Du kaufst online eine Swatch-Uhr oder im Kiosk eine Packung Kägifrettli. Für deinen Grillabend kaufst du dir Anzündhilfen im Landi Shop. Ist dir bewusst, dass die Verpackung oder das Produkt selbst aus einer geschützten Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung stammen? Und dass du damit Selbstwert und Würde förderst?
Bilder: Lena Rattaggi
Text: Peter Bühlmann
Kürzlich nahm ich am Pensioniertentreffen der Stiftung BWO Langnau teil. BWO betreibt in Bärau eine Werkstätte (ADW) für rund 100 Menschen mit Beeinträchtigung. Bis 2014 war ich dort verantwortlich für die Lehrlingsausbildung. Ich begleitete Jugendliche in niederschwelligen Berufsausbildungen und bei der Jobsuche im allgemeinen (ersten) Arbeitsmarkt. Das Treffen hat mir einmal mehr vor Augen geführt, wie wertvoll die Arbeit solcher Institutionen für unsere Gesellschaft ist.
Ähnlich eindrücklich sind für mich jeweils die Besuche bei der Familie meiner Tochter, die in einer Wohnung der Stiftung Uetendorfberg lebt, wo vor allem Menschen mit Hör-, Sprach- und Mehrfachbeeinträchtigungen leben und arbeiten. Beide Institutionen verfolgen das gleiche wirtschafts- und sozialpolitische Ziel – auf unterschiedliche Weise. Die beiden Betriebsleiter Daniel und Reto Steiner (nicht miteinander verwandt) führten uns durch die Betriebe – und liessen uns danach frei in Produktion und Prozess eintauchen.
ADW Bärau ist Teil der Sozialen Institution BWO Langnau. Die Werkstatt funktioniert ähnlich einem KMU Zulieferbetrieb und fertigt hauptsächlich Verpackungen aus Karton für die Konsumgüterindustrie, mechanische Fertigung und Logistik. Bedruckte und gestanzte Rohlinge aus Karton werden angeliefert. Die Mitarbeitenden falten und verkleben daraus exklusive und anspruchsvolle Verpackungen für Uhren, Kosmetika, Schokolade und mehr. Die Produktionsstrassen bieten auf die persönlichen Fähigkeiten angepasste Arbeitsplätze. Sie lassen sich flexibel umstellen und werden von Fachpersonen begleitet, welche die nötigen Hilfsmittel, Klebevorrichtungen und Kontrollgeräte entwickeln.
So sind sehr präzise Arbeiten möglich. Je nach Auftraggeber produziert man von wenigen Hundert bis zu Millionen Stück pro Jahr. Die Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung arbeiten pflichtbewusst, zuverlässig und mit hoher Genauigkeit. Dank diesen Qualitäten verfügt die ADW über eine treue Kundschaft.
Anita und Hedwig arbeiten seit über 40 Jahren und Erich bald 25 Jahre in der Verpackungsabteilung der ADW. Alle drei sind stolz und zufrieden mit ihrer Tätigkeit. Sie leben weitgehend selbstständig und reisen täglich mit dem ÖV nach Bärau zur Arbeit. Hedwig möchte über das Pensionierungsalter hinaus weiterarbeiten.
Die Abteilung Mechanik liefert Kleinteile für die Maschinenindustrie. Hochpräzise Maschinen fertigen Bolzen, Räder, Fräs- und Drehteile aller Art. Wer denkt denn schon an die ADW, wenn er oder sie Rollwägeli benutzt oder ein Wechselnummernschild am Camper montiert. Selbst die Laserteile für die Medizintechnik werden hier hergestellt.
Auch Bruno montiert schon beinahe 30 Jahre mechanische Komponenten zusammen. Er strahlt auf meine Frage ob er zufrieden sei. Bruno reist mit dem eigenen Auto zur Arbeit. Im Werkatelier können bis zu acht Personen ihre Kreativität und ihr handwerkliches Geschick ohne Leistungsdruck ausleben.
Sarina, im Rollstuhl, baut gerade einen Klebestreifenhalter aus Sperrholz. Sie ist seit einem Jahr im Werkatelier und beantwortet unsere Fragen mit einem strahlenden Lachen. Sie lebt in Aeschau und fährt täglich mit dem Behinderten-Taxi nach Bärau.
In der Stiftung Uetendorfberg arbeiten bis zu 100 Menschen mit Hör-, Sprach- und Mehrfachbeeinträchtigungen. Sie zeichnet sich durch eine grosse Vielfalt von kleineren Berufszweigen aus. Die Institution wurde 1921 gegründet und wird seither laufenden erweitert und vergrössert. Die Stiftung bietet Arbeitsplätze in Landwirtschaft, Mechanik, Schreinerei, Hauswirtschaft, Gärtnerei, Küche und Restaurant.
Das Restaurant «Alpenblick» hat sich seit 2013 zu einem beliebten Treffpunkt in Uetendorf – mit grandioser Aussicht – entwickelt.
Silvia begegnet uns gleich zu Beginn: «Oh, was macht ihr denn hier, gibt es Fotos? Ich liebe Fotos! Macht ihr bitte ein paar Bilder von mir – ich arbeite in der Wäscherei.» Danach treffen wir in der Küche den Küchenchef mit Cyril. Dieser strahlt wie die Sonne. Seit einigen Jahren ist er eine feste Stütze in der Küche und bereitet viele Zutaten selbst zu. Auf unsere Fragen antwortet er einfach mit einem breiten Lachen.
Die Küche bereitet täglich 140 Mahlzeiten zu – für alle Bewohner:innen, für die extern wohnenden Betreuten und für auswärtige Gäste im Alpenblick. Frisch und aus dem eigenen Garten ist die Devise. Mechanik und Montage fertigen Kleinserien und individuelle Produkte für Industrie und Gewerbe14. Der moderne Maschinenpark und die professionelle Begleitung ermöglichen Produkte mit hohen Qualitätsansprüchen. Die Montage arbeitet immer wieder mit der ADW zusammen.
Roger bündelt gerade Regenpelerinen für die Schweizer Armee. Rebekka packt Anzündholz aus Holzabschnitten – sie möchte nicht fotografiert werden.
In der Schreinerei wurde bei unserem Besuch ein grosses Gartenhaus gebaut. Die Gärtnerei8 zieht Setzlinge für Blumen und Gemüse, welche verkauft werden. Hier wächst das meiste Gemüse für die eigene Küche und das Restaurant. Rund um die Stiftung herum blüht und spriesst es wie in einem grossen, wunderbar gepflegten Mustergarten.
Der Landwirtschaftsbetrieb ist wegen eines Neubaus in die Nachbargemeinde gezügelt und liefert frische Milch, Freilandeier, Fleisch und Getreide. Aus nahegelegenen Wäldern stammt das Holz für die zentrale Heizung sowie für Kund:innen, die lokal produziertes Cheminéeholz wünschen. Aus Holzabfällen10 werden Anfeuerungshilfen gefertigt und verkauft.
Im Bergladen werden Produkte verkauft. Windräder, Süssmost und vieles mehr. All das wird im Werkatelier hergestellt. Immer im Herbst wird es stressig in der Mosterei auf dem Uetendorfberg. Bauern und Privatpersonen aus dem Thuner Westamt bringen ihre Äpfel und Birnen für die Verarbeitung von bis zu 140’000 Litern Most auf den Uetendorfberg.
ADW Bärau und die Stiftung Uetendorfberg bilden auch Jugendliche in ganz verschiedenen Berufen aus. Das Ausbildungsspektrum reicht von Lehrabschlüssen in PrA (Praktische Ausbildung) über EBA (Eidgenössisches Berufsattest) bis EFZ (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis), mit dem Ziel der Integration in den ersten Arbeitsmarkt. PrA-Lernende besuchen interne Berufsschulen, EBA und EFZ Lernende besuchen die regulären Schulen. IV Bezüger:innen finden in beiden Institutionen geeignete Arbeitsplätze.