Herzensprojekt: Gemüse anbauen

Herzensprojekt: Gemüse anbauen

Cecilia und Quentin leben ihr Herzensprojekt auf einem solidarischen Landwirtschaftsbetrieb in Steffisburg. Gemeinsam produzieren sie Gemüse nach Bio- und Demeter-Richtlinien.

Bus-Endstation «Alte Bernstrasse» Steffisburg. Voller Spannung, was uns erwartet, bahnen wir uns einen Weg an den Wohnhäusern vorbei Richtung Solawi, einem solidarischen Landwirtschaftsbetrieb. Zu dritt von der UND-Redaktion haben wir heute eine Führung mit Quentin und Cecilia, die die ehemalige Baumschule seit 2021 gepachtet haben.

Cecilia und Quentin haben ihren Traum verwirklicht, Gemüse einfach, ökologisch und gut nach Bio- und Demeter-Richtlinien zu produzieren. Ihr Projekt solidarische Landwirtschaft ist in den letzten Jahren stetig gewachsen.

Als Projektgründer leiten sie gemeinsam den Gemüseanbau auf einer Fläche von 4.5 Hektaren Land, haben neun Tunnels (Treibhäuser) und halten rund ein Dutzend Schafe. Zusammen mit ihren Lernenden und Mitarbeitenden bieten sie 90 verschiedene Gemüsesorten an. Cecilia und Quentin stehen schon voll im Einsatz, als wir ankommen, und begrüssen uns herzlich. Mittelpunkt des Betriebs ist eine Holzscheune, die als Arbeits-, Kühl- und Lagerraum dient. Hier werden Geräte und Traktoren gelagert und auch die Gemüsetaschen abgepackt. Eine weitere Parzelle von Solawi befindet sich im Erlengut in Steffisburg.

Kreislaufwirtschaft und Wetterfaktoren

In den Gartenhäusern sind im Moment vorallem Wintersalate und Gemüse wie Nüsslisalat oder Lauch zu finden.
Bild: Monika Hirschmann

Unser Rundgang startet mit einem Einblick in die verschiedenen Treibhäuser. Eine Lernende ist gerade mit der Setzlings-Produktion beschäftigt; diese werden auch für die Gartenbauschule in Hünibach produziert.

Eine Pflanze fasziniert uns auf unserem Rundgang besonders, da sie im letzten Produktionsschritt in absoluter Dunkelheit wächst. Cecilia öffnet die Tür zum Treibraum, zieht einen Chicorée heraus und erklärt uns umfassend die Produktionsschritte. Wir sind beeindruckt, welch langen Weg der Chicorée durchläuft, bis er bei uns auf dem Teller landet.

Der lange Weg des Chicorées

Chicorée liebt Dunkelheit und ist aufwendig in der Produktion. Es braucht einige Anbau-Schritte, bis er geerntet werden kann. Ende April bis Ende Mai werden die Samen mit einer Sämaschine ins vorbereitete Beet auf dem Feld ausgesät. Nach 3 bis 4 Wochen spriessen grüne Blättchen, die aussehen wie Löwenzahn. Die Keimlinge werden wie Karotten ausgedünnt und gejätet.

Im Verlauf des Sommers erreichen die löwenzahnartigen, dunkelgrünen Blätter eine Höhe von zirka 40 Zentimeter.

Im Oktober werden die 20-30 cm langen, bräunlichen Wurzeln mit einem Karottenroder gelockert und von den Solawi-Mitarbeitenden eingesammelt. Die Blätter werden auf 2 Zentimeter abgeschnitten und lagern einige Wochen bis Monate in Paloxen (Holzkisten) im dunkeln Kühlraum.

Zwischen Dezember und Januar werden die Wurzeln nachgerüstet und auf zirka 20 Zentimeter gekürzt. Dann werden sie dicht nebeneinander in Treiberei-Tische gestellt, so dass sie 1-2 Zentimeter tief in Wasser oder nassem Sand stehen. Bei warmen Temperaturen (zirka 15°C) wachsen während 3-4 Wochen gelbe Köpfe heran. Dies muss komplett im Dunkeln geschehen, da die Blätter bei Licht grün und bitter würden.

Ist der Chicorée erntereif, werden die weiss-gelben Köpfe abgeschnitten. Die Wurzeln werden kompostiert und gelangen als Komposterde schliesslich wieder auf die Felder.

Treibzeit bei uns: Januar bis Februar (theoretisch das ganze Jahr über möglich). Erntezeit bei uns: Februar bis März (theoretisch das ganze Jahr über möglich).

Es ist wahnsinnig spannend, wer alles hierherkommt und was sie in ihrem leben machen.

Cecilia

Weiter geht es zu den Schafen, die uns bereits neugierig beäugen. Bald ist Lämmerzeit und Cecilia, die für die Tierhaltung zuständig ist, wird auch bei den Geburten mithelfen, falls notwendig. Die Schafe, die heute im Stall stehen, weiden auf der Landwirtschaftsfläche und sind ein wichtiger Bestandteil für die Kreislaufwirtschaft. Der Dünger für das Feld besteht aus ihrem Mist, Rüstabfällen und Gemüseresten, die auf dem Feld liegen bleiben. Diese werden mit dem Traktor gehäckselt. Ein kleiner Teil an Dünger wird dazugekauft und untergemischt.

Schafe auf dem Solawi-Betrieb: Sie liefern Mist für den Kompost und sind teil der Kreislaufwirtschaft auf dem Hof.
Bild: Monika Hirschmann

Die Planung des Bio-Anbaus mit einer durchdachten Fruchtfolge und Kompostwirtschaft ist bei 90 Gemüsesorten anspruchsvoll. Früher wurden die Pläne noch aufgezeichnet; inzwischen erfolgt die Planung mit einer Excell-Liste. Die Planung hilft, doch das Wetter bestimmt, wie die Ernte ausfällt. Der Hagel beschert Cecilia und Quentin oft schlaflose Nächte. Gegen Frost kann etwas getan werden. Die Kulturen können mit Vlies abgedeckt werden. Gegen die Trockenheit gibt es ein Bewässerungssystem. Doch der Hagel trifft den Betrieb besonders, auch weil eine Hagelversicherung zu teuer wäre. «Es ist für uns ein schwieriger Gedanke, dass die Abonennt:innen für Ernteausfälle haften sollen», sagt Cecilia. So haben die beiden bei grösseren Ausfällen auch schon Gemüse dazugekauft, um den Abonnent:innen trotzdem eine volle Gemüsetasche bieten zu können.

Die Abonent:innen arbeiten auf dem Betrieb mit

Bei der Solidarischen Landwirtschaft wird die Produktion von den Mitgliedern mitgetragen. Denn: «Das Projekt gewinnt mit der Mitarbeit der Abonnent:innen an Identität», sagt Quentin. «Sonst wären wir ein reguläres Gemüseabo und keine solidarische Landwirtschaft.»

Gemüsetaschen zur Abholung bereit: Abonnent:innen holen ihr saisonales Gemüse wöchentlich an verschiedenen Depots ab.
Bild: Monika Hirschmann

Bei den Abonnent:innen, die die Gemüsetasche ohne eigene Mitarbeit abonniert haben, sei die Fluktuation grösser, bemerkt Quentin.

«Mit der Mitarbeit der Abonennt:innen wird das Projekt überhaupt erst solidarisch.

Quentin

Es gibt drei verschiedene Abos, die sich in der Grösse unterscheiden und auch die Mitarbeit definieren. In einem Schichtplan, der online aufgeschaltet ist, tragen sich die Abonnent:innen für 2-4 Halbtage pro Jahr ein. Orto loco, eine solidarische Landwirtschaft in Zürich, stellt den Solawis diese Plattform zur Verfügung. Sie eignet sich gut für die Einsatzplanung, Rechnungsstellung sowie Logistik der Gemüsetaschen. Jeden Donnerstag und Freitagmorgen sind die eingeschriebenen Helfer:innen dann beim Ernten, Rüsten und Abpacken der Gemüsetaschen im Einsatz. Ab Freitagmittag stehen die Gemüsetaschen in verschiedenen Depos, die frei zugänglich sind, zum Abholen bereit. Wenn ein spezielles Gemüse in der Tasche ist, zum Beispiel Cardy, bei dem noch Stacheln vorhanden sein könnten, wird per Mail über die Handhabung informiert. Im Übrigen sind diverse Kochrezepte auf der Website abrufbar. Für die Sonderaktionen wie Jäten oder Ernten werden mehr Leute gebraucht. Dafür gibt es einen allgemeinen Aufruf per Mail.

Während des Arbeitseinsatzes tauschen sich die Helfer:innen ganz ungezwungen aus. Es gibt auch Gelegenheit Cecilia, Quentin und ihren Mitarbeitenden Fragen zu stellen, Anliegen anzubringen und Einblick in die Saisonarbeit zu nehmen. Direkt und unkompliziert. So baut sich gegenseitiges Verständnis und Vertrauen auf. Und einmal im Jahr laden Cecilia und Quentin zu einem Fest ein.

Cecilia sagt: «Die meisten Abonnent:innen arbeiten gerne mit. Es ist wahnsinnig spannend, wer alles hierherkommt und was sie in ihrem Leben machen. Es ist bereichernd mit ihnen zu arbeiten und eine gute Zeit zu verbringen!»

Die Kundschaft ist altersdurchmischt. Der Grossteil sind Menschen, die mitten im Leben stehen.

Aus frischem Gemüse wird mehr: Paprika zeigt, wie vielseitig die Ernte der Solawi weiterverarbeitet werden kann.
Bild: Monika Hirschmann

Seit 5 Jahren hat Solawi gleichbleibende Abozahlen. Und dies ohne Werbung zu machen. Auch während und nach Corona blieben die Abos konstant. Es gab keinen Aufschwung, aber auch keinen Einbruch.

«Wir haben nicht nur Abonnent:innen, die bei uns mitmachen, weil sie ausschliesslich Bio einkaufen wollen, sondern auch, weil sie hier in der Region leben. Es braucht mehr Commitment, wenn du eine Saison mitmachst … unser Abonnent will dies», stellt Cecilia fest. Die Zahl der Abos liegt mittlerweile bei 200. Cecilia und Quentin weisen darauf hin, dass 220 Abos logistisch möglich wären und sie sich darüber freuen würden.

Wie das Herzensprojekt begann

Cecilia und Quentin lernten sich im Schadaugarten in Thun kennen. Beide hatten die Vision, biologisches Gemüse anzubauen. Quentin hat eine Zweitausbildung im Garten- und Landschaftsbau in Hünibach absolviert und während eines Zivildiensteinsatzes im Gemüseanbau wertvolle Erfahrungen gesammelt. Er wollte Gemüse produzieren. Danach ist er auf das Erlengut gestossen, wo alles begann. Cecilia hat als Jugendliche auf dem Bio-Märit gearbeitet. Sie hatte auch über eine landwirtschaftliche Lehre nachgedacht, doch auf einem Hof zu wohnen, konnte sie sich nicht vorstellen. Sie hat dann ein Studium als Umweltingenieurin und im Biolandbau in Wädenswil begonnen. Bei einem Feldeinsatz hat sie das Orto Loco Konzept (Solawi) von Zürich kennengelernt. In ihrer Bachelorarbeit hat sie über den Aufbau von Solawi geschrieben und damals schon daran geglaubt, dass es funktionieren kann. Das erste Jahr vertrieben sie das Gemüse auf dem Märit und produzierten für einen Ökoladen. Cecilia hat dann Quentin vorgeschlagen, mit dem Projekt Solawi zu starten. Quentin zweifelte zuerst am Interesse der Leute an einer Mitarbeit.

Hofgelände der Solawi Steffisburg: Ausgangspunkt für solidarische Landwirtschaft und gemeinsames Engagement.
Bild: Monika Hirschmann

Doch bereits im Februar 2018 – nach dem Start mit einem einfachen Flyer – waren es 20 Gemüsetaschen. In den nachfolgenden drei Jahren kamen alle 6 Monate 20 Gemüsetaschen dazu, so dass Cecilia und Quentin sich entschieden, den Märit und die Produktion für den Ökoladen aufzugeben und sich ganz auf Solawi zu fokussieren. 2021 machte sie ein Abonnent auf das Grundstück der Baumschule in Steffisburg aufmerksam. Das Darlehen von acht Mitgliedern ermöglichte ihnen den Start. Sie bauten 2023 die Scheune dazu und konnten von Bauern aus dem Seeland alte Tunnel sowie Maschinen und andere Gerätschaften günstig erwerben, die heute ihre Arbeit erleichtern. Mit Hilfe eines Nachbaren, der Schreiner ist, wurde der Hof weiter ausgebaut.

Der Traum lebt

Salat, Fenchel und Kohlräbli ernten, Tomaten aufbinden oder die Arbeit mit den Schafen sind die Lieblingsarbeiten von Cecilia. Vieles hängt vom Wetter ab, ob eine Arbeit Spass macht oder nicht. Quentin hingegen ist froh, wenn der Jahresabschluss fertig, der Tunnel gebaut, mit dem Traktor alles gehackt ist. Rückblickend würden sie alles wieder so machen, ausser vielleicht zuerst auf Reisen gehen, 5 Jahre etwas anderes machen, bevor sie Kinder haben und einen Hof bewirtschaften.

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