Freitag, 16.10.2026
Akademische Titel geniessen höchstes Ansehen, doch die Arbeitsmarkt-Realität widerlegt das heute. Warum unser festgefahrenes Bild von «Bildung» und «Ausbildung» junge Menschen in die Irre führt und welche Berufe tatsächlich Zukunft haben.
Traditionell gibt es Unterschiede im gesellschaftlichen Ansehen von gymnasialer resp. universitärer Ausbildung und beruflicher Ausbildung. Eine Studie von 2024 in den deutschsprachigen Kantonen der Schweiz zeigte, dass akademischen Abschlüssen, insbesondere den an der Universität erworbenen Abschlüssen, das höchste Ansehen in der Bevölkerung zukommt (Rolf Becker. 2024. Journal of Educational Research Online). Wie eine weitere Studie (Joye et al. 2023. Social Change in Switzerland) zeigte, die eine quantitative Rangliste zum «Ansehen von Berufen in der Schweiz» erstellt hat, geniessen Berufe mit einem akademischen Ausbildungsweg in der Regel eine höhere Wertschätzung als Berufe mit anderen Ausbildungswegen. Links sind einige Beispiele aus der Rangliste zu sehen.
Interessanterweise gibt es einen Generationenunterschied in der Bewertung von Ausbildungswegen: Vor allem jüngere Personen messen akademischen Abschlüssen einen höheren Wert zu als beruflichen Ausbildungen. Das mag auch erklären, warum viele junge Leute den Berufsabschluss nur als Zwischenetappe zu einem «höheren» Bildungsabschluss verstehen. So hat einer der beiden Autoren (Elias) die Erfahrung gemacht, dass er in seiner Tätigkeit als Pflegefachperson immer wieder mal gefragt wird: «Du machst das wohl nur als Vorbereitung für das Medizinstudium?»
Woher kommen die Unterschiede im Prestige von Ausbildungswegen? Es spielen wohl eine Reihe von Gründen mit. Da ist zum einen die Annahme, dass ein «höherer» Bildungsabschluss auch zu einem höheren Einkommen führt. Des Weiteren geht man häufig davon aus, dass eine akademische Ausbildung die grössere Chance für eine selbstbestimmte Tätigkeit bietet als eine berufliche Ausbildung. Schliesslich wird ein gymnasialer oder universitärer Weg gerne in Verbindung gebracht mit Bildung, während die berufliche Ausbildung oft als rein nutzungsorientiert verstanden wird. Allerdings liegt hier ein Missverständnis vor, das auf die unreflektierte Nutzung der beiden Begriffe, Bildung und Ausbildung, zurückzuführen ist.
Bei der Ausbildung liegt der Fokus auf dem Erlernen von Fähigkeiten, die zur Ausübung einer beruflichen Tätigkeit qualifizieren, unabhängig davon, ob es sich um eine akademische oder handwerkliche Tätigkeit handelt. Dagegen bezieht sich der Begriff der Bildung auf das Erwerben von Wissen oder kulturellen Fähigkeiten, die der persönlichen Entfaltung dienen. Ausbildung ist somit ein Baustein von Bildung, aber Bildung geht über Ausbildung hinaus. In anderen Worten: Eine akademische Ausbildung ist nicht gleichbedeutend mit Bildung, während jemand mit beruflicher Ausbildung sehr wohl ein hohes Mass an Bildung aufweisen kann. Selbst das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF vermischt die Begrifflichkeiten, indem es schreibt: «Das schweizerische Bildungssystem ist in drei Stufen unterteilt, eine Primar-, Sekundar- und Tertiärstufe, die sich durch hohe Qualität und Durchlässigkeit auszeichnen» – wobei es doch heissen müsste «Das schweizerische Ausbildungssystem.»
Das Verwechseln von Bildung und Ausbildung ist eine der Ursachen für das unterschiedliche gesellschaftlichen Ansehen von unterschiedlichen Ausbildungswegen.
Auf Grund einer höheren gesellschaftlichen Wertschätzung akademischer Ausbildungswege kommt es oft zu einem gewissen Druck auf junge Leute, dass sie studieren sollen: «Studiere, das ist deine Zukunft! Du musst etwas erreichen, also geh studieren». Doch ist diese Ansicht noch zeitgemäss?
Versuchen wir, diese Aussage, die sicherlich jeder Mensch mindestens einmal im Leben gehört hat, zu analysieren.
Stimmt der Satz «Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit»?
Die Arbeitslosigkeit in akademischen Berufen liegt zwar mit 2.9 Prozent immer noch leicht unter dem Durchschnitt, ist jedoch seit 2010 um 70 Prozent gestiegen. Die Zahl der ausgeschriebenen Stellen für akademische Berufe ist um 17 Prozent gesunken.
Im Vergleich sank die Arbeitslosigkeit bei den Personen mit einem EFZ Abschluss (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis als Abschluss einer beruflichen Grundbildung) um 40 Prozent.
Diese Entwicklungen legen nahe, dass die Annahme «akademische Ausbildung schützt vor Arbeitslosigkeit» nicht länger ein allgemeingültiger Grundsatz ist.
Ein Grund für die zunehmende Arbeitslosigkeit im akademischen Bereich ist, dass immer mehr Menschen an der Universität studieren. Seit 2010 ist die Zahl der Akademiker um 10 Prozent gestiegen. Menschen mit einem universitären Abschluss machen nun ein Drittel der Schweizer Bevölkerung aus.
Ein weiterer Grund der gestiegenen Arbeitslosigkeit ist die KI, die Aufgaben übernimmt, die früher Berufseinsteiger übernahmen. Eine KI ist für die Unternehmen um einiges günstiger als eine Person, welche die ersten praktischen Erfahrungen sammelt. Im handwerklichen Bereich ist es dagegen schwieriger, wenn nicht unmöglich, Personen durch KI zu ersetzen.
Gilt also noch «Je höher die Ausbildung, desto höher der Lohn?»
In der momentanen Situation ist es richtig, dass ein höherer Bildungsabschluss grundsätzlich mit einem höheren Lohn verbunden ist. Besonders deutlich wird der Unterschied zwischen einer EFZ-Ausbildung und einer Ausbildung auf Tertiärstufe. Da kann der Unterschied über 1 000 Franken betragen.
Vergleicht man jedoch die Universität, die theoretisch und forschungsnah orientiert ist, mit der Fachhochschule, die praxisorientiert ist, so beträgt der Lohnunterschied laut Bundesamt für Statistik mit einem Universitätsabschluss ohne Kaderfunktion lediglich 300 Franken mehr als mit einem FH-Abschluss.
Dieser Unterschied wird noch geringer, da die Nachfrage für FH-Absolvent:innen tendenziell grösser wird.
Es gibt viele Theorien darüber, welche Berufe es in Zukunft braucht. Sicher ist jedoch, dass es die Berufe sein werden, die unabdingbar sind: Fachpersonen in Gesundheitsberufen, Lehrpersonen, handwerkliche Fachpersonen und so weiter. Es sind Berufe, ohne die die Gesellschaft in der Schweiz nicht funktionieren kann und die nicht durch KI ersetzt werden können.
Jeder Mensch sollte selbst entscheiden, welche Kriterien für ihn oder sie wesentlich sind bei der Entscheidung für einen Ausbildungsweg. Niemand sollte sich primär von der gesellschaftlichen Wertschätzung eines Berufs leiten lassen. Es ist das eigene Leben, für das die Berufsentscheidung stimmen muss.