Wie Linda die Schönheit fand

Eine junge Frau hat Angst vor dem Altern. Doch gerade ihr Kampf dagegen zeichnete tiefe Falten in ihr Gesicht. Gedanken zum Schwerpuntk «Schönheit» von Sarah Liebi.

Sarah Liebi. – Bild: Elias Rüegsegger
Die «und»-Autorin Sarah Liebi hat sich Gedanken über «Schönheit» gemacht. – Bild: Elias Rüegsegger

Sarah Liebi (21)

Es war einmal eine junge Frau, die wollte unbedingt schön sein. Sie sehnte sich sehr nach einem Freund und dachte, wenn sie schön sei, dann finde sie einen. Um ihre Körperhaltung zu verbessern, ging sie zu einem Physiotherapeuten. Der schon etwas ältere Herr gab ihr einige Tipps. Die Frau fühlte sich wohl in seiner Gegenwart und erzählte ihm von ihrer Unzufriedenheit mit ihrem Aussehen. Der Mann schwieg kurz. Sein faltiges Gesicht verriet Weisheit und Lebenserfahrung. Dann fing er an, von seinen beiden Töchtern zu erzählen: Marla war eine schlanke, immer schon schöne Frau und erfolgreiche Managerin einer grossen Firma. Dass sie unglücklich sei, würde sie nie zugeben.

Das Altern machte ihr Angst

Das Altern machte ihr Angst und sie kämpfte mit allen Mitteln dagegen an. Die Angst machte sie zu einer zunehmend verbitterten Frau und zeichnete Unglücksfalten in ihr schönes Gesicht.
Die zweite Tochter Linda war das pure Gegenteil. Sie sei schon immer mollig gewesen. Dennoch war sie ein sehr vitales Kind und verbrachte viel Zeit draussen. Sie entdeckte bald ihre Liebe zum Bauernhofleben. Als Linda in die Schule kam, wurde sie wegen ihres Aussehens gehänselt. In der Pubertät verfiel sie in eine tiefe Lebenskrise, da sie sich selbst und ihren Körper zu hassen anfing. Sie wurde still und schüchtern und versteckte sich hinter Büchern.

Nein, Linda hatte nicht abgenommen. Aber ihr Lachen!

Später versuchte sie es mit Diäten, Sport und Medikamenten, fiel jedoch immer wieder zurück in ihre Veranlagung und blieb mollig. Der Vater machte sich Sorgen um seine Tochter, als die Depressionen immer stärker wurden. Er riet ihr, einen Sommer auf die Alp zu gehen, um mal ein bisschen wegzukommen aus ihrem Umfeld. Sie liess sich überreden und verbrachte einige Monate in einer Bauernhütte.
Es war eine andere Frau, die zurück kam. Nein, Linda hatte nicht abgenommen. Aber ihr Lachen! Es war ansteckend und aus ihren Augen strahlte eine Freude, wie sie der Vater noch nie bei ihr gesehen hatte. Sie sah wunderschön aus. «Was ist passiert?», fragte der Vater überrascht. «Weisst du Vater, ich bin, wie ich bin. Ich habe mich akzeptiert. Es ist herrlich, am Leben zu sein, zwei Beine zu haben, die mich durch die Welt tragen. Und ja, ich bin mollig. Das bin ich und das ist gut so.» Der Vater war zu Tränen gerührt und freute sich mit ihr. Linda ist bis heute mollig, doch das stört niemanden. Ihr Strahlen macht sie zur schönsten Frau der Welt.


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