Ob Bargeld verschwindet, entscheidet nicht nur der technische Fortschritt. Es geht um Besitz, Macht und die Frage, wer über Geld verfügt – der Einzelne, der Staat oder private Akteure.
Kaum jemand zahlt heute noch überwiegend bar – und doch wollen laut einer Umfrage der Schweizerischen Nationalbank 95 Prozent der Bevölkerung das Bargeld behalten. Dieser scheinbare Widerspruch stand im Zentrum eines Politpodiums «Bald ohne Bargeld?», an dem Ökonom Dirk Niepelt, Sozialanthropologin Johanna Mugler, Richard Koller und Gemeinderätin Andrea de Meuron diskutierten.
Der Abend machte deutlich: Beim Thema Bargeld geht es um weit mehr als Nostalgie oder Bequemlichkeit.
Ein zentraler Punkt, der vielen nicht bewusst ist: Es gibt zwei grundlegend unterschiedliche Arten von Geld. Erstens das Zentralbankgeld – also Bargeld (Noten und Münzen). Dieses wird von der Nationalbank ausgegeben und ist gesetzliches Zahlungsmittel. Wer Bargeld besitzt, hat es tatsächlich in seinem Besitz.
Zweitens das Giralgeld, also das Geld auf dem Bankkonto. Dieses ist kein echtes Geld, sondern lediglich ein Versprechen der Bank, im Bedarfsfall Bargeld auszuzahlen. Der grösste Teil des Geldes im Umlauf existiert nur in dieser zweiten Form.
Das hat Konsequenzen: Würden alle Kontoinhaber gleichzeitig ihr Geld abheben wollen, wäre das unmöglich. Banken schaffen Giralgeld selbst, etwa bei der Vergabe von Hypotheken – per Buchung, nicht weil zuvor Bargeld einbezahlt wurde. Dieses System funktioniert nur, solange Vertrauen besteht.
Eine Zentralbank ist die Institution, die für das Geldsystem eines Landes verantwortlich ist. Sie gibt das gesetzliche Zahlungsmittel aus, steuert die Geldpolitik (zum Beispiel über Zinsen) und sorgt für Stabilität im Finanzsystem.
In der Schweiz übernimmt diese Rolle die Schweizerische Nationalbank (SNB). Sie ist die einzige Institution, die Bargeld (Noten und Münzen) herausgeben darf. Dieses sogenannte Zentralbankgeld ist gesetzliches Zahlungsmittel.
Geschäftsbanken wie UBS, Raiffeisen oder PostFinance dürfen hingegen kein Bargeld schaffen. Sie erzeugen sogenanntes Giralgeld, indem sie Kredite vergeben und Guthaben auf Konten gutschreiben. Dieses Geld ist kein gesetzliches Zahlungsmittel, sondern ein Zahlungsversprechen der Bank.
Geld ist kein Naturphänomen, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion. Historisch gab es oft mehrere Geldformen nebeneinander. Nationalwährungen – wie der Schweizer Franken – entstanden im Zuge der Nationalstaaten und hatten nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine emotionale und politische Funktion: Sie stifteten Zusammengehörigkeit.
Gerade deshalb ist Bargeld mehr als eine Technik. Es ist sichtbar, greifbar, vermittelt Wertgefühl – und spielt etwa in der Erziehung oder im Umgang mit Konsum eine Rolle. Digitale Zahlungen sind bequem, aber sie verändern unser Verhältnis zu Wert, Schulden und Ausgaben.
Der Rückgang von Bargeld ist kein rein technischer Automatismus. Kosten spielen eine zentrale Rolle: Bargeldlogistik ist teuer (Schätzungen gehen von bis zu 0,5 Prozent des BIP aus). In Ländern wie Schweden wurden diese Kosten gezielt auf Banken und Unternehmen überwälzt – mit dem Effekt, dass Bargeld unattraktiver wurde.
Hinzu kommen Interessen: Digitale Zahlungen erzeugen Daten, ermöglichen Kontrolle, sind leichter steuerbar. Internationale Initiativen wie die Better-Than-Cash Alliance fördern gezielt bargeldlose Systeme – auch mit Beteiligung staatlicher Akteure. Das ist keine Verschwörung, aber Ausdruck politischer Prioritäten.
Das Politpodium «Bald ohne Bargeld?» wurde von der Bargeld-Initiative inspiriert, über die die Schweizer Stimmbevölkerung am 8. März 2026 abstimmt.
Die Bargeld-Initiative verlangt, dass der Bund sicherstellt, dass Bargeld (Noten und Münzen) auch in Zukunft in genügender Menge verfügbar bleibt. Zudem sollen grundlegende Änderungen am Geldsystem – etwa eine Abschaffung von Bargeld – nur mit Zustimmung von Volk und Ständen möglich sein.
Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab, haben aber einen direkten Gegenentwurf beschlossen.
Bargeld sichere Wahlfreiheit, Privatsphäre und gesellschaftliche Teilhabe.
Es sei krisenfest, da es auch bei Strom- oder Netzausfällen funktioniere.
Bargeld ermögliche demokratische Kontrolle, da es sich direkter geldpolitischer Steuerung entziehe.
Eine Verankerung in der Verfassung schütze Bargeld vor schleichender Verdrängung.
Bargeld werde bereits heute durch Nachfrage und Nutzung bestimmt, ein zusätzlicher Verfassungsartikel sei unnötig.
Die Sicherstellung der Bargeldversorgung sei Aufgabe der Schweizerischen Nationalbank, nicht der Politik.
Eine Verfassungsregelung könne die geldpolitische Flexibilität einschränken.
Bargeldlogistik verursache hohe Kosten.
Die Schweizer Währung bleibt der Schweizer Franken.
Die Schweizerische Nationalbank wird verpflichtet, die Bargeldversorgung sicherzustellen.
Keine zusätzliche Verankerung von Bargeld als politischer Auftrag an den Bund.
Bargeld erfüllt gesellschaftliche Funktionen, die oft übersehen werden:
Gerade in Krisen oder autoritären Systemen zeigt sich, wie stark digitaler Zahlungsverkehr zur Kontrolle eingesetzt werden kann – etwa durch Kontensperren oder Zugriff auf Vermögen.
Ökonomisch lässt sich das Paradox erklären: Bargeld hat positive externe Effekte. Auch wer selbst lieber digital zahlt, profitiert davon, dass Bargeld akzeptiert bleibt – etwa weil diese Option im Notfall existiert. Wie beim Umweltschutz kann das ein Argument für politischen Schutz sein.
Am Ende geht es nicht um Technik, sondern um eine Grundsatzentscheidung:
Wie viel Wahlfreiheit, Privatsphäre und Risiko wollen wir in unserem Geldsystem akzeptieren?
Bargeld ist kein Relikt aus der Vergangenheit. Es sichert Wahlfreiheit – und verschwindet nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt. Genau deshalb lohnt es sich, jetzt darüber zu sprechen.