Tod als Lebensbegleiter 

Tod als Lebensbegleiter 

Leben, planen, geniessen und dabei ständig den Tod vor Augen? Oft bewirkt erst der Verlust eines lieben Menschen, dass man sich näher mit dem eigenen Ende befasst. Anna und Heidi erlebten dies so. Ihr Generationengespräch im Offenen Höchhus wurde beinahe zu einem Café des Philosophes.

Denken unterschiedliche Generationen auch unterschiedlich über den Tod? Anna Zimmermann (17) und Heidi Bühler (70) wollen dies rausfinden und treffen sich zum Brainstormen:

Todesrausch, Todessehnsucht, Todesangst, Todesengel, Todsünde, Todeskampf, Todesschuss, Todesstrafe.Oder umgekehrte Wortzusammensetzung: Hungertod, Herztod, Hirntod, Sekundentod, Freitod. 

Ein Riesenspektrum tut sich auf.
Bild: Pixabay

Ein Riesenspektrum tut sich auf. Worauf haben wir uns da eingelassen? Wir müssen eingrenzen und befassen uns einen Nachmittag lang mit den folgenden drei Fragen: 

Ist der Tod immer das Letzte? 

Heidi: Tut ein Mensch seinen letzten Atemzug, dann ist das für mich wirklich das Letzte, das ich mit ihm gemeinsam erlebe. Erinnerungen oder auch Sehnsucht kommen danach einseitig aus meinem Inneren. Doch auch dies bewegt oder verändert mich und führt mich im besten Fall zu einer neuen Lebenshaltung. 
Passt «das Letzte», salopp für richtig schlecht, im Zusammenhang mit Tod? Vielleicht, wenn er unvermittelt eintritt und einen Lebensplan durcheinanderbringt? Vielleicht nicht, wenn eine letzte Krankheit qualvoll ist?

Anna: Wir alle wissen, dass der letzte Tag kommen wird, das Ende unseres Daseins auf dieser Erde. Ist dann wirklich endgültig Schluss? Ich denke nicht. Zumindest nicht, dass das Sterben eines Menschen ins Nichts führt. Für mich ist das Lebensende eine Schwelle zwischen dem, was war, und dem, was kommen wird. Dieser Übergang kann friedlich und ruhig passieren, vielleicht erlöst er sogar von Leid und Schmerz. Um den Tod nicht als Instanz, die unser Leben raubt und uns Grausames zufügt, anzusehen, müssen wir einer Existenz nach dem irdischen Bestehen eine Chance geben. Diese Vorstellung übersteigt zwar die Fähigkeit des menschlichen Verstands, aber rationale Erklärungen sind nicht immer nötig…

Zwei Generationen, zwei Ansichten: Heidi Bühler und Anna Zimmermann.
Bild: Leandro Römer

Der Tod: allgegenwärtig und dennoch tabuisiert?

Anna: Lieber zu schweigen, als über etwas zu reden, was belastend ist. Diese Devise trifft definitiv auf das Thema Tod zu. Die Angst vor der Ungewissheit ist so gross, dass der Mensch verdrängt, dass er sich seiner Endlichkeit nicht entziehen kann. Warum sich jetzt schon um die Zukunft sorgen? Besser wird es einem danach nicht gehen und dem Tod ausweichen kann sowieso niemand. Einfach so leben, als würde alles bleiben, wie es ist. Auch ich würde mir manchmal wünschen, Veränderungen verhindern zu können. Aber was geschieht, wenn alle so denken? Wer soll dann, bevor es zu spät ist, den Mut und die Kraft aufbringen, das Tabu zu brechen und den Tod zu thematisieren? 

Heidi: Tot, Aus, Ende. Nichts mehr zu ändern, zu verbessern, erreichen? Bloss nicht, wir sind noch nicht mit allem und mit allen im Reinen! Also bloss nicht an den Tod denken oder gar darüber sprechen, sonst kriegen wir die Krise. Höchstens kurz hinsehen und vielleicht Testament und Patientenverfügung schreiben. Beide Dokumente können weitergegeben oder weggeschlossen das Gefühl vermitteln, sich zumindest einige Gedanken gemacht zu haben. Dabei wäre der Tod wohl ein verlässlicher Begleiter für ein gutes, eigenverantwortliches Leben. Er sollte nicht dermassen ausgegrenzt werden.

Tabu Tod: Lieber schweigen, als darüber reden.
Bild: Manuel Meister

Gibt es einen gerechten Tod?

Heidi: Wer bestimmt, was recht oder unrecht, richtig oder falsch, sinnvoll oder sinnlos ist? Solche Regeln entstehen immer aus einem kulturellen Kontext. Den mögen die einen gerecht, die anderen ungerecht finden. Das einzig Gerechte am Tod ist für mich: Der Tod trifft jeden, ungeachtet von Herkunft, Vermögen, Alter. 

Anna: Schicksalsschläge reissen junge Menschen in den Tod, unschuldige Zivilisten sterben im Krieg – furchtbar ungerecht, oder? Natürlich widersprechen solche Situationen meiner Vorstellung eines natürlichen Prozesses, der nach einem langen und erfüllten Leben folgt. Andererseits will ich mich nicht damit zufriedengeben, dass das Schicksal der Feind des Menschen ist, der nur noch mehr Ungerechtigkeit in diese Welt setzt, als ohnehin schon herrscht. Weil niemand von uns, und das ist dann wieder gerecht, über die Macht verfügt, zu wissen, wann unser letztes Stündlein schlägt, und wir keine andere Wahl haben, als uns dem Schicksal zu stellen, bleibt mir einzig die Hoffnung, dass irgendeinmal nach dem Tod die Gerechtigkeit obsiegen und über allen Widrigkeiten stehen wird. 

Recht oder Unrecht?
Bild: Pixabay

Ganz egal, wer wir sind, ob wir materielle Güter angehäuft oder die halbe Welt bereist haben, ob jung oder alt – der Tod macht vor niemandem Halt. Er ist inmitten des Lebens, Tag für Tag. Wir sollten ihn auch als solchen «Lebensbegleiter» betrachten, anstatt ihn totzuschweigen. Diese paar Zeilen sind kleine Schrittchen in diese Richtung, die hoffentlich zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Zwar trennen Anna und Heidi zwei Generationen und doch tut sich beim Nachdenken über den Tod kein Generationengraben auf. Wenn man sich mit dem Tod befasst, ihn enttabuisiert, insbesondere als junger Mensch, wird man sich die Frage stellen, was wirklich zählt im Leben. Ich kann mich nämlich nur auf das Wesentliche konzentrieren, wenn ich mir bewusst bin, dass das Jetzt zählt und morgen vielleicht schon alles anders ist. Denn niemand weiss, wann der letzte Tag anbricht. 

Lebensbaum als Hoffnungsträger.
Bild: Pixabay

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