In der Siedlung «Hintere Aumatt» in Hinterkappelen leben einige hundert StockwerkeigentümerInnen seit über 40 Jahren vor, wie gemeinschaftlich organisiertes Zusammenleben funktioniert. In dieser Zeit bildeten sich zudem einige Besonderheiten heraus, die durchaus als «Juwelen der sozialen Siedlungsorganisation» gelten dürfen. UND hat sie sich näher angesehen.
Dienstag, 12.05.2026
Am Samstag, 21. März 2026, fand eine Besichtigung der Siedlung «Hintere Aumatt» in Hinterkappelen statt, an der auch das UND Generationentandem teilnahm. Die Siedlung bietet in über 200 Wohnungen Wohnraum für rund 400 Menschen. Gebaut wurde die Siedlung von 1981 bis 1992 in mehreren Etappen, wobei bei jeder Etappe neue Siedlungssegmente mit einer «Hof» genannten Allgemeinfläche im Zentrum entstanden. Juristisch handelt es sich bei den Wohnungen um privates Stockwerkeigentum. Um die Siedlungs-Angelegenheiten kümmert sich die «Miteigentümergemeinschaft», bei der nicht nach Wertquoten, sondern «nach Köpfen» bzw. Wohnpartei abgestimmt wird – wie in einer Genossenschaft. Hinsichtlich ihrer sozialen Organisation verfügt die Siedlung Hintere Aumatt über einige «Juwelen», die die Besucher besonders beeindruckten und über die der Anwohner Remo Gautschi, der die Besichtigung leitete, im Interview detailliert Auskunft gab.
Tom: Du erklärtest während Deiner Führung, dass es in der Siedlung Aumatt auch heute noch, Jahrzehnte nach ihrem Bezug, viele freiwillige Arbeitsgruppen gibt. Die Bereitschaft für Freiwilligenengagement scheint also recht hoch und nachhaltig zu sein. Dies ist nicht selbstverständlich: Andere Siedlungen sind schon wenige Jahre nach ihrer Gründung mit abnehmendem Engagement ihrer MitbewohnerInnen konfrontiert. Frage: Was ist Deiner Meinung nach das Erfolgsgeheimnis dieses langfristigen, freiwilligen Engagements?
Remo: Ich denke, dass zunächst einmal die Zusammensetzung der ersten Bewohnerschaft, bei uns «Urbewohner» genannt, ausschlaggebend war. Es waren alles gut ausgebildete Leute mit guten Jobs. Wir machten uns sogar Sorgen über die eher schlechte soziale Durchmischung. Diese «Urbewohner» jedenfalls wollten ein gemeinschaftliches Zusammenleben etablieren. Es war eine sehr aktive, zielstrebige Gruppe, die auf Partizipation setzte – und die paar Wenigen, die diese Ambitionen nicht teilten, zogen bald weiter. Damals also entstand der heute noch spürbare «Siedlungsgeist», unsere Siedlungskultur. Eine wichtige Rolle spielte ausserdem die «Regio-Genossenschaft» (heute Regio Wohnbau AG), die seinerzeit den Bau konzipierte und ausführte. Die Regio-Genossenschaft unterstützte die Idee der Selbstverwaltung, so dass die Bewohnenden die Verwaltung und die Siedlungsorganisation selbst in die Hand nehmen konnten.
Ein zweiter, wichtiger Grund war die Etappen-Bauweise. Die Siedlung war erst nach 11 Jahren fertig gebaut, denn man wartete vor jeder Etappe, ob es genug Käufer für die nächste Etappe geben würde. So kam alle paar Jahre eine neue «Welle» Leute in die Siedlung – die auch wussten, was sie erwartete, denn es hatte sich herumgesprochen, wie wir tickten. Das führte zu einer Art Vorselektion, denn die Ankommenden waren sich darüber im Klaren, dass sie hier dabei sein wollten. Das waren bei jeder «Welle» wieder ein bisschen jüngere Leute, meist mit Kindern oder kurz vor der Familiengründung, was zu einer einigermassen guten Altersdurchmischung führte. Es gab aber dann schon auch wieder Umschichtungen im Lauf der Jahrzehnte, zum Beispiel weil im Lauf der Zeit die Wohnungen immer teurer wurden, was wiederum finanziell bessergestelltes «Publikum» anzog.
Die Bauweise in Etappen hatte auch zur Folge, dass sich die ursprüngliche Siedlungskultur zuerst einmal etablieren und festigen konnte – bis zur Ankunft der nächsten Welle von Neuzuzügern, die die bereits vorhandene Siedlungskultur durchaus bereitwillig annahmen, aber auch kritisch reflektierten und weiterentwickeln halfen.
Ein weiterer Aspekt sind die vielfältigen räumlichen Möglichkeiten, die die Siedlung anbietet: Gemeinschaftsräume, Sportplatz, Sauna, Piazza, Schrebergarten, Kinderspielplätze, ein Stück Wald mit einem Hüttendorf (für die Jugendlichen), Boule-Bahn, Tischtennis, Billard, Lebensmittelladen, Weinkeller, Gemüsekeller usw., die regelrecht dazu einladen, für kulturelle und gesellige Anlässe oder für gemeinschaftliche Zwecke genutzt zu werden. Ich denke da z.B. an das Open Air-Kino, das Boule-Tournier oder den «Quartierznacht». Diese Nutzung muss aber organisiert und je nachdem auch finanziert werden, und zu diesem Zweck bilden sich dann aus den an einer Nutzung Interessierten die Arbeitsgruppen heraus.
Dann sehe ich noch folgende weitere Faktoren, die die Freiwilligenkultur begünstigen: Erstens verfügen die Arbeitsgruppen über Budgets, die fester Bestandteil der Siedlungsrechnung sind. Zweitens arbeiten die Arbeitsgruppen unabhängig voneinander, tauschen aber regelmässig ihre Erfahrungen untereinander aus. Und drittens berichten sie 2 x pro Jahr an den Eigentümerversammlungen über ihre Arbeit und werden von den Anwesenden verdankt.
Schliesslich gibt es noch finanzielle Anreize: Dank dem freiwilligen Engagement der Bewohnenden verfügt die Siedlung über attraktive Angebote, für die man anderswo deutlich mehr Geld ausgeben müsste. Ein Beispiel dafür ist die Sauna, deren Benutzung nur Fr. 5.- kostet. Viele Arbeiten an Infrastruktur und in den Aussenbereichen werden durch Bewohnende erledigt, womit in den Nebenkostenabrechnungen substanzielle Einsparungen realisiert werden. Und: Wenn gewisse Leistungen gemeinsam eingekauft und realisiert werden, sind sie günstiger.
Ganz spannend finde ich euer siedlungs-eigenes Lebensmittelgeschäft, den Aumatt-Laden. Ich habe schon verschiedene Konzepte zur Lebensmittel-Versorgung in verschiedenen Siedlungen gesehen, aber noch nie einen so professionell wirkenden Laden wie in der Aumatt. Ausserdem hattest Du die «integrative Wirkung» des Ladens betont. Wie entstand dieser Laden? Wie hält er sich finanziell über Wasser? Und woran zeigt sich die von Dir erwähnte «integrative Wirkung»?
Der Laden ist organisch gewachsen. Ganz am Anfang war das nur ein Tisch im «Hof 2» mit lokalen Bio-Produkten von mehreren fortschrittlichen Bauern und Betrieben in der Umgebung. Irgendwann fand man, dass es einen richtigen Laden brauche. Einige Anwohnerinnen bildeten darauf eine freiwillige Arbeitsgruppe und mieteten ein Atelier in der Siedlung, um darin einen Laden betreiben zu können. Doch obwohl die mitwirkenden Frauen zu einem bescheidenen Stundenlohn arbeiteten und obwohl die Produkte immer schon teurer waren als bei Migros und Coop, erwirtschaftete der Laden in der ersten Phase keinen Gewinn und konnte nur dank dem beherzten Engagement der Gründerinnen überleben. Dafür entwickelte er sich zu einer Art Dorfkern und Treffpunkt, wo man sich über die «latest news» in der Siedlung austauscht und – nachdem vor dem Laden zwei Tischchen und Stühle eingerichtet wurden – wo man eben mal zusammen Kaffee trinken geht oder sich ein Feierabend-Bier genehmigt.
In dem Wunsch nach einem Fortbestand des Ladens bei gleichzeitiger Professionalisierung wurde in den Folgejahren ein Verein gegründet, der Verein «Aumatt-Lade». Dank grosszügigen Sponsoren konnte der Verein das Ladenlokal von der Regio-Genossenschaft erwerben und vermietet das Lokal heute zum Selbstkostenpreis an eine Betreiberin, die dank der günstigen Miete, dem Erlös aus dem Lebensmittelverkauf und der Tatsache, dass der Verein die Kosten für die Kühlanlagen deckt, auch davon leben kann. Gelegentlich arbeiten sogar Schülerinnen und Schüler aus der Siedlung in dem Laden und bessern damit ihr Taschengeld auf. Heute ist der Laden mit einem reichen Angebot möglichst saisonaler, regionaler und biologischer Produkte fester Bestandteil der Siedlung und zieht sogar Kundschaft aus Nachbarssiedlungen an.
Stichwort «Ressourcenteilung»: Welche Ressourcen werden in der Siedlung Aumatt geteilt und wie ist das organisiert?
Es gibt zum Beispiel das Car Sharing. Für das Car Sharing wurden gleich zwei Genossenschaften gegründet (für zwei voneinander getrennte Einstellhallen), die rund 10 gemeinschaftlich genutzte Autos zur Verfügung stellen. Dann gibt es einen WhatsApp Siedlungs-Chat «zu verschenken», der auch für Ausleihen z.B. von Haushaltgeräten benutzt wird. Gewisse Gegenstände wurden so über die Zeit schon mehrfach rezykliert. Oder man stellt die Sachen einfach an den Eingang mit der Beschriftung «gratis abzugeben», was auch recht gut funktioniert. Und die der Miteigentümergemeinschaft gehörenden Geräte, mit denen zweimal pro Jahr die «Siedlungs-Putzete» durchgeführt wird (Reinigung und Pflege der Grün- und Allgemeinflächen), können auch von den Eigentümern privat genutzt werden. Dank all diesen Einrichtungen sind sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht beachtliche Einsparungen möglich.
Hattet ihr damals bei der Gründung der Siedlung all diese gemeinschaftlichen Angebote der Siedlung bereits geplant?
Nein, das war nicht alles von Anfang an konzipiert, sondern es hat sich so entwickelt auf der Basis des Wunsches, etwas Gemeinschaftliches aufzubauen – und natürlich auch in der Bereitschaft, Bestehendes weiterzudenken und immer wieder hinzuzulernen.