Meine liebsten Feinde Dossier Feindbilder

Am liebsten sind uns Argumente, welche unsere Meinung stützen. So verstärken sich Vorurteile und Feindbilder. Von der gefährlichen Lust, Feindbilder zu pflegen.

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Werner Kaiser (78)

Feindbilder sind wunderbar! Sie entlasten uns von der Aufgabe, uns mit den mühsamen Details herumzuschlagen. Jemand ist der Böse, und damit fertig. In der Politik vereinfachen Feindbilder das Geschehen, das wir oft nicht durchschauen. Und in der Nachbarschaft stärken sie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Wohlgesinnten. Wer einmal ein «Feind» ist, auf den können wir getrost lostreten.

Schurkenstaaten

Wenn eine Regierung Krieg führen will, baut sie Feindbilder auf. Der Gegner muss zum Monster werden, sonst ist das Volk nicht zum Krieg motiviert und die Soldaten kämpfen zu zögerlich. Die Russen bewähren sich seit fast hundert Jahren als politische Feinde. Aber auch der Iran, Nordkorea, China gehören dazu. In den USA heissen sie Schurkenstaaten. Sie müssen möglichst schwarz dargestellt werden, dann kann man sie gelegentlich einmal mit gutem Gewissen militärisch angreifen.

Die verhassten Diktatoren

Feindbilder konzentrieren sich auch gerne auf Personen: Assad, Erdogan, Putin, Kim, auch Trump. Da muss man ja gar nicht mehr richtig hinschauen. Man weiss es ja!
Solche Feindbilder sind ungerecht und heizen Konflikte an. Die «Bösen» sind nicht nur böse. Assad kämpft zwar gegen sein eigenes Volk, er setzt – falls die Information stimmt –  Fassbomben und Giftgas gegen die Aufständischen ein; er ist aber auch gewählter Staatspräsident, der eine illegale, vom Westen unterstützte Revolution abwehren will. Erdogan setzt sich über alle Gesetze der Demokratie hinweg, aber er ist auch Speerspitze eines muslimischen Volkes, das offenbar zu früh mit westlicher Kultur eingedeckt wurde. Putin geht sehr hart gegen die Opposition vor, und er hat die Krim annektiert; aber er hat Russland wieder regierbar gemacht, nachdem es zu Jelzins Zeiten in zwei Lager zerfiel: ein paar Oligarchen hier, ein verarmtes Volk dort. Kim Jong-Un ist gefährlich mit seinem Streben, Nordkorea eine Atommacht werden zu lassen, und er herrscht diktatorisch über sein Land; aber sein Volk sieht sich von allen Ländern ausgegrenzt und liebt ihn deshalb wie einen schützenden, wenn auch strengen Vater. Sogar die Verteufelung Hitlers läuft Gefahr, die Wirklichkeit zu verzerren: Es brauchte zu seinem Erfolg damals Abertausende von Deutschen, die ihn wählten und unterstützten. Und was Trump betrifft – wollen Sie es selber einmal versuchen?

Der böse Nachbar

Natürlich gibt es Feindbilder auch in unserm privaten Kreis. Wenn mein Nachbar mich regelmässig mit seinem Laub-Blas-Monstrum ärgert, verliere ich jedes Mass und entwickle Hass.

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Es gibt da die wunderbare Geschichte von Paul Watzlawick: Ein Mann braucht einen Hammer. Er malt sich aus, wie er ihn vom Nachbarn borgen will und dieser ihn vielleicht abweist. Er steigert sich immer mehr in seine Befürchtung hinein, bis er zum Nachbarn geht und ihn anschreit: «Behalten Sie doch Ihren Hammer!» Im Ärger sind wir versucht, den «Bösen» immer böser zu machen.  Und es geht vergessen, dass er vielleicht in einer schwierigen Situation lebt und auch nur handelt, so gut er eben kann.

Feindbilder sind konflikttreibend

Immer wieder versuche ich, Feindbilder zu hinterfragen. Meist versteht man das so, dass ich diese Leute von ihren Fehlern freisprechen will. Es geht mir aber nicht im Geringsten darum, diese Leute loszusprechen oder gar zu entschuldigen. Zum Teil verüben sie völlig Unentschuldbares.
Doch ich verweigere mich der Einseitigkeit, der Manipulation durch die Kriegspropaganda, der Verführung durch eine allgemein verbreitete Meinung. Ich will die Nachrichten kritisch verfolgen, ich will die Ereignisse in ihrem Kontext sehen, ich will ein integrales, differenziertes Bild einer Person, einer Situation entwickeln. Jedes Feindbild ist konflikttreibend und Zeichen menschlicher Unreife.

Werner Kaiser über Feindbilder. – Bild: Jana Daepp
Werner Kaiser über Feindbilder. – Bild: Jana Daepp

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Falsche Wahrheit – ein Beitrag von Elias Rüegsegger

Wandelbare Feindbilder – ein Beitrag von Livia Thurian


Schwerpunkt «Tabu»

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Manche Tabus müssen gebrochen werden, andere brauchen wir dringend. Lasst uns reden! Welche hindern? welche helfen? Der Schwerpunkt von «und».