Die Maske, die ich trage

Die Maske, die ich trage

Ein Beitrag aus der Praxis – über soziale Rollen, Selbstentfremdung und den Weg zurück zu sich selbst.

Stellen Sie sich einen ganz gewöhnlichen Morgen vor. Sie stehen auf, trinken Kaffee und beginnen, sich anzuziehen. Nicht nur äusserlich. Noch bevor Sie das Haus verlassen, schlüpfen Sie in etwas, das man nicht sehen kann. Ihre Rolle für den Tag. Die fürsorgliche Mutter. Der kompetente Kollege. Die aufmerksame Enkelin. Der starke Vater.

Die meisten Menschen bemerken gar nicht, wie selbstverständlich und automatisch sie täglich ihre Masken wechseln.
Bild: Unsplash

In meiner Arbeit als ganzheitliche Psychotherapeutin begegne ich täglich erschöpften Menschen. Dieser Text ist eine Einladung, innezuhalten, hinzuschauen und sich selbst eine ehrliche Frage zu stellen. Trage ich meine Maske oder trägt sie mich?

Masken sind keine Lügen, sondern eine Überlebensstrategie

Zunächst ist eine wichtige Unterscheidung zu treffen: Soziale Rollen und Masken sind nicht per se etwas Schlechtes. Als soziale Wesen brauchen wir sie. Sie helfen uns, in verschiedenen Kontexten zu funktionieren, Grenzen zu wahren und uns anzupassen. Eine Maske im psychologischen Sinne ist eine Verhaltens- und Ausdrucksform, die wir bewusst oder unbewusst in bestimmten sozialen Situationen einsetzen.

Problematisch wird es erst, wenn wir vergessen, dass wir sie tragen. Wenn die Maske so festsitzt, dass wir keinen Unterschied mehr spüren zwischen dem, was wir zeigen, und dem, was wir wirklich fühlen. Wenn ein älterer Mensch jahrzehntelang die Rolle des Starken gespielt hat und im Alter nicht mehr weiss, wie er um Hilfe bitten soll. Oder wenn ein junger Mensch in den sozialen Medien ein makelloses Leben inszeniert und sich im Stillen fragt, ob er überhaupt noch weiss, wer er wirklich ist.

Ob Jung oder Alt,​die Maske drückt überall

Jüngere Menschen sehen sich heute einer besonderen Form des Maskendrucks ausgesetzt: der digitalen Identität.
Bild: Unsplash

Jede Plattform verlangt eine andere Version von uns. Wir optimieren uns, inszenieren uns und vergleichen uns. Die Maske der Coolness, der Stärke und des Erfolgs wird täglich poliert. Der innere Druck, der dahintersteckt, bleibt unsichtbar.

Ältere Menschen hingegen tragen oft Masken, die sie in früheren Lebensphasen übernommen haben und die ihnen nun zu eng geworden sind. Die Rolle des Stützpfeilers der Familie, des Erfahrenen, der alles weiss, des Menschen, der nie Schwäche zeigt. Beim Übergang in den Ruhestand, beim Verlust des Partners oder beim Einzug ins Pflegeheim bricht die Maske manchmal plötzlich auf und viele wissen dann nicht, was darunter zum Vorschein kommt.

Was beide Generationen verbindet, ist die Erschöpfung, die daraus resultiert, eine Fassade aufrechterhalten zu müssen, sowie die tiefe Sehnsucht, endlich so gesehen zu werden, wie man ist.

Woran man erkennt, dass die Maske belastet

Unser Körper, unsere Gefühle und unser Verhalten senden uns Hinweise. Achten Sie auf folgende Signale:

  • Sie fühlen sich nach sozialen Begegnungen oft leer oder ausgelaugt, obwohl äusserlich alles gut lief.
  • Sie wissen nicht mehr spontan, was Sie wirklich wollen, mögen oder brauchen.
  • Sie reagieren überempfindlich, wenn jemand Sie kritisiert oder eine andere Seite von Ihnen sieht.
  • Sie fühlen sich in bestimmten Rollen wie ein Schauspieler, der seinen Text aufsagt.
  • Sie haben das Gefühl, niemanden wirklich an sich heranzulassen, obwohl Sie sich nach Verbindung sehnen.

Die Maske ablegen als ein Akt des Mutes

Das Ziel ist nicht, gar keine Rollen mehr zu spielen. Das wäre weder möglich noch sinnvoll. Das Ziel ist Bewusstheit: zu wissen, wann ich eine Maske trage, warum ich sie trage und die Fähigkeit zu entwickeln, sie auch bewusst ablegen zu können.

Denn hinter der Maske wartet oft das, was wir am meisten vermieden haben: Verletzlichkeit.
Bild: Unsplash

Das braucht Mut. Gleichzeitig wartet dort aber auch das, wonach wir uns am meisten sehnen: echte Verbindung, echtes Gesehenwerden, echtes Leben.

Ältere Menschen können von Jüngeren lernen, dass Offenheit keine Schwäche ist.

Valentina Kobluk

In der Begegnung zwischen Jung und Alt liegt ein besonderes Geschenk: Junge Menschen können von älteren lernen, dass Würde nicht in der Makellosigkeit liegt. Wenn wir einander unsere echten Gesichter zeigen, entstehen die tiefsten Verbindungen.

Die Rolle, die du spielst, ist nicht, wer du bist. Sie ist nur der Mantel, den du trägst. Darunter bist du – und das ist genug.

Praxisübung: Der Masken-Spiegel

Diese Übung stammt aus der ganzheitlichen Psychotherapie und verbindet Selbstreflexion mit Körperwahrnehmung. Sie benötigen 20 bis 30 Minuten ungestörte Zeit, ein Notizbuch und die Bereitschaft, sich selbst ehrlich zu begegnen.

Schritt 1: Die eigenen Rollen inventarisieren

Schreiben Sie alle sozialen Rollen auf, die Sie im Alltag ausfüllen. Beispiele sind: Mutter/Vater, Kind, Partner, Kollege, Freund, Nachbar, Rentner oder Student. Nehmen Sie sich Zeit, denn es sind oft mehr, als wir denken.

Schritt 2: Die Energie-Bilanz

Gehen Sie jede Rolle durch und fragen Sie sich: Gibt mir diese Rolle Energie oder kostet sie mich Energie? Schreiben Sie hinter jede Rolle ein «+» (gibt Energie), ein «–» (kostet Energie) oder ein «±» (beides). Urteilen Sie nicht. Beobachten Sie einfach.

Schritt 3: Die Körperfrage

Wählen Sie eine Rolle aus, bei der Sie ein «–» notiert haben. Schliessen Sie die Augen, atmen Sie dreimal tief ein und aus und stellen Sie sich vor, wie Sie diese Rolle einnehmen. Wo spüren Sie das in Ihrem Körper? Enge im Brustkorb? Schwere auf den Schultern? Anspannung im Kiefer? Notieren Sie die jeweilige Körperempfindung, ohne sie zu bewerten.

Schritt 4: Unter die Maske schauen

Stellen Sie sich nun die folgenden Fragen und schreiben Sie die erste Antwort auf, die Ihnen in den Sinn kommt, ohne nachzudenken:

  • Was glaube ich, erwarten andere von mir, wenn ich diese Rolle einnehme?
  • Was würde passieren, wenn ich diese Erwartung einmal nicht erfüllen würde?
  • Welches Gefühl verberge ich hinter dieser Rolle? (z. B. Angst, Trauer, Wut, Einsamkeit)
  • Was bräuchte ich wirklich jenseits der Rolle?
  • Schritt 5: Ein kleiner Schritt zur Echtheit

Überlegen Sie: Gibt es in der nächsten Woche eine kleine, konkrete Situation, in der Sie in dieser Rolle etwas anders machen könnten – authentischer, ehrlicher, näher bei sich? Es muss nichts Grosses sein. Vielleicht könnten Sie einmal Nein sagen, obwohl Sie sonst immer Ja sagen. Vielleicht einmal sagen: «Ich weiss es nicht.» Oder jemanden um Hilfe bitten.

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