Überleben ist Glückssache

Überleben ist Glückssache

Der junge Flüchtling Yama verlässt seine Familie und seine Heimat, um irgendwo ein besseres Leben zu finden. Beinahe kostet ihn diese Flucht das Leben. Eine Geschichte übers Kreuz.


Er versuchte aufzuatmen, doch die verstaubte Luft blieb ihm in seinem trockenen Hals stecken und Yama musste kräftig husten. Jedes Mal befürchtete er, Blut husten zu müssen. Seit Stunden, nein seit Tagen hatte er kein Licht mehr gesehen. Die anderen dreissig Männer, welche ebenfalls in den geschlossenen Lastwagen gestiegen waren, waren zum Teil zusammengebrochen. Einer hatte bereits sein Leben gelassen und alles, was man gemacht hatte, war, ihn zu packen und aus dem fahrenden Truck zu werfen. Es schien, als habe einen die Menschlichkeit vollkommen verlassen und jeder kämpfe nur für sich und um sein Überleben. Es war kaum auszuhalten, der Sauerstoff wurde immer knapper und Yama hoffte, bald am Zielort anzukommen. Er dachte viel an seine Familie, die er Hals über Kopf hatte verlassen müssen. Immer wieder sah er das lachende Gesicht seiner Schwester vor sich. Wie schön es doch gewesen wäre, hätte sie auch hier sein können. Er hatte bereits an seinen Tod gedacht und das Einzige, was ihn noch wach hielt, war seine Vorfreude, die Freude auf ein neues, besseres Leben.

Es schien, als habe einen die Menschlichkeit vollkommen verlassen und jeder kämpfe nur für sich und um sein Überleben.

Lange hatte er nicht zur Schule gehen können, denn kurz nach seinem Eintritt war sie geschlossen worden. Viele hatten Angst, dass die Schule zu einem Ziel für Terroristen werden könnte. Yama wusste nicht, was ihn in seiner neuen Welt erwarten würde. Vorerst müsste er sicher für die Schlepper arbeiten, da er zu wenig Geld hatte, um sie bar bezahlen zu können. Trotz der Enge und all den aufgebrachten Männern um Yama, verspürte er plötzlich eine unendliche Müdigkeit. Es war wohl auch der Mangel an Sauerstoff, der ihn immer schwächer werden liess. Er hörte noch die Stimme des Fahrers, doch dann ging es nur einen Augenblick und er war in Ohnmacht gefallen.

 

Ein Glücksengel auf dem Motorrad

ab hier erzählt Jürg Krebs (71) weiter
Als Yama erwachte, lag er im feuchten Sand unter einem Busch. Es war Nacht. Er versuchte sich aufzurichten, aber ein stechender Schmerz in der Brust streckte ihn sofort wieder nieder. «Haben sie mich misshandelt und dann hierhin geworfen, weil ich ohnmächtig war? Wo bin ich? Wie kann ich überleben?» Viele Fragen und keine Antworten. Er versuchte, sich auf die Seite zu drehen und stöhnte. Da sagte eine Frauenstimme: «You are alive!» Er erschrak, verstand die Wort halb und war sofort froh, nicht ganz allein zu sein. Sie versuchte ihm zu sagen, dass die anderen Jünglinge zu Fuss über eine schlecht bewachte Grenzregion geführt worden seien und sie gesehen habe, wie man ihn hierhin geworfen habe. Sie flösste ihm Wasser mit einem starken Schmerzmittel ein und stelle sich als «freiwillige Helferin» vor.

Wohin führt Yamas einsame Reise? – Bild: Wikimedia Commons

Am frühen Morgen kam ein bärtiger Mann mit einem uralten Militärjeep und führte ihn in ein Feldlazarett. Wegen drei gebrochener Rippen müsse er sechs Wochen hier bleiben, verordnete der Arzt. Yama lernte etwas Englisch dazu und half in der Küche mit, so gut er konnte. Die Helferin brachte jeden Tag neue Patienten. Yama verliebte sich in seinen Rettungsengel, der auf einer alten Yamaha herumfuhr. Sie reagierte nicht auf seine sehnsüchtigen Blicke. Auf seine tägliche Frage, was mit ihm passieren werde, antwortete sie monoton: «Du wirst weiterreisen.» Ende der sechsten Woche sagte sie schmunzelnd zu ihm: «Ich habe die Heiratsurkunde erhalten. Wenn du willst, kannst du mit mir nach Schottland reisen.» Yama: «Dann heiraten wir?» Sie: «Ich heisse Jenny. Wir sind zum Schein verheiratet, damit du einreisen kannst.» Er: «Oh, wie schade!» Sie: «Die Reise auf dem Motorrad wird hart werden. Mal sehen, ob du es aushältst!» Auf üblen Pisten und Schotterstrassen musste er sich gut festhalten, hatte aber keine Angst, denn er vertraute ihr. Mit Geld und Charme stimmte sie die Grenzpolizisten gnädig, so dass sie rechtzeitig in Istanbul eintrafen. An Bord eines Frachtschiffes, das sie nach Schottland bringen sollte, wurde Yama seekrank; er hielt sich aber tapfer.

«Wir sind zum Schein verheiratet, damit du einreisen kannst.»

Im nördlichen Land fror Yama ständig und fand vieles seltsam und unverständlich. Er besuchte Kurse für Immigranten und fand dort Landsleute. In den Nächten hatte er oft Alpträume. Er wollte möglichst bald wieder nach Hause, doch seine Schwester schrieb ihm, in ihrer Stadt sei es noch schlimmer geworden. Jenny blieb freundlich, aber zurückhaltend. Sie nagte noch an einer bösen Erfahrung mit einem andern jungen Syrer. Die Heiratsurkunde war gefälscht gewesen und dann verbrannt. Manchmal hatte Yama ein schlechtes Gewissen, weil er gerettet worden war und Tausende andere nicht. Zu überleben war wohl Glückssache.


In der Rubrik «Geschichten übers Kreuz» beginnt ein Tandem zwei Geschichten, die es dann unter sich austauscht und zu Ende schreibt.

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