Zwei junge Musikerinnen aus Thun wollen durchstarten: Im Herbst erscheinen ihre ersten EPs. Wie die kleine Stadt an der Aare zur Talentschmiede für Indie-Pop und Soul-Pop wird.
Donnerstag, 9.04.2026
Fotos: Finn Kruse
Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Rubrik «Pfeffer» des Thuner Tagblatts. In der Rubrik « Pfeffer» publizieren Jugendliche seit 1997 Berichte, deren Themen sie selbst bestimmen und umsetzen.
Redaktor Marco Zysset betreut das Team. Der Originalbeitrag findet sich hier.
Thun ist nicht Zürich, nicht Bern, nicht Basel. Und doch verlässt gerade ein Nachwuchstalent nach dem anderen diese Stadt. Zuletzt: Veronica Fusaro, welche die Schweiz heuer am ESC vertritt.
An diesem Nachmittag sitzen zwei junge Frauen zusammen, die die Stadt gerade für die nächste Generation auf die musikalische Landkarte setzen. Auf den ersten Blick könnten sie Freundinnen sein, die sich zum Kaffee treffen. Doch Alena Mae und Amíra verbindet mehr: Beide sind dabei, mit ihrer Musik über Thun hinauszuwachsen.
Alena Mae (20), Singer/Songwriterin im Indie-Pop, erzählt von einem Moment in ihrer Jugend: «Ich habe Musik für mich als Ventil und Ausdrucksort gefunden und früh angefangen, Songs zu schreiben.» Ihr Gotti schenkte ihr zum Geburtstag ihre erste Studioaufnahme und brachte sie mit dem Produzenten Benjamin Alasu in Verbindung, der in der Folge zu ihrem Mentor wurde.
Amíra (26), Soul-Pop-Stimme, folgte auch einem intuitiven Weg. Für sie ist immer klar gewesen: Irgendwann wird sie Sängerin. Dann, mit 22 Jahren, sass sie in ihrem WG-Zimmer und erlebte einen entscheidenden Moment: «Ich habe ein Video von Miley Cyrus gesehen, in dem sie ‹Like a Prayer› singt. Da hatte ich wie eine Erleuchtung, und ich dachte: Jetzt probiere ich es.»
Thun scheint eine gute Stadt für Kreative zu sein. Doch was macht diesen Ort genau aus?
Alena Mae findet schnell eine Antwort: «Thun gibt mir sehr viel Inspiration. Es ist ein Ort, an dem man gut zur Ruhe kommen kann und daraus schöpfen kann.»
Sie schreitet durch ihre Wahlheimat wie durch ein Museum voller Ecken zum Entdecken. Die Aare, der Schadaupark, das Piano in ihrem Zuhause, überall liegen Songideen bereit.
Für Amíra ist es ähnlich. Ihr kreatives Heil findet sie ebenfalls öfter am Wasser: «Im Sommer kann ich am besten schreiben. Ich gehe oft an die Zulg, dort hat es meistens nur wenige Leute, und dann ist man wirklich so in einer eigenen Zone.» Sie setzt Kopfhörer auf, hört Instrumentals oder auch mal gar nichts. «Dann bin ich einfach in der Stille, und das habe ich sonst fast nie», lacht sie. Dort kommen neue Songideen.
Amíra, die in Steffisburg aufwuchs, erlebte hier ihre ersten Bühnenerfahrungen beim Zulgstar-Wettbewerb. In der Jury sass die Thunerin Veronica Fusaro, die die Schweiz dieses Jahr am Eurovision Song Contest vertritt.
«Ich habe viel Support erfahren dürfen, was ich überhaupt nicht selbstverständlich finde», sagt Amíra. Das war entscheidend. «Es war sehr motivierend, wenn eine Veronica Fusaro einem sagt: ‹Mach unbedingt weiter.›» Auch Alena Mae schätzt die lokale Szene: «Ich bin noch nicht lange in Thun, und doch hatte ich sehr tolle Begegnungen. Auch im Mokka spielen zu dürfen, fand ich sehr schön.»
Die Schweizer Musikszene wird international häufig übersehen, doch beide sehen sie als ein grosses, vielfältiges Ökosystem. Amíra sagt, dass für so ein kleines Land die Menge an Talent beachtlich sei, aber auch der Wettbewerb entsprechend gross. Aber: «Ich glaube, für die, die dranbleiben und die Hoffnung nie verlieren, wird es sicher viele coole Erlebnisse geben.»
Und sie spricht aus Erfahrung: Jesse Ritch, Produzent und Unterstützer, entdeckte sie bei der Swiss Voice Tour im Wankdorf und bot ihr das erste Sprungbrett ins Studio an. Solche Geschichten prägen die Schweizer Musikszene: Artists unterstützen andere Artists, so öffnen sich Türen.
Alena sieht es ähnlich: «Die Musikbranche ist nicht die einfachste, dort braucht es Durchhaltevermögen und idealerweise ein unterstützendes Umfeld.» Sie betont, dass sie sich glücklich schätzt, solche Menschen um sich zu haben.
Auf die Frage, wie sie ihre Musik beschreiben würden, antworten sie fast poetisch. Amíra: «Meine Musik ist eine Mischung aus Zigaretten, einem kalten Getränk und einem Sonnenuntergang im Sommer.»
Alena Mae malt ihre künstlerische Welt in «warmen, orangen Terrakotta-Tönen, mit einer Waldlichtung und Vogelgezwitscher.»
Eigentlich könnten diese zwei Welten nicht weiter auseinanderliegen. Aber Gegensätze ziehen sich an, auch in der Musik. Wenn sie übereinander sprechen, wird das deutlich.
Alena über Amíra: «Ich finde es sehr beeindruckend, was du den Leuten gibst, wenn du Musik machst. Ich spüre sehr viel Lebensfreude in dir.»
Amíra wiederum erkennt in Alena etwas Seltenes. Sie beschreibt, wie diese mit ihrer sanften Stimme Menschen in einen anderen Zustand versetzt: «Du kannst die Leute beruhigen, man driftet völlig ab und kann runterfahren. Und dann folgt das Kompliment: «Es wirkt sehr ‹effortless›. Du musst nicht viel machen, aber die Leute sind voll in deinem Bann.»
Was treibt zwei junge Frauen an, in einer der schwierigsten Branchen Karriere zu machen? Die Antwort ist schnell klar. «Ich möchte mit meiner Musik Leute berühren und Leuten Verständnis geben in schwierigen Situationen», erklärt Amíra.
Alena Mae formuliert es ähnlich: «Mein grösster musikalischer Traum ist es, mit meiner Musik etwas zu bewirken und Gehör für die Themen zu schaffen, die in dieser schnelllebigen, lauten Welt oft untergehen, und sie zu enttabuisieren.»
Sie verfolgt das Ziel, Menschen einen Raum zu bieten, in dem sie sich gesehen und gehört fühlen. So verteilt sie bei ihren Konzerten Seifenblasen: «Es bereitet mir viel Freude, das Publikum Seifenblasen pusten zu sehen und ihm ein Stück Kindheit, Leichtigkeit und Nostalgie zurückzugeben», erzählt sie.
Im Herbst kommen Alenas erste Releases: eine EP, auf der sie über Themen wie Zweifel, Sehnsucht und Verletzlichkeit singt. Amíra hat bereits ein paar Lieder draussen, plant ebenfalls ihre erste EP und arbeitet an Projekten mit Sanja, ihrer Kindheitsfreundin. Beide spielen beim Generationenfestival in Thun dieses Jahr. Die Zukunft ist konkret geworden, und beiden ist klar: Das ist nur der Anfang.