«Ich wurde vom Menschen zu einer Nummer»

Jene Menschen, die den Holocaust überlebt haben, sind inzwischen alt. Der Schrecken von damals steckt noch tief in ihnen drin. Eine Ausstellung erzählt nun die Geschichten von Überlebenden. Wir haben die Ausstellung in Bern besucht und diskutieren darüber.

Erika Kestenholz (69), Elias Rüegsegger (23)

«19037 – das war meine Nummer…», erzählt Fishel Rabinowicz. – Bild: Gamaraal

Wir besuchen die Ausstellung an einem der letzten Tage. Die BesucherInnen, viele Junge, stehen still vor den Porträts und blicken in die Gesichter alter Menschen. In einem dunklen Raum wird ein Video gezeigt – die Personen vor der Kamera sitzen auf einem bunten Sofa und erzählen ihre unfassbaren Lebensgeschichten. Sie teilen dasselbe Schicksal. Sie sind Jüdinnen und Juden – und haben überlebt. Irgendwann nach dem Krieg sind sie in die Schweiz gekommen. Über ihre Erlebnisse zu sprechen fällt vielen von ihnen schwer. Die Gefühle, die aufsteigen, sind auch nach so langer Zeit überwältigend. Nach dem Besuch sitzen wir beim Kaffee und diskutieren.

Erika: Was hat dich am meisten an der Ausstellung beeindruckt?

Elias: Da erinnert sich ein alter Mann, dass sie vor der Befreiung durch die Russen kaum mehr etwas zu essen hatten. Über mehrere Tage harrten sie aus ohne Wasser. Sie legten sich Kartoffelschalen auf die Lippen, um wenigstens etwas Feuchtigkeit aufzunehmen. Kurt Salomon erzählt, er habe 1945 Blümchen gepflückt zwischen den Leichen. Oder Fishel Rabinowicz, der sagt: «19037 – das war meine Nummer… Ich wurde vom Menschen zu einer Nummer.» Es sind diese Schilderungen, die mich in ihrer Klarheit ergreifen. Mein Atem stockt, wenn ich an den Besuch der Ausstellung denke. Erika, welche Geschichte hat dich berührt?

Erika: Mich hat Kurt Salomon auch sehr beeindruckt. Er hat ein Lächeln im Gesicht und sagt, er sei «jamais faché» gewesen. Er lasse Vergangenes ruhen. Allerdings vertraut er nur noch sich selbst. Eduard Kornfeld verlor in Auschwitz seine Eltern und vier Geschwister. Als er als 16-Jähriger aus dem Konzentrationslager befreit wurde, wog er noch 27 Kilogramm. Auf der Reise in die Schweiz sah er das total zerstörte Deutschland. Das war entlastend für ihn. Plötzlich wusste er, dass er fortan die Deutschen nicht mehr hassen musste. Bronislaw Erlich erzählt von schlimmsten Erlebnissen und verliert doch nie ganz den Humor. Zufälle haben ihm immer wieder überraschend das Leben gerettet. Doch: Er schläft schlecht. Eine Freundin hat ihm empfohlen Baldrian zu nehmen, aber das helfe nichts. Er erzählt es und lächelt trotzdem.

Eduard Kornfeld verlor in Auschwitz seine Eltern und vier Geschwister. – Bild: Gamaraal

Elias: Diese Geschichten sind wertvoll, weil sie von den letzten Überlebenden erzählt werden. Sie haben das Unvorstellbare überlebt. Viele von ihnen haben nach dem Zweiten Weltkrieg lange geschwiegen, weil sie keine Sprache für diesen Schrecken hatten, weil sie verdrängten um zu überleben und weil vielleicht auch lange niemand wagte, sie zu befragen. Heute stehen ihre Leben als Mahnmal da. Nicht einfach als Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, den ich nicht erlebt habe, nein, als Beweis dafür, dass der Mensch seine Menschlichkeit verlieren kann, zum Täter werden kann. Erika, warum ist es wichtig, dass wir diese Geschichten nicht vergessen und künftigen Generationen weitergeben?

Erika: Die Ereignisse von damals sind unfassbar, die Details fast unerträglich. Gräueltaten wurden verübt, von zivilisierten Menschen, die davon überzeugt waren, etwas Sinnvolles zu tun. Sie wollten «das Böse» ausmerzen. Die Juden waren für sie Schädlinge, die man mit jedem Mittel bekämpfen musste. Was mich am meisten beeindruckt, ist, wie diese Menschen mit ihren Erlebnissen umgehen. Wie schaffen sie es nur, nicht von Hass und Rachegefühlen überwältigt zu werden?

«Die Auseinandersetzung mit den schrecklichen Schicksalen bringt nichts, wenn wir nicht an heute denken.»

Elias: In den kurzen Filmsequenzen reden die Holocoaust-Überlebenden auch über die Gegenwart. Bronislaw Erlich mahnt, man solle sich bewusst sein, wohin Rassismus führe. Eduard Kornfeld sagt Ähnliches: Es gebe gute Menschen, aber man müsse das Schlechte bekämpfen. Die Auseinandersetzung mit den schrecklichen Schicksalen bringt nichts, wenn wir nicht an heute denken. Wo geschieht heute Schreckliches? Sicher kommen uns unzählige Beispiele in den Sinn.

Erika: Ja, ich mag gar nicht aufzählen, wo überall es brennt. Die Porträtierten rufen uns dazu auf, doch etwas aus der Geschichte zu lernen. Bronislaw Erlich: «Lasst keine verrückten Psychopathen das Ruder übernehmen!» Er wirbt für eine Erziehung zu Respekt und Achtung den Mitmenschen gegenüber. Und Daniel Gerson meint: «Auch heute fällt es wieder leicht, Feindbilder aufzubauen, vor allem den Muslimen gegenüber. Denkt nicht schwarz-weiss, fragt kritisch nach!» Kurt Salomon bemerkt indessen resigniert: «Nur schade, dass der Mensch nichts lernt aus der Vergangenheit.» Am wichtigsten finde ich, dass wir uns klar machen, dass unter bestimmten Umständen jeder von uns zum Täter oder zum Opfer werden kann

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«Ich habe sehr geweint», sagt Nina Weil. – Bild: Gamaraal

Elias: Nina Weil hält ihren Arm vors Gesicht. Auf ihrer Haut ist eine Nummer zu lesen: 71978. Sie erzählt den MuseumsbesucherInnen: «Dann hat man mich tätowiert. Da habe ich sehr geweint. Nicht wegen des Schmerzes, nein, wegen der Nummer. Denn ich hatte den Namen verloren, ich war nur noch eine Nummer.» Nina Weil ist heute 85 Jahre alt. Sie hat den Holocaust überlebt, den Schrecken gesehen. Ihre Geschichte und damit auch die Geschichte von all jenen Menschen, die im Holocaust ihr Leben verloren haben, darf nicht vergessen gehen.☐

Nina Weil hat dem Schrecken ins Gesicht gesehen. – Bild: Gamaraal

Zur Ausstellung

Die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» in Bern stiess auf sehr grosses Interesse. 3‘500 BesucherInnen sahen sich innerhalb weniger Wochen die Videos und Bilder an. Bei einem Zeitzeugengespräch hätten aus Sicherheitsgründen sogar 300 Interessierte abgewiesen werden müssen. Auch über 30 Schulklassen haben sich die Ausstellung angesehen. «Wir wurden überrannt», erklärt Anita Winter, Gründerin und Präsidentin der Gamaraal Foundation, welche die Ausstellung initiiert und konzipiert hat.

«Wir wurden überrannt», sagt Nina Winter von der Gamaraal Foundation. – Bild: Gamaraal

Diese Stiftung setzt sich auch für bedürftige Holocaust-Überlebende ein. Zudem sagt Anita Winter: «Als Tochter von jüdischen Holocaustverfolgten, aber auch als Schweizer Staatsbürgerin, betrachte ich es daher als unser aller Aufgabe und Pflicht, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten und sich immer wieder damit auseinanderzusetzen.» Die Ausstellung ist vom 16. März bis 20. Mai 2018 im Forum Schlossplatz, Aarau zu sehen. er
last-swiss-holocaust-survivors.ch
gamaraal.org

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