Grosseltern prägen ihre Enkel oft auf leise, aber tief wirkende Weise. Während Eltern im Alltag zwischen Arbeit, Erziehung und Erwartungen jonglieren, schenken Grossmütter und Grossväter etwas, das heute selten geworden ist: Zeit, Geduld und ein Gefühl von Ruhe. Warum diese Beziehung so besonders ist – und weshalb sie für beide Seiten heilende Wirkung haben kann.
Freitag, 06.02.2026
Wenn mein Grosi meine Hand hielt, fühlte ich mich plötzlich sicher. Nicht, weil sie viele kluge Ratschläge hatte. Nicht, weil sie alles verstand. Sondern weil sie einfach da war – ruhig, geduldig, unbeeindruckt von dem Drama, das für mich damals die ganze Welt bedeutete. Viele von uns tragen Erinnerungen an solche Momente in sich. Vielleicht war es der Grossvater, der uns still beim Rechnen zuschaute. Oder die Grossmutter, die spätabends noch ein Stück Züpfe und ein Glas Ovomaltine brachte, obwohl alle anderen schon schlafen wollten. Es sind oft keine grossen Gesten, sondern diese kleinen, stillen Zeichen von: Ich sehe dich. Du bist wichtig.
In vielen Familien sieht das Muster ähnlich aus: Eltern arbeiten viel, sind müde, oft gestresst. Die Tage sind getaktet, die Erwartungen hoch. Kinder spüren Liebe – ja –, aber oft vermischt mit Eile, Organisation und dem Wunsch, alles richtig zu machen.
Sie haben Zeit. Oder sie nehmen sie sich. Nicht, weil sie besser sind, sondern weil ihr Leben ein anderes Tempo hat. Und vielleicht auch, weil sie spüren, was sie damals selbst vermisst haben.
Viele Grosseltern berichten, dass sie sich ihren Enkeln gegenüber offener, weicher, geduldiger fühlen als früher mit ihren eigenen Kindern. Vielleicht, weil der Druck weg ist. Vielleicht, weil das Herz mit den Jahren lernt, was zählt: Nähe, Zuneigung, Zuhören.
Grosseltern lieben oft anders. Nicht bedingungslos – denn Liebe ist nie bedingungslos. Aber weniger fordernd, weniger erziehend. Sie wollen nicht formen, sondern halten. Nicht korrigieren, sondern verstehen. Ein Kind, das zu seinen Grosseltern geht, erwartet selten Leistung. Es sucht Wärme. Und findet oft genau das. «Meine Enkelin kann sich bei mir fallen lassen», sagt eine 78-Jährige aus Thun.
«Ich muss sie nicht ständig verbessern. Ich darf sie einfach lieben.» Für viele Kinder sind Grosseltern deshalb ein emotionaler Anker.
«Meine Enkelin kann sich bei mir fallen lassen.»
78-jährige Grossmutter aus Thun
Und für die Grosseltern? Oft eine zweite Chance, das zu geben, was sie früher nicht geben konnten – weil sie selbst mitten im Leben standen.
«Grosi, darf ich bei dir schlafen?»
«Natürlich, mein Schatz. Deine Zähne hast du geputzt?»
«Ja. Und ich habe meinen Bären mitgebracht.»
«Dann ist alles gut.»
«Weisst du, Mama war heute wieder so gestresst.»
«Ich weiss. Sie macht es nicht mit Absicht. Sie hat einfach zu viel.»
«Aber du … du hast Zeit, oder?»
«Für dich? Immer.»
Psychologisch nennt man das Generativität – den Wunsch, etwas Bleibendes weiterzugeben (Erikson, 1980). Grosseltern geben nicht nur Gipfeli und Geschichten. Sie schenken Zeit, Aufmerksamkeit, Wurzeln. Und manchmal – vielleicht das Wichtigste – Heilung. Denn durch die Beziehung zu den Enkeln heilen auch Wunden aus der Vergangenheit. Nicht perfekt. Aber spürbar.
Ein Kind, das bei seinen Grosseltern Geborgenheit erfährt, wächst anders. Es weiss: Ich bin nicht allein. Und ein Mensch, der erlebt, wie sein Enkelkind sich an ihn lehnt, spürt: Ich bin noch immer wichtig.
… nicht der perfekte Erziehungsstil. Nicht die teuerste Geburtstagsparty. Es bleiben Erinnerungen. An den Geruch von frischer Züpfe am Sonntagmorgen. An den Klang von Grossvaters Uhr. An das Gefühl, in einer Welt, die sich schnell dreht, irgendwo sicher zu sein.
Liebe vergeht nicht – sie verändert nur ihre Richtung. Manchmal braucht es ein Enkelkind, damit ein Herz sich erinnert, wie es liebt. Und manchmal braucht es eine Grosi, damit ein Kind spürt, dass es reicht, so zu sein wie es ist.
Mehr als Grosi und Grosvati
Grosseltern spielen oft eine besondere Rolle – sie schenken Zeit, Ruhe und Geborgenheit. Doch Generationenbeziehungen finden nicht nur innerhalb der Familie statt.
Auch Kontakte zwischen Menschen, die nicht verwandt sind, können prägend sein: die Nachbarin, die zuhört; der Patenonkel, der Mut macht; die ehemalige Lehrerin, die Türen öffnet; der junge Nachbar, der beim Smartphone hilft; der Freiwillige im Begegnungszentrum, der einfach da ist.
Solche Beziehungen schaffen Vertrauen, Zugehörigkeit und gegenseitige Unterstützung. Sie zeigen: Generationenverbindung entsteht dort, wo Menschen sich begegnen – unabhängig vom Stammbaum.
Wichtig ist nicht, wer miteinander verbunden ist, sondern wie die Verbindung gelebt wird.