Am Wahlpodium von UND Generationentandem in Steffisburg wurde sichtbar, worauf die Parteien im Wahlkreis Thun ihren Fokus legen. Besonders deutlich wurden die Unterschiede bei Bildung und Gewalt gegen Frauen. Gerade dort zeigte sich: Viele benennen ähnliche Probleme – aber sie ziehen daraus sehr unterschiedliche politische Konsequenzen.
Neun Listen, 16 Sitze, viele grosse Themen: Am Wahlpodium von UND Generationentandem in Steffisburg ging es um Kaufkraft und Krankenkassenprämien, um Klima und Naturgefahren, um Zuwanderung und Finanzen – und immer wieder um die Frage, welche Themen im Grossen Rat Priorität haben sollen.
Schon in der ersten Runde wurde klar, wie unterschiedlich die Kandidierenden ihre Rolle verstehen. Magdalena Erni kündigte als ersten Vorstoss eine professionelle 24-Stunden-Hotline gegen häusliche Gewalt an. Jonas Baumann und Konrad Moser setzten beide bei der Bildung an, wenn auch mit unterschiedlichem Fokus. Alfons Bichsel sprach von «Bildungsbaustellen», Samuel Krähenbühl von Finanzen und Steuern. Madeleine Amstutz nannte Hospizplätze, Krankenkassenprämien und gesunde Finanzen, Romeo Arnold Naturgefahren und Wasserbau. Sven Heunert sprach über Kaufkraft, Mieten und ungleiche Vermögen, Samuel Kullmann betonte seinen konservativen Kurs.
Wer sich nicht nur für die Standpunkte der Kandidierenden interessiert, sondern auch für die Frage, wer im Wahlkreis Thun gute Chancen hat und wessen Sitz wackelt, findet dazu eine separate Analyse von Elias Rüegsegger. Darin geht es um die Ausgangslage der Parteien, um mögliche Sitzgewinne und um die Frage, wo es am 29. März besonders spannend werden könnte.
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Samuel Krähenbühl stellte die Finanzpolitik ins Zentrum. Er warnte davor, Ausgabenwachstum als «Sparen» zu verkaufen, und plädierte für mehr finanzpolitische Ehrlichkeit. Auch bei Zuwanderung und Wohnungsmarkt setzte er einen klar bürgerlichen Akzent: Weniger Wachstum und weniger Regulierung würden aus seiner Sicht den Druck auf den Wohnraum senken. In der Bildung sprach Samuel Krähenbühl von mehr Struktur und weniger Überforderung durch ein zunehmend kompliziertes System.
Sven Heunert sprach vor allem über das, was viele Haushalte direkt spüren: steigende Mieten, Krankenkassenprämien und ungleiche Vermögen. Im Zentrum stand für ihn die soziale Frage: Wer viel habe, profitiere oft noch stärker, während andere unter steigenden Kosten litten.
Magdalena Erni verband Klimapolitik mit Gleichstellung, Pflege und Bildung. Besonders deutlich wurde sie dort, wo es um Schutz vor Gewalt gegen Frauen und um mehr Ressourcen für die Schule ging. Gerade in diesen beiden Bereichen setzte sie klare Akzente.
Romeo Arnold setzte seinen Schwerpunkt bei Hochwasser, Wasserbau und Naturgefahren. Für das Berner Oberland seien das keine Nebenthemen, sondern Zukunftsfragen. Damit verband Romeo Arnold ökologische Themen mit sehr konkreten Risiken für die Region.
Jonas Baumann hob die Bildung hervor, besonders mit Blick auf Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Er sprach auch über die psychische Gesundheit junger Menschen und darüber, wie wichtig frühes Handeln ist, bevor Probleme grösser und teurer werden.
Konrad Moser setzte klar auf Bildung und Berufsbildung. Ihm ging es darum, Menschen gut auszubilden und ihnen Chancen zu eröffnen. Dahinter stand die Vorstellung eines Staates, der nicht immer mehr Bürokratie schafft, sondern befähigt und handlungsfähig bleibt.
Alfons Bichsel präsentierte sich als erfahrener Praktiker mit Fokus auf die Schule. Er sprach von «Bildungsbaustellen» und machte deutlich, dass er dort im Grossen Rat besonders grossen Handlungsbedarf sieht.
Samuel Kullmann betonte seine wertkonservative Haltung und fiel in der Bildungsdebatte mit besonders weitgehender Kritik am heutigen System auf. Er setzte damit auf ein klares Profil und auf grundsätzliche statt bloss korrigierende Antworten.
Madeleine Amstutz setzte Schwerpunkte bei Hospizplätzen, Krankenkassenprämien, gesunden Finanzen und der Unterstützung des Mittelstands. Sie stellte konkrete Entlastungen für Bevölkerung und Gewerbe ins Zentrum und argumentierte stärker über Alltagsprobleme als über ideologische Grundsatzfragen.
Bei der Frage, wie der Kanton auf Gewalt gegen Frauen reagieren soll, wurden die Unterschiede besonders deutlich. Magdalena Erni sprach über Feminizide, über die hohe Auslastung der Frauenhäuser und über die Notwendigkeit besserer Anschlusslösungen für Betroffene. Für Magdalena Erni ist das keine Randfrage, sondern eine Frage von Schutz und politischer Verantwortung.
Samuel Krähenbühl widersprach. Er sagte, jeder Mord sei einer zu viel, er habe aber Mühe mit der Vorstellung, dass es schlimmer sein solle, wenn eine Frau getötet werde als ein Mann. Gerade an diesem Punkt wurde sichtbar, dass es hier nicht nur um einzelne Massnahmen geht, sondern um das Verständnis des Problems selbst.
Mit dem Begriff «Feminizid» sind Tötungen von Frauen und Mädchen gemeint, die in einem geschlechtsspezifischen Zusammenhang stehen. Der Begriff wird verwendet, um solche Taten als besondere Form von Gewalt gegen Frauen zu benennen. Dabei geht es nicht darum, das Leben einer Frau höher zu gewichten als das eines Mannes, sondern um die Einordnung bestimmter Tötungsdelikte als geschlechtsspezifische Gewalt.
Kaum ein Thema prägte das Podium stärker als die Schule. Fast alle waren sich einig, dass es Handlungsbedarf gibt. Doch was genau besser werden soll – und wie –, darauf gaben die Kandidierenden sehr unterschiedliche Antworten.
Konrad Moser setzte auf Bildung und Berufsbildung als zentrales Zukunftsthema. Für ihn geht es darum, Menschen gut auszubilden und ihnen Chancen zu eröffnen. Jonas Baumann betonte die Teilhabe und hob hervor, wie wichtig Unterstützung und frühes Handeln gerade auch bei psychischen Belastungen junger Menschen sind. Alfons Bichsel wiederum sprach von grossen «Bildungsbaustellen» und machte deutlich, dass er die Entwicklung der Schule mit Sorge beobachtet.
Magdalena Erni forderte mehr Ressourcen, insbesondere in der Primarschule und dort, wo Kinder zusätzliche Unterstützung brauchen. Samuel Krähenbühl setzte einen anderen Akzent: Für ihn braucht die Schule wieder mehr Struktur, mehr Klarheit und weniger Sonderlösungen. Samuel Kullmann ging am weitesten. Er kritisierte das heutige System grundsätzlich und stellte die Volksschule in ihrer heutigen Form offen infrage.
Gerade in der Bildungsdebatte wurde damit sichtbar, wie verschieden die Parteien dieselbe Sorge politisch deuten. Die einen wollen mehr Unterstützung und mehr Personal, die anderen mehr Ordnung und Verbindlichkeit, wieder andere einen grundsätzlichen Systemwechsel. Alle sprechen von Qualität – aber nicht alle meinen dasselbe.
Das Wahlpodium von UND Generationentandem machte die Unterschiede sichtbar. Nicht in grossen Parolen, sondern dort, wo es konkret wurde: bei den Finanzen, bei der sozialen Frage, bei Gewalt gegen Frauen und besonders bei der Schule.
Für Wähler:innen im Wahlkreis Thun ist genau das entscheidend. Wer am 29. März seine Stimme abgibt, entscheidet nicht nur zwischen Parteien, sondern auch zwischen politischen Prioritäten. Zwischen mehr Schutz und mehr Zurückhaltung. Zwischen mehr Investitionen und mehr Begrenzung. Und zwischen unterschiedlichen Vorstellungen davon, was der Kanton Bern in den nächsten Jahren am dringendsten anpacken soll.