Unser aller Loch

Unser aller Loch

Das Loch im Berg ist in diesen Tagen unser ganzer Stolz. Der Tunnel ist auch ein Symbol für die Verbindung zwischen Menschen – gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise.

Die Kolumnen von Jung und Alt. Hier berichten abwechslungsweise die UND-AutorInnen Jürg Krebs, Livia Thurian, Heinz Gfeller und Elias Rüegsegger.

Dieser Tage schauen alle in die Röhre und erfreuen sich eines riesigen Lochs durch einen grossen Berg. Ein Loch, ein Durchgang durch den Berg. Eine Verbindung zwischen Norden und Süden. Ein Tunnel, der nicht nur Tunnel ist.

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Mehr als nur ein Tunnel. – Bild: Gottardo2016/zvg

Ein Blick in die Medien zeigt: Wir dürfen wohl stolz sein. Oder müssen wir sogar? Nachrichtensprecher betonen das «Wir». Sondersendungen flimmern über die Schirme. Apps und multimediale Zugfahrten bringen jeden durch den Berg. Und der ehemalige Bundesrat Adolf Ogi, als Vater der NEAT (Neue Eisenbahn-Alpentransversale) gefeiert, schwärmt am Vorabend der Eröffnung in der SRF-Sendung 10 vor 10 von einem «Quantensprung». Er selber habe gekämpft wie ein Löwe und viel Überzeugungsarbeit leisten müssen – damit die 24 Milliarden Franken teure NEAT realisiert werden konnte

Und auch aus dem Ausland wird der Schweiz für das Jahrhundertwerk Respekt gezollt. Sogar die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt und feiert. «Wir» zeigen, «wir» können’s auch allein – nicht mit, doch für Europa.

17 Jahr Bauzeit, 57 Kilommeter – Weltrekord!

Zweifelsohne ein eindrückliches Werk. 17 Jahre Bauzeit, 57 Kilometer Tunnel – ein Weltrekord.

Es scheint fast so, als ob jede und jeder von uns selber im Berg geschuftet hätte. Sich im Tunnel gefährdet haben aber oft nicht die Schweizer. 9 Menschen sind beim Bau des Tunnels zwischen 2002 und 2009 gestorben. Keiner von ihnen war ein Schweizer.

Bild: Gottardo2016/zvg
Es scheint so, als ob jeder von uns im Berg geschuftet hätte. – Bild: Gottardo2016/zvg

Ein Tunnel durch den Berg hat auch symbolischen Wert. Nord und Süd rücken näher zusammen.

Hoffen auf ein Weich-werden

Paradox: Während Europa sich gegenüber Menschen auf der Flucht abschottet und ohnmächtig apathisch die Toten im Mittelmeer registriert, feiern wir die schnelle und direkte Verbindung mitten in Europa. Während an Europas Aussengrenzen Zäune hochgezogen werden, bezwingen wir den Berg, bezwingen wir eine natürliche Grenze. Während der grosse Berg mitten in Europa weich wird, scheint das Herz Europas hart wie Stein.

Genau so eine Verbindung zwischen Nord und Süd ist zurzeit für viele Menschen eine Utopie. Eine Verbindung zwischen Reich und Arm, zwischen Menschen in Sicherheit und Menschen in Gefahr.

Wir feiern einen Tunnel, der mehr als ein Tunnel ist. Auch das versteinerte Europa muss im Angesicht der Menschen auf der Flucht weich werden.

Bild: Jana Daepp
Elias Rüegsegger. Bild: Jana Daepp

Kolumnen

Die Kolumnen von Jung und Alt. Hier berichten abwechslungsweise die UND-AutorInnen Jürg Krebs, Livia Thurian, Heinz Gfeller und Elias Rüegsegger.

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