Von Tieren und Menschen

Von Tieren und Menschen

Dieses Frühjahr zeigte die Kunsthalle Bern das kraftvolle und gleichzeitig verletzliche Werk der jung verstorbenen Bildhauerin Lin May Saeed (1973–2023). Die Künstlerin thematisiert mit ihren Werken Fragen der Ethik und Ökologie und stellt visionär eine solidarische Mensch-Tier-Beziehung in Aussicht. Während Lins irakische Wurzeln väterlicherseits hervorgehoben werden, erfährt man nichts über das deutsch-jüdische Erbe von Seiten der Mutter.

Ameisenbär aus Styropor, ausgestellt auf eigenem Transportbehälter.
Bild: Eve Stockhammer

Lin May Saeed erzählt in ihren Werken Geschichten von einer friedlichen Koexistenz zwischen Mensch und Tier. Sie hat eine Bildsprache erschaffen ohne Gewaltdarstellung, einen ethischen Kosmos, der jegliche Hierarchie zwischen menschlichen und tierischen Lebewesen verschwinden lässt. Das Tier in ihren Werken erscheint selbstbewusst und befreit und wird bewusst nicht als Opfer dargestellt. Neben Bildern, Scherenschnitten und Tier-Skulpturen erschuf die Künstlerin szenisch angeordnete Styropor-Reliefs sowie grossformatige Installationen mit Anspielungen auf historische, mythologische und religiöse Erzählungen.

Befreiung aus den Käfigen

Liberation III, bemaltes Styropor, 2008.
Bild: Eve Stockhammer

Die Künstlerin, die sich auch als Tierrechtsaktivistin engagierte, schuf die Werkserie «The Liberation of Animals from their Cages». Im Relief «Liberation III» wird nicht der Befreiungsvorgang an sich dargestellt, sondern die Zeit danach, ein Fest von Tieren und Menschen in friedlicher Koexistenz. Die Philosophie der Künstlerin zeigt keine nostalgische Verklärung, kein Zurück zur Natur. Ihre Message ist im Gegenteil eine Projektion nach vorne, eine Zukunftsvision, in der nach der Befreiung eine friedliche Co-Existenz wieder möglich sein soll.

Ambivalenz Styropor

Lin arbeitete mit verschiedenen Materialien wie Papier, Bronze, Stahl und Styropor. Das leichte Styropor, das ihr ein unabhängiges Arbeiten ohne schwere Gerätschaften ermöglicht hat, war ihr

bevorzugter Werkstoff. Sie fand ihn als Abfallprodukt auf Baustellen. Die Tatsache, dass Styropor auch ein Stoff ist, der aus einem erdölbasierten, nicht biologisch abbaubaren Material besteht, hat die Künstlerin bewusst als Hinweis auf die Zerstörungskraft des Menschen verwendet: Klassische Bildhauermaterialien wie Holz und Marmor verfallen, während Styropor als ewiger Müll in der Umwelt bleibt. Lin hat es als Abfallprodukt gesammelt und – im Sinne eines kreativen Recyclings– in ein Kunstwerk verwandelt.

Kaninchen und Schuppentiere

Pangolin, Kohle auf braunem Papier, 2021.
Bild: Eve Stockhammer

Mit dem Kohle-Bild «Pangolin» von 2021 kommt das Engagement der Künstlerin für die Tierbefreiung sehr deutlich zum Ausdruck. Ein Schuppentier, und damit eine der meist betroffenen Säugetierarten für Schmuggelware, wird auf der Zeichnung liebevoll befreit. Obschon der kommerzielle Handel damit seit 2017 komplett verboten wurde, blüht das kriminelle Geschäft weiterhin in Asien und Afrika, insbesondere an Orten, die sich Kontrollmöglichkeiten entziehen. Tonnenweise Keratinschuppen werden zur Herstellung von Heilmittel verwendet, die Tierhäute für Lederproduktion gebraucht und auch das Fleisch als Luxusware gehandelt.

Die angefressenen Bildränder der Pangolin-Zeichnung stammen von geretteten Labor-Kaninchen, die Lin frei in ihrem Atelier herumlaufen und damit auch «mitgestalten» liess.

Gilgamesch und Canetti

In ihrem Werk «Enkidu» nimmt Lin Bezug auf das Gilgamesch-Epos, eines der ältesten überlieferten Schriftstücke aus Mesopotamien, dem heutigen Irak, woher sowohl ihr Vater, wie auch der biblische Abraham stammen. In der in Keilschrift überlieferten Geschichte finden sich verblüffende Parallelen zu den Erzählungen aller abrahamitischen Religionen. Das Epos beginnt mit Enkidu, der hierarchiefrei unter Tieren lebt, bevor er durch die Menschen mit Sprache und Gesetzen «zivilisiert» wird, was die Künstlerin nicht unbedingt als Fortschritt sah.

Enkidu, Acrylfarbe auf Leinwand, 2007.
Bild: Eve Stockhammer

Das Acryl-Gemälde «Arrival of the Animals» (Ankunft der Tiere) hat Lin dem jüdischen Exilschriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti gewidmet. Es ist ein Revolte-Bild der Tiere, die gegenüber den Menschen ihre Gleichberechtigung reklamieren. Canettis literarische Appelle für eine Gleichwertigkeit von Tier und Mensch spielen im Denken und Werk der Künstlerin eine wichtige Rolle.

Arrival of the Animals, 2008.
Bild: Eve Stockhammer

Tabuisiertes Judentum

Tierethische Richtlinien in der Thora wie im Koran, die als Vorläufer des Tierrechts gelten, beinhalten das strikte Verbot der Tierquälerei sowie die Aufforderung zu einem respektvollen Umgang mit den Tieren (selbst beim rituellen Schlachten). Inwiefern dieser religiös-kulturelle Background der Eltern die Künstlerin beeinflusst hat, bleibt offen. Bekannt ist, dass Lin während vieler Jahre erfolglos versucht hat, die Sprache ihres Vaters, von dem sie getrennt aufwuchs, zu erlernen. In einigen Werken tauchen arabische Buchstaben und Worte auf, während das jüdische Erbe gänzlich unsichtbar bleibt. Dies passt zur Tabuisierung des Themas bei ihr zu Hause: Erst sehr spät erfuhr Lin von der Grossmutter, wie diese als Kind einer jüdischen Mutter und eines deutschen Vaters (Besitzer eines kriegswichtigen Betriebs) die NS-Zeit in Deutschland als «Mischlingkind» überstanden hat. Auch in der Kunsthalle-Ausstellung fehlt jeglicher Hinweis auf Lins jüdische Wurzeln, obschon diese, wie ich von der Galeristin und Nachlassverwalterin Jacky Strenz aus Frankfurt erfahren habe, bedeutend für die Künstlerin waren. Strenz fügt an: «Es ist schon sehr bemerkenswert, dass der jüdische Familienbezug fast immer von den Kuratoren:innen weggelassen wird. Ich weise jedes Mal darauf hin, aber ruckzuck wird es vergessen.»

Abschied von einer Pionierin

Lin May Saeed wuchs in Wiesbaden auf, studierte Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf und befasste sich neben der Kunst intensiv mit Tierrechtsphilosophie. Sie verstarb 50-jährig in Berlin an einem bösartigen Hirntumor, kurz vor Eröffnung ihrer ersten grossen Einzelausstellung im Georg-Kolbe-Museum Berlin. Unterdessen erreichte ihr Werk internationale Bekanntheit. Mit ihrem Engagement für das Tierrecht mittels der Sprache der Kunst war und bleibt sie eine Pionierin.

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