Vollgeld wie geht das?

Ein Tandem hat sich intensiv mit der Vollgeld-Initative auseinandergesetzt. Nach vielen Gesprächen und Recherchen sind sich die beiden aber immer noch uneinig. Vielleicht bringt ein Dialog Klärung?

Werner Kaiser (79), Julian Seidl (17)

Nur die Nationalbank soll Geld schaffen dürfen – das will die Vollgeld-Initative. – Bild: Mariëlle Schlunegger

Geld – ein omnipräsentes Thema. Doch hat sich jemand schon gefragt, woher unser Geld überhaupt kommt? Viele würden auf diese Frage wohl mit «von der Nationalbank» antworten, doch dies stimmt nur für die Banknoten und die Münzen. Diese «physische» Art von Geld macht aber heute lediglich rund zehn Prozent aus. Es gibt auch das sogenannte Giralgeld, auch «Bankengeld» genannt, das nur virtuell existiert. Es wird als Zahl von einem zum anderen Konto hin- und hergeschoben. Doch woher kommt dieses Geld? Es wird von den Geschäftsbanken selbst geschöpft. Dies funktioniert folgendermassen: Eine Bank vergibt einem Kunden einen Kredit, zum Beispiel eine Hypothek. Der Betrag dieses Kredits wird auf dem Konto des Kunden gutgeschrieben. Die Bank nimmt dieses Geld, abgesehen von 5 Prozent Eigenkapital, nicht aus ihren Beständen, sondern schafft es neu. Mit jeder Kreditvergabe steigt deshalb die Geldmenge in der Schweiz.
Worum geht es bei der Vollgeld-Initiative? Die InitiantInnen der Vollgeld-Initiative möchten diesen Geldschöpfungsprozess der Banken unterbinden. Wie vor der Einführung des virtuellen Geldes soll nur die Nationalbank Geld schöpfen können. Das Geld würde wieder zu Vollgeld, also zu Geld, das voll von der Nationalbank gedeckt wäre.

Werner: Julian, welchen Eindruck hast du von der Vollgeld-Initiative?

Julian: Ich finde, dass es sich bei der Vollgeld-Initative um eine sehr komplexe Angelegenheit handelt, vor allem nachdem ich mich gründlich damit befasst habe. Viele werden bei der Abstimmung Mühe haben, eine sachgerechte Entscheidung zu treffen. Die Initiative lässt keine genau Prognose zu, so dass nicht einmal Finanzprofessoren die Auswirkungen im Falle einer Annahme voraussagen können.

Werner: Ich stimme dir zu, soweit es die Auswirkungen betrifft. An sich ist die Grundidee aber sehr einfach: Nicht die Banken sollen das Geld schaffen, sondern ausschliesslich die Nationalbank, wie es vor der Einführung des elektronischen Geldes schon der Fall war. Und auch die Begründung dafür scheint mir einfach: Die Banken sind interessiert, möglichst viel Geld zu schaffen, weil sie daran verdienen. Die Nationalbank könnte die Geldmenge besser kontrollieren.

Werden sich nicht einig: Julian Seidl und Werner Kaiser im Dialog. – Bild: Mariëlle Schlunegger

Julian: Man müsste also das Finanzsystem von Grund auf auf den Kopf stellen, ohne dass die SchweizerInnen genau weiss, wohin uns diese Änderung führt. Unser System ist weitestgehend stabil, und ich bezweifle, dass sich durch diese Neuerung etwas verbessern würde. So würde der Franken noch stabiler und für ausländische AnlegerInnen attraktiver, was momentan eigentlich vermieden werden sollte.

Werner: Mir ist klar, dass die Annahme der Initiative neue Herausforderungen mit sich bringen würde. Aber jede echte Neuerung bringt Herausforderungen. Das ist für mich kein Grund, beim jetzigen Zustand zu bleiben. Das ist ja das Bemühende an der bürgerlichen Politik: Sie verweigert sich allem Neuen. Sie wehrte sich gegen die Abschaffung des Bankgeheimnisses, die Reichtumssteuer, die Begrenzung der Bonibezüge, die Tobinsteuer, die Erbschaftssteuer. Wir können nicht stehen bleiben, nur weil das Neue nun mal Änderungen erfordert.

Julian: Aber gerade im Finanzsektor sind Abenteuer riskant. Wir erleben aktuell eine stabile finanzielle Situation. Warum sollen wir sie gefährden? Es wäre besser zuzuwarten, bis die Auswirkungen eines Vollgeld-Systems absehbar wären. Es gibt auch ÖkonomInnen, die der Meinung sind, dass ein weitestgehend funktionierendes System nicht ersetzt werden sollte.
Werner: Ja, die Finanzwelt ist in Ordnung, wenn man von ein paar Kleinigkeiten absieht (lacht), wie den regelmässigen Finanzkrisen, der nicht zu bremsenden Gier der Bank-Manager, der sich immer noch weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich oder der viel Geld verschlingenden Spekulation.

Julian: Was würde sich deiner Ansicht nach denn konkret ändern, wenn das Vollgeld eingeführt würde?

Werner: Ich denke, dass das Finanzsystem in der Schweiz sicherer würde. Die Nationalbank könnte die Geldmenge steuern, womit das Ganze weniger anfällig würde. Die Banken, vor allem die Grossbanken, haben sich zu viele krumme Geschäfte geleistet, als dass man ihnen das überlassen sollte.

Julian: Ja, aber ganz konkret: Beispielsweise an den immer steigenden Boni der Bankmanager, der Erbschaftsteuer, dem Bankgeheimnis würde sich doch durch ein Vollgeld-System kaum etwas ändern. Oder irre ich mich?
Werner: Da stimme ich dir zu. Die Vollgeld-Initiative löst nicht alle Probleme, aber doch einige. Und ich gehe mit dir einig, dass es uns in der Schweiz finanziell recht gut geht. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass wir die UBS retten mussten und dass die Verteilung von Eigentum und Einkommen sehr ungerecht ist.

Julian: Auch im Fall einer Annahme der Initiative wäre das Finanzwesen immer noch nicht vollständig gesichert. Schliesslich besteht immer die Möglichkeit, dass äussere Faktoren, wie beispielsweise ein Erdbeben, zu einer Schwankung führen können.

Werner: Natürlich, unglückliche Ereignisse können mit oder ohne Vollgeld eintreten.

Julian: Wenn die Banken nicht mehr selber Geld schöpfen könnten, würden sie vermutlich mit der Kreditvergabe zurückhaltender sein und das würde der Wirtschaft schaden. Arbeitsplätze könnten verloren gehen. Wollen wir das in der heutigen Situation, in der wir auf Arbeitsplätze angewiesen sind, wirklich riskieren?

Werner: Dass die Banken zurückhaltender würden, kann ich mir vorstellen. Allerdings können sie ja Geld zu niedrigen Zinsen von der Nationalbank beziehen und es mit grösseren Zinsen weitergeben. Eine Motivation, Kredite zu vergeben, bliebe bestehen. Man kann nicht einfach die Vollgeld-Initiative in die Welt setzen und dann alles laufen lassen. Es müsste an Lösungen gearbeitet werden.

Julian: Ja sicher. Für mich bleibt das Ganze sehr komplex und schwer durchschaubar. Und was die Auswirkungen einer Annahme der Initiative wären, bleibt mir – und wohl nicht nur mir – unklar.

Werner: Ob das besser herauskommt, wenn weiterhin die Banken das Geld regulieren, bezweifle ich. ☐


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