Sportliche Freude am Endspurt

Sportliche Freude am Endspurt

Was tun mit der Zeit, die noch bleibt. UND-Autor Andreas Anderegg diskutiert genau das im Generationentandem.


Bild: Herbert Schweizer
Sarah Hämmerli und Andreas Anderegg sprechen über die Zukunft.
Zwei Kolumnen über die Zukunft

«Planung ersetzt den Zufall durch den Irrtum» Das soll Winston Churchill gesagt haben. Trotzdem haben Sarah (22) und Andreas (73) ihre Zukunftsgedanken ausgetauscht und daraus je eine Kolumne über ihre Lebensziele für die nächsten 10 Jahre geschrieben. Zum Text von Sarah Hämmerli.


Die Perspektive – meine letzte?
Wenn ich Glück habe, werde ich laut Lebenserwartungsstatistik die nächsten zehn Jahre gerade noch erleben. Ich werde dann 83 und unser (bisher) einziges Grosskind Vivienne 12 Jahre alt sein. Als sie vor zwei Jahren ankam, erhielten mein Leben und meine Vergänglichkeit einen ganz neuen Sinn. Das Lebensglück kommt aus dem Lebenssinn und der Lebenssinn aus guten Beziehungen. Ich empfand es geradezu körperlich.

«Ich will mich befreien.» Andreas Anderegg über seine Zukunft.
«Ich will mich befreien.» Andreas Anderegg über seine Zukunft.

Planen heisst sich entscheiden. Mit jedem Entscheid schliesse ich die Menge anderer Entscheidungsmöglichkeiten aus. Manchmal hat bei mir der Zufall entschieden: Weil ich farbenblind bin, konnte ich nicht Pilot werden – ein genetischer Zufall. Aber manchmal habe ich ganz bewusst entschieden: Nach einigen Lehrerjahren wurde ich Journalist und nicht Verlagslektor oder Apotheker oder Pfarrer (was damals alles auch noch zur Diskussion stand).
Entscheidend waren – wie ich in der Rückschau sehe – mein Erlebnishunger, die Abenteuerlust, die Ungeduld und… die Faulheit. Ich plane schlecht, aber ich improvisiere gut. Ein anspruchsvoller Beruf, bei dem man am Morgen noch nicht weiss, was der Mittag bringt, das war damals nach meinem Geschmack. Das war Arbeitsplanung aus dem Stand
Heute werden die Entscheidungsmöglichkeiten durch den Zeithorizont, die eher knappe Rente und die abnehmende körperliche Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Einen verbindlichen Zehnjahresplan zu machen wäre für mich vermessen. Ich bevorzuge rollende Planung.

Was will ich und was tue ich? Ich will ein intensives und lebensfrohes Jahrzehnt. Ich will das, was mich daran hindert, verändern. In dieser Hinsicht habe ich zu lernen. Ich packe Kurse an und bleibe unterwegs. Ich will mutig und bewusst das tun, was ich für sinnvoll halte und was mich freut. Und dankbar anerkennen, dass ich das kann und dass man mich lässt. Ich will meinen Humor behalten.
Ich will ein grösseres Projekt durchziehen: Vielleicht die Renovation oder den Verkauf des Ferienhauses.

Bild: Herbert Schweizer
«Ich will mir Zeit nehmen.»

Wie will ich leichter werden? Ich will mich befreien von den Büchern, Apparaten und andern Dingen, die ich Jahrzehnte lang nicht mehr benutzt habe.
Ich will austreten aus Vereinen und Verbänden, denen ich mich nicht mehr zugehörig fühle und nur aus Trägheit noch die Mitgliederbeiträge bezahle. Ich will aufhören, an meinem Gesundheitszustand und der körperlichen Leistungsfähigkeit herumzumäkeln. Da ist alles im normalen Bereich. Dafür bin ich dankbar.

Mit wem? Ich will mir für meine Beziehungen Zeit nehmen und sie priorisieren (1. Frau, 2. Familie und Verwandte, 3. Freunde, 4. Bekannte). Ich will ein guter Grossvater sein so, wie unsere Enkelin mich braucht. Ich will die Kontakte geplant pflegen (anrufen, Briefe schreiben, hinschauen, hingehen und zusammen etwas unternehmen). Ich will alles, was lebt, wohlmeinend wahrnehmen und pflegen: im Haus, im Garten und in der Umgebung.

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