu sein, das motivierte mich. Ich dachte während meiner ganzen Jugendzeit, ich würde nie einen Mann finden. Aber schon bald geschah es: Ich fand meinen Walter, mit dem ich bis heute glücklich verheiratet bin. Bald kamen die Kinder: Markus, Christine und Stefan. Eine schwierige Zeit war, als meine Mutter starb. Sie litt an Nierenversagen und vielen Metastasen. Wir nahmen sie bis zu ihrem Tod in unserer Wohnung auf. Die Kinder waren inzwischen ausgezogen, mein Mann arbeitete. Ich konnte die Stelle einer Oberschwester in einem Altersheim übernehmen. Die Arbeit gefiel mir. Allerdings erlebte ich eine bittere Enttäuschung: Ich hatte gehofft, hier der Weisheit der Alten zu begegnen, fand aber grossenteils verhärmte, unzufriedene Menschen. So wollte ich nie werden, nahm ich mir vor. Auch nach der Pensionierung brauchte ich wieder eine Aufgabe. Ich fand freiwillige Arbeit in einem Altersheim, besuchte alte Menschen, auch demente. Ich las ihnen vor, sang mit ihnen, machte Ausflüge. Das bereicherte mein Leben in diesem Lebensabschnitt.

Wo stehst du im Moment?

Immer noch leben mein Mann und ich in unserer Wohnung in Thun. Mein Mann ist 96, er ist gehbehindert. Seine Kollegen sterben ihm weg. Auch das Schreiben wird nach einer verpatzten Operation schwierig für ihn. Ich sorge für ihn. Die Freiwilligenarbeit habe ich zu seinen Gunsten aufgegeben. Ich selber habe zwar Beschwerden an einem Knie, aber mir geht es sonst gut. Einmal wurde während zwei Monaten in unserem Hochhaus der Lift renoviert. Da mein Mann keine Treppen mehr steigen kann, verreisten wir halt in die Ferien. Auch sonst unternehmen wir noch Reisen, vor allem mit dem Bus. Wir denken zum Beispiel an Ferien auf der Insel Elba. Eine willkommene Abwechslung bietet mir nun auch die Mitgliedschaft bei «und» das Generationentandem. Es bringt mir Kontakt mit alten und jungen Menschen. Wir sind dankbar, dass wir hier in dieser schönen Wohnung mit Aussicht auf See und Berge leben dürfen.

Wohin gehst du?

Unsere Zukunft ist schwer vorstellbar. Für meine 92 Jahre bin ich beweglich. Das ist ein Geschenk. Natürlich haben wir auch dazu beigetragen: gesundes Essen, wandern, Sport. Wir haben eine PatientInnenverfügung gemacht und alles rund um das Sterben mit den Kindern abgesprochen. Angst vor dem Sterben spüre ich kaum, ich habe viele Menschen sterben sehen. Mit der Palliativmedizin ist das Sterben auch leichter geworden. Und was nachher kommt, darüber kann uns niemand etwas sagen. Es ist ein grosses Rätsel, das ich offen lassen will. Natürlich haben wir weiterhin Pläne. Wir wollen Ferien machen, jassen. Vielleicht ergibt sich nochmals eine Jasswoche in Adelboden. Etwas Angst spüre ich allein auf der Strasse, aber da habe ich immer meine Alarmpfeife bei mir. Ja, ich schaue auf ein gutes Leben zurück. Das Leben ist schön. ☐


Die drei Fragen

In der neuen Rubrik «die 3 Fragen» beantworten eine junge und eine ältere Person je drei wichtige Fragen zu ihrem Leben.

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