Das Spiel mit den Worten

Schon das Wort «Wortspiel» ist ein Spiel mit den Worten «Wort» und «Spiel». Jung und Alt begaben sich im Thun-Panorama von Marquard Wocher auf die Suche nach Poesie, Prosa oder auch nur Fragmenten.

Ein generationendurchmischtes Team war in der Rotunde des Thun-Panorama auf der Suche nach Wortspielen. Bilder: Manuel Meister
Ein generationendurchmischtes Team war in der Rotunde des Thun-Panorama auf der Suche nach Wortspielen. Bilder: Manuel Meister

Bilder: Manuel Meister

Redaktion: Elias Rüegsegger

«Das Kind in uns wollen wir heute leben lassen», kündigt Rut Reinhard, Kunstvermittlerin des Kunstmuseums Thun, an. Kinder spielen – ganz natürlich. Und auch die erwachseneren Kinder können spielen – wenn sie denn wollen. Spielen mit Worten. Wort-spielen.

Remo Rickenbacher.
Remo Rickenbacher.

Das 200-jährige Thun-Panorama birgt viele Geschichten, seien es die miteinander tuschelnden Wäscherinnen an der Aare, der winkende Kaminfeger, der sich vielleicht für eine Zeitreise verabschiedet oder der Schüler, der mit dem Rohrstock gezüchtigt wird. Sehen Jüngere ähnliches wie Ältere? Fantasie hat kein Alter!

Etwa 15 Menschen verschiedener Generationen und der Slam-Poet Remo Rickenbacher fanden sich in der Rotunde des Thun-Panorama zum dritten Café drunter und drüber ein. Remo Rickenbacher ist ein profesioneller Wortspieler – das kündigt sich schon mit der Alliteration in seinem Namen an. Er ist Slam-Poet und stimmt die TeilnehmerInnen am Café drunter und drüber auf das Thema mit einem Text ein.

Dann waren aber Jung und Alt gefragt. In Tandems erfanden sie Poetisches, Prosaisches, manches abgerundet, anderes nur fragmenthaft. «und» stellt Ihnen die Resultate hier mit Bildern vom Nachmittag vor.


Die Wolke und der Dichter

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Anita Senn (62) und Barbara Zbinden (45)

Amina war das schwarze Schaf unter den Wolken. Sie war jetzt schon so weit gereist. Gestartet auf dem Planet Oktotypus, auf dem totales Regenverbot herrschte. Zudem hatten sie dort oben Linksverkehr. Das behagte Amina als rechtsdrehende Luftwirblerin gar nicht. Darum machte sie sich auf den Weg in eine neue Welt. Mehr als 6000 Jahre waren seither vergangen. Genau über Thun schwebte sie, als sie plötzlich von einem heftigen Wind erfasst wurde. Sie atmete tief und machte eine Erdungs- und Konzentrationsübung. Fokussieren… Das hatte sie doch in der Wolkenschule gelernt. Sie schaute nach unten und es traf sie wie der Blitz. Stand da nicht der schönste Junge aus dem ganzen Universum? Johannes stand verträumt neben seiner Tante, ihrem Kind und neben seiner Mutter. Er hörte gedankenverloren zu, wie die Tante zukunftspläne schmiedete. Er wäre ein geeigneter Kandidat für Louise, die Tochter des Schulthess. Mutter schob sich vor und schien sehr interessiert. Eine gute Partie gewiss, der Johannes. Das wäre nicht schlecht, so wäre wieder ein Kostgänger weniger zu Hause. Johannes schaute gedankenversunken zum Himmel und ein leiser Seufzer entwich ihm: Ich bin zu höherem berufen, ich will schreiben, Gedichte erfinden, Geschichten, alles in meinem Kopf und im Himmel erforschen. Amina schwebte ebenso gedankenversunken auf Wolke sieben. Innere Kräfte und Säfte begannen zu wallen und da geschah es. Sie konnte es nicht mehr aushalten. Sie ergoss einen farbigen Regentropfen und sie verlor dabei ihre wolkige Jungfäulichkeit. Von jetzt an wusste sie, wie sich ein Wolken-G-Punkt anfühlt. Johannes streckte in diesem Moment seine Hand aus, empfing das Tröpfchen und wusste: Ich bin zum träumen geboren. Seit da begegnteten sich Johannes und Amina immer wieder.


Türme

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Von Brigitte Mathys (64) und Annina Reusser (21)

In Thun stehen Türme.
Türme, hoch über der Stadt.
Türme, die in den Himmel greifen.
Türme, die in die Ferne winken.
Glockentürme, Wachtürme,
Kleine Dachtürme, grosse Bergtürme.
Sie türmen sich über den Dächern,
Blicken über die Stadt,
Trotzen jedem Sturm.
Die alten Balken knarren,
Der Zahn der Zeit nagt,
doch die Türme bleiben stehen.
Sie wechseln ab und zu ihren Hut
Doch wachen ewig als Schirmherrn über die Stadt.


Ein Thuner Waisenkind

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Helena Saehrendt (15) und Marianne Senn (62)

Elisabeth hält sich am Fenstersims fest und beugt sich nach vorne, um die frische Morgenluft zu spüren. Ihr Blick fiel auf die türkise gekräuselte Wasseroberfläche der Aare. Auf diesen Teufelsstrom, wo die Waschfrauen am Ufer arbeiteten. Dieser Anblick schmerzte ihr, weil er ihr so vertraut war und sie gleichzeitig an etwas schreckliches erinnerte. So oft hatte sie ihrer Mutter beim Waschen zugeschaut. Elisabeth stellte sich vor, wie eine Frau zu ihr hochschaute und sie anlächelte. Es würde nie mehr so sein. Ihre Mutter war nicht dort und sie war auch nirgendwo sonst. Sie war für ein Tischtuch gestorben. Es war später Nachmittag, am 13. November 1813. Susanna und die anderen Waschfrauen schufteten schon seit Stunden am Flussufer. Ihre Finger waren beinahe taub vor Kälte und trotz der Anstrengung war Susanne so stolz, dass der Stadtherr ihr den Auftrag erteilt hatte, seine kostbarsten Tischdecken zu waschen. Mehrmals hat er ihr eingeschärft, achtsam damit umzugehen. Plötzlich sprang ein grosser Hecht aus dem Wasser und streifte mit seinen Zähnen beinahe ihre Hand. Sie erschrack, griff nach dem Tischtuch und lehnte sich nach vorne. Aber sie konnte das Tuch nicht mehr erwischen und stürzte dabei selbst in die kalten Fluten und ertrank.


Rundherum

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Livia Thurian (20) und Peter Schär (63)

Peter: Niesensonnenstern blinkt über Fenstertratsch.
Livia: Der Niesen ist kein Stolperstein, so einer sollte kleiner sein. Im Süden start’ ich meinen Reim, klebe ihn wie Pflasterstein mit Leim.
Peter: Nach Dächerflächensprung Landung im Aarefluss mit Stockhornblick.
Livia: Dächerflächen im Westen, Katzen streiten sich um Essensresten. Die Aare fliesst ruhig und still, weshalb ich gerne baden will.
Peter: Geraffelte Mauer streicht die Ziegelzeilenflächen zum Gassenabgrund. Der Luftspäher unterfrauenkatzelt den Schlossfähnchen entgegen.
Livia: Der Norden ist kalt, das Schloss ist alt. Möchte trotzdem gern dort wohnen und mich nicht vor der Kälte schonen.
Peter: Rädädädä – Schwarzloch Einschlupf in kokette Fensterspiegelzmorge.
Livia: Im Osten dreht er sich, der Zeiger der Kirchenuhr, schlägt nicht zur vollen Stunde nur. Rundherum vergeht die Zeit, schon bricht herein die Dunkelheit.
Peter: Pudelherrchen – Kinderkirchen Himmelwandfluhsprung zum Türme-Hüpfen. Plumps ins Blüemlistädterauschen.


Alles im Fluss vom Anfang bis zum Schluss

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Annemarie Voss (70) und Elias Rüegsegger (21)

Pantha Rei.
Alles fliesst.
Alles durchfliesst,
alles durchströmt.

Alles im Fluss,
und immer die Aare.
– sie kommt, sie geht
– sie ist da und weg
und immer die Aare.

Sie trägt Boote, beladen
mit Menschen und Tieren.
Schwerbeladen und doch schwerelos gleitend
über die Aare – und immer die Aare.

Die Aare als…
Arbeitsort der Wäscherinnen, Fischer und Müller.
Alles dreht sich um die Aare,
das Wasser dreht das Müllrad,
im Wasser leben die Fische,
das Wasser reinigt.
– und immer die Aare.


Die Zeitreise

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Peter Muster (85) und Blanca Thurian (53)

Er: Das war herrvoragend, hier im Restaurant Schadau. Gut gegessen, vorzüglicher Service. Und der Wein… ein Italiener, wundervoll. Und das Dessert.
Sie: Ach, dieser italienische Wein – er ist viel zu schwer. Meine Augendeckel fallen gleich zu. Das wird sicher ein langweiliger Sonntag werden.
Er: Schon etwas müde – wir bleiben noch etwas sitzen. Schau mal, diese wunderbare Landschaft, der See, die Berge. Was unternehmen wir jetzt?
Sie: Wenn du mich so fragst… Ich habe da eine neue App auf meinem Smartphone. Sie heisst «Zeitreise». Wollen wir sie ausprobieren.
Er: Ja – drück mal.
Sie: Registrieren, Kennwort, OK, alles klar. Welches Jahr und welchen Ort wählen wir?
Er: Wir waren letzten Sommer in Rimini – diesen Frühling in Oslo. Jetzt könnten wir hier in der Stadt einen Rundgang machen.
Sie: Thun-Panorama – das ist unser Ausgangspunkt. In welchem Jahr werden wir landen?
Er: Ja gehen wir doch dorthin. Nichts wie los.

Sie: Nun haben wir hier keinen Handyempfang mehr.
Er: Eine Menge Katzen hat es hier.
Sie: Da liegen Pferdeäpfel.
Er: Und die Männer sind anders angezogen.
Sie: Kutschen rattern über die Pflastersteine.
Er: Das ist nicht mehr unsere Zeit – wohl ist es aber interessant.
Sie: All das dank meiner App.


Café drunter & drüber: Generationen im Thun-Panorama

Die anderen Dialoge aus dem 2. Café drunter & drüber finden Sie hier.

Dieses Projekt ist Teil von Generationen im Museum (GiM). Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Generationen in Museen der Deutschschweiz sollen damit gefördert werden. Im Thun-Panorama entsteht ein Café drunter & drüber: Personen verschiedener Generationen sind eingeladen, miteinander Geschichten zu (er)finden, welche im 200-jährigen Rundbild von Thun spielen. Das Café will die Zusammenarbeit von Interessierten fördern, die sich mit Menschen, die 15 Jahre jünger (drunter) oder älter (drüber) kreativ auseinandersetzen wollen. Für das Café drunter & drüber ist das Kunstmuseum Thun verantwortlich. «und» das Generationentandem begleitet das Projekt neben Radio 60 Plus als Partner.

Die weiteren Daten der Cafés. Jeweils 15.00 bis 17.30 Uhr

16. August
13. September
18. Oktober
29. November: Abschlussfest

Jung und Alt im Thun-Panorama.
Jung und Alt im Thun-Panorama.

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