Er lebt suffizient: «Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen»

Fabian Leuthold wurde von Kirstin Schild zu seinem suffizienten Lebensstil interviewt. Er ist überzeugt: Besitz macht Sorgen, genügsam leben befreit.

«Spüre etwas von der Freiheit»: Das Leben mit weniger gibt Fabian Leuthold neue Möglichkeiten. – Bild: Miriam Weber

Wie sind Sie zum Projekt eines suffizienten Lebensstils gekommen?
Fabian Leuthold (37): Ich studierte in Bern Allgemeine Ökologie und antwortete auf eine kleine Online-Umfrage. Daraufhin wurde ich für ein Interview angefragt. Das war super, eine sehr spannende Sache.

Sind Sie schon suffizient aufgewachsen?
Umweltschutz war bei uns zuhause ein Thema, aber wir bewohnten ein Einfamilienhaus und besassen ein Auto. Heute lebe ich mit meiner Familie am Rand von Bern in einer Neubauwohnung. Wir haben beim Umzug klar auf die Suffizienz und Nachhaltigkeit geachtet. Wir besitzen kein Auto.

Wie wichtig ist Ihnen «Geld»?
Ich nutze es suffizient: Ich benötige nicht viel, dadurch brauche ich wenig Geld, bin unabhängiger und so bleibt mehr Zeit für Familie und Freunde.

Im Buch erwähnen Sie, dass Sie Gegenstände möglichst lange benutzen möchten.
Oh ja, das ist immer ein Hauptkriterium. Kleider sind ein gutes Beispiel. Hier habe ich meinen Bestand sehr heruntergefahren und kaufe fast nur noch in Läden wie «Stoor» oder «Nordring» ein. Beim Kleiderkauf spare ich viel Geld! Einzelstücke kosten zwar viel, aber ich brauche nur wenige davon. Mein Ziel: Nur noch Kleider im Schrank zu haben, die ich gerne und oft anziehe. Gerade bei Produkten, die nicht ökologisch produziert werden, schaue ich darauf, dass sie langlebig sind. In manchen Bereichen, zum Beispiel bei Fahrrädern, ist das sehr einfach. Bei elektronischen Geräten hingegen ist es extrem schwierig. Vielleicht würden sie lange halten, doch die heutige Technologie ist viel zu kurzlebig. Mein bald achtjähriges Handy läuft so langsam, die Apps sterben aus, Updates konnte ich nicht mehr installieren – daran musste ich mich gewöhnen. Ich habe das Gefühl, die Industrie arbeitet daran diese Zyklen immer weiter zu kürzen. Vor zwei Wochen habe ich mir trotzdem ein neues Handy, ein iPhone, gekauft.

Gehören Sie zu den Menschen, die stets am «Grümpeln» und Entsorgen sind?
Ja, das tue ich gern und oft. Ich habe mir vorgenommen, dass immer, wenn etwas Neues in den Haushalt kommt, etwas Altes den Platz räumen muss. Ich versuche meinen Besitz aufs Wesentliche zu reduzieren. Mein Gewürz- oder der Kleiderschrank sehen ein bisschen erbärmlich aus (lacht). Aber meine Kinder besitzen viel. Sie erhalten meistens materielle Geschenke, die ich nicht einfach entsorgen kann.

Je mehr Besitz man hat, desto mehr muss man sich darum kümmern. Stimmt das?
Dass Besitz Sorgen macht, ist eine alte Weisheit. «Minimalismus» ist in den letzten Jahren ein neuer Lebensstil geworden. Noch lebe ich nicht extrem minimalistisch, aber ich spüre etwas von der Freiheit, die sich daraus ergibt. Wieviel Ballast wir besitzen, sehen wir bei jedem Umzug.

Ist diese Bewegung ein Wohlstandsphänomen?
Natürlich, das ist ein wichtiger Punkt. Menschen mit guter Ausbildung und gutem Einkommen beschränken sich freiwillig. Das nennt sich suffizientes Leben. Wer arm ist oder sich an der Armutsgrenze bewegt, lebt gezwungenermassen genügsam und ist deshalb unzufrieden.

Grafik: Hansruedi Käppeli

Leben also die Suffizienten auf Kosten der andern?
Manchmal habe ich tatsächlich ein schlechtes Gewissen gegenüber unserer Gesellschaft, da ich nicht so viel konsumiere. Ich halte den Kapitalismus nicht warm. Das Streben nach Suffizienz unterminiert unser System, also bin ich nicht solidarisch. Meine eigentlich gute Absicht gefährdet im weitesten Sinne den Wohlstand der Schweiz, von dem ich ja auch profitiere. Da frage ich mich oft, ob ich mich auch dort einschränken könnte, wo es wehtut. Ob ich damit leben könnte, keine gute Gesundheitsversorgung, kein bereicherndes Bildungssystem zu haben? Dann merke ich schnell, dass mir das zu eng wird. Diese Zugeständnisse wären schwierig. Die Suffizienz ist an diesem Punkt inkonsequent.

Könnte denn ein suffizientes System harmonisch funktionieren?
Ja, davon bin ich überzeugt. Der Weg wäre sehr weit und man müsste viel Geld umverteilen. Durch Einschränkung des ganzen Konsums würde Geld eingespart. Diese Mittel könnten zu Gunsten der Grundversorgung eingesetzt werden. So würden viel mehr Menschen suffizient leben und der Wohlstand der Gesellschaft wäre immer noch gewährleistet. Vom Konsumwohlstand zum Versorgungswohlstand.

Was wären die Nachteile einer solchen Gesellschaft?
Konsumgüter, die auch ich schätze, würden natürlich ebenfalls wegfallen. Wenn der Konsum nicht den Motor am Laufen hält, gibt es auch weniger Innovation. Ich habe ja auch Freude an meinem neuen Handy und an dem, was es alles kann. ☐


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