Drei Personen haben im Gespräch Erlebnisse und Ideen zu unserem Leitthema ergründet. Ihre Erkenntnisse erscheinen hier – von ihnen selbst formuliert oder vom Schreibenden rapportiert.
Was von vornherein klar sein muss: Es kommen hier ganz persönliche, nicht verbindliche Standpunkte zur Sprache. Und die drei geniessen eine eher bevorzugte Stellung im Leben; sie müssen sich nicht um die (materiellen) Grundbedürfnisse sorgen, die kaum Zufriedenheit zulassen, wenn sie nicht abgedeckt sind. Man schaue sich die Bedürfnis-Pyramide (nach Maslow) an, rät Valentin.
Musiker:innen haben wenig Möglichkeiten umzusteigen. An Lehrstellen wird man einmal gewählt; Sitze in Orchestern sind «Lebensstellen».
Ich hatte Glück, konnte viele Jahre als Pädagogin wirken. Musste mich auch da immer an neue Zeiterscheinungen anpassen und persönlich weiterbilden; konnte daneben als Freelancer in Orchester-und Kammermusik-Projekten mitspielen. Insgesamt eine sehr ausfüllende und befriedigende Zeit.
Ein Beispiel zum Ehrgeiz: Im Orchester der pensionierten Berufsmusiker, der «AHV- Philharmonie», wo ich Mitglied bin, gibt es immer noch ein Gerangel, wer die erste Geige spielt! Im Gegenzug freut sich ein ehemaliger Berliner Philharmoniker, wie ich, gute Musik zu spielen – auch im hinteren Rang – und den Kontakt zu Kolleg:innen zu pflegen!
Im Jahr 2000 entschied ich mich, für ein halbes Jahr eine Assistenz an der Yehudi Menuhin School in London anzunehmen: Um glücklich zu sein, musst du Risiken eingehen. Die Wohnung auflösen, eine Reise ins Ungewisse wagen! Offen und neugierig für Neues zu bleiben ist meine Devise; ohne Für und Wider zu entscheiden; dabei in der Handlung immer Würde und Selbstachtung zu behalten… Aber auch, wenn gute Gründe vorliegen, zu verzichten, zum Beispiel um den alternden Eltern nahe zu sein.
«Wir anstelle eines Ichs» wurde mir während der Corona-Zeit bewusst. Da haben sich die echten Freundschaften herausgeschält! Ich denke, ich sei aus jeder Krise oder Prüfung innerlich gestärkt hervorgegangen, positiv gewachsen.
Langeweile verstehe ich nicht. Wer keine Ziele hat, wird depressiv. Wir brauchen Erfolgserlebnisse. So wie ich kürzlich meine Grenzen überschritten habe mit einer Beschwerde gegen ein grosses Bauunternehmen. Dabei geht es mir um Verantwortung, um nachhaltige Zukunft; ich weiss mich dafür einzusetzen – mit allen Konsequenzen.
«Um glücklich zu sein, musst du Risiken eingehen.»
Christine Grüneisen
Persönlich geht es mir gut. Ich muss nach der Pensionierung keine Erwartungen mehr erfüllen. Ich darf auswählen, mit wem ich spielen, auch experimentieren will. Wichtig sind Zeitinseln, die ich meinen Hobbys widme: Reisen, Lesen, Bewegen in der Natur.
Ich bemühe mich und hoffe, mit zunehmender Lebenszeit einen immer grösser werdenden «Lohn» als inneres Gefühl – Dankbarkeit, Erfüllung, Gelassenheit und Gesundheit – erfahren zu dürfen.
Vor einem Jahr hat Valentin sein Studium in Geografie und Germanistik abgeschlossen; nach einem sechsmonatigen Praktikum in einem kantonalen Amt ist er neu in einem Planungsbüro tätig.
Studieren im Bologna-System bedeutet, dass du oftmals nur eine Nummer bist und dir vieles selber holen musst. Die Lehrenden agieren sehr unterschiedlich, nicht immer «zielgruppengerecht»: Sie interessieren sich zu wenig für ihre Gegenüber. Trotzdem ist Valentin mit seinem Studium zufrieden – auch mit den Noten. Er stellt nämlich Ansprüche an sich selbst. Was er hätte verbessern können: seine Vernetzung, seine Kontakte; oft hat er allein gekämpft.
«Ich bin recht schnell zufrieden. Im Beruf geht mir Kritik nahe, beschäftigt mich stark – da habe ich noch zu lernen.»
Valentin Bär
Sehr gern erinnert er sich ans anschliessende Praktikum, wo man sich um ihn bemüht und ihm sinnvolle Aufträge gegeben habe. Wenn er in einer Tätigkeit den Mehrwert erkennt, den sie bringt, ist er zufrieden. Er sieht nun seinen Beruf – und vielleicht gar die «Berufung», die ja dahinter stecken könnte – sollte?
Valentin möchte, wenn möglich, an einer Stelle bleiben. Das Zwischenjahr war stressig, und er mag Unsicherheit nicht. Ein Job muss fordern, ja; wenn das Umfeld, das Team stimmt, will er die «Komfortzone» nicht verlassen. So liebt er es auch nicht umzuziehen.
Stress kann ihn schon mal überfordern; doch insgesamt hält er sich für resilient. «Ich bin recht schnell zufrieden», sagt er. Im Beruf geht ihm Kritik nahe, beschäftigt ihn stark – da habe er noch zu lernen. Vieles mag einem angeboren sein – aber der «antrainierte Teil» ist ebenfalls wichtig. Von seinen Eltern hat Valentin Gelassenheit erfahren. Für negativ hält er, wenn Kinder ohne Lob aufwachsen, dabei zu Perfektion getrieben – und nie zufrieden werden.
Er weiss, dass im Berufsleben die Ansprüche steigen werden; etwa, dass er zunehmend wird erreichbar sein müssen. Dass es nötig sein wird, sich abzugrenzen.
Man sollte ein Gefühl dafür entwickeln, was man wirklich braucht. Man bekommt heute so viele Vergleichswerte; man orientiert sich an Mitmenschen, man meint, «auch zu müssen». Konstruierte Bedürfnisse entstehen. Ein Einfamilien-Haus zu haben, ein Auto: Je nach sozialem Umfeld sind das unumgängliche Statussymbole.
Durch welche Filter schützt man sich? Valentin benützt keine Sozialen Medien. Gilt es denn zu verzichten? Wesentlich ist ihm die Freiheit, selber zu entscheiden. Doch Verzichten wird häufig als Einschränkung der Freiheit dargestellt. Die Klimafrage bietet da treffende Beispiele: Es ist klar, dass wir bestehende Narrative und Praktiken ändern müssen – aber wie? Verzicht ohne Verbote wäre ideal; doch ist das machbar?
Sollte man zuerst unterscheiden: zwischen der «kleinen» und der «grossen Zufriedenheit»? Was befriedigt mich im Alltag, wo habe ich Glücksmomente? Andrerseits: Wie schaue ich auf mein ganzes Leben? Dies sind private Zufriedenheit. Darüber hinaus gibt’s die Weltlage. Will ich an die auch denken?
Wichtig ist bestimmt, wie hoch ich meine Erwartungen schraube. An mich selbst, aber auch an mein Umfeld. Was die Bedeutung der Berufsarbeit angeht, so meine ich, man müsse sie hoch einschätzen. In meiner Lebensbilanz wird sie zentral sein.
Kann ich etwas dafür, wenn einiges glücklich herauskommt? Ich bin überzeugt, dass ein «glückliches Naturell» viel ausmacht. Das Positive sehen, Distanz, Geduld, Humor bewahren können – so wichtig für einen Lehrer! –, das habe ich einfach mitbekommen. Vielleicht auch die Fähigkeit zum Verzicht – der oft gar nicht als das erscheint. So fällt es leichter, zufrieden zu sein. Was nicht heisst, sich selber nicht kritisch anzuschauen.
Mit der Welt bin ich nicht zufrieden. Mit mir?
«Wichtig ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern zu spüren: Was tut mir gut?»
Valentina Kobluk
Valentina Kobluk (56)
Zufriedenheit ist ein schönes Wort. Warm, rund, fast wie ein ruhiger Atemzug. Und doch – niemand ist immer zufrieden. Und das muss auch nicht sein.
Wir alle bewegen uns im Leben zwischen zwei Polen: Momenten, in denen es uns gut geht – und Momenten, in denen etwas fehlt.
Dazwischen liegt unser persönlicher Balancepunkt. Er verändert sich, und das ist normal.
Zufriedenheit ist kein Dauerzustand. Manchmal fühlen wir uns ruhig und sicher. Manchmal sind wir gestresst, unsicher oder erschöpft. Beides gehört zum Menschsein.
Wichtig ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern zu spüren: Was tut mir gut? Was nehme ich mir zu sehr zu Herzen? Was möchte ich vielleicht verändern?
Unzufriedenheit ist kein Fehler, sie ist ein Hinweis. Ein kleines Zeichen: «Hier lohnt sich ein Blick.» Wie können wir unseren Balancepunkt stärken?
Es braucht keine grossen Methoden. Oft reichen kleine, einfache Schritte im Alltag:
Warum lohnt sich das?
Weil ein gesunder Mix aus Zufriedenheit und Unzufriedenheit, Stress reduziert, die innere Stärke fördert, Beziehungen verbessert, Orientierung im Alltag gibt.
Zufriedenheit ist kein Ziel, das man erreicht. Sie ist etwas, das man pflegt – Schritt für Schritt, Tag für Tag.